Japan

Warum die Katastrophe den Tenno nicht erschüttert

Anders als in China ist der japanische Kaiser nicht von einem "Mandat des Himmels" abhängig. Das zeigt auch die Kunst Japans.

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Japan ist nicht China. Der Tenno trägt keine Schuld an Erdbeben und Tsunami. In China ist das anders. Da wird dem Herrscher in Peking (oder wo immer die Hauptstadt in der Geschichte residierte) ein „Mandat des Himmels“ zugesprochen – solange alles gut geht. Erdbeben, Überschwemmungen und andere Naturkatastrophen aber gelten als ein Zeichen des Himmels, dass der Mann auf dem Thron seine Sache nicht gut gemacht und der Himmel ihm darum sein „Mandat“, also die göttliche (wenngleich nicht an einen Gott gebundene) Legitimität entzogen habe.

Damit konnten Usurpatoren immer wieder ihren Herrschaftsanspruch begründen. Und deshalb wechselten in China häufig die Dynastien. Selbst die Kommunisten können sich als Herrscher diesem Jahrtausende alten Glauben nicht entziehen. Deshalb müssen sie Katastrophen – wie das Erdbeben in Sichuan – Aufstände und vergleichbare Unmutsäußerungen der Natur oder der Beherrschten herunterspielen, möglichst unterdrücken, um ihre Autorität nicht Zweifeln auszusetzen.

In Japan ist das anders. Der Tenno steht außerhalb solcher Legitimitätszwänge. Er ist gottähnlich, aber nicht gottgleich, obwohl er seine Ahnenlinie auf die Sonnengöttin Amaterasu weit vor der fassbaren Zeit zurückführt. Akihito, der gegenwärtig auf dem Kaiserthron sitzt, ist der 125. Tenno, seit sich der legendäre Jimmu-tenno (ca. 660-585 v. Chr.) mit Amaterasu-o-mi-kami verband. Denn Amaterasu ist nicht Göttin im Sinne eines westlichen Verständnisses. „kami“, ein unübersetzbares, nur zu umschreibendes Wort, verrät das. Damit werden im Shinto Wesen umschrieben, die gleichsam das gesamte Spektrum zwischen Naturgeist und Gott ausfüllen, denen man Bitten übermittelt, die aber nicht angebetet werden.

Eine solche Unbestimmtheit ist auch für den Status des Tenno charakteristisch. Er repräsentiert Japan, aber er regiert es nicht. Deshalb war das Shogunat, die Herrschaft des Tokugawa-Clans, der Anfang des 17. Jahrhunderts den Tenno entmachtete, ihn jedoch auf dem Thron beließ, nicht mit einem Dynastie-Wechsel wie in China zu vergleichen.

Das zeigte sich bei dem großen Ansei-Edo-Erdbeben von 1855. Weil die Shogune damals, wie zwei Jahre zuvor bei der gewaltsamen „Öffnung Japans“ durch die „schwarzen Schiffe“ des US-Commodore Perry, im „Krisenmanagement“ versagten und keine ausreichenden – das Volk beruhigenden – Hilfen zu organisieren vermochten, wurde das zum Anfang für den Abstieg des Shogunats. Das endete 1868, als der junge Meiji-Tenno den Thron bestieg und eine rigorose Verwestlichung einleitete. Ihr verdankt Japan, trotz der Niederlage im Pazifischen Krieg und der Auflagen der Alliierten, die das Land und das Kaiserhaus akzeptieren mussten, seinen Aufstieg zur Weltmacht.

Nicht unwesentlich für diese Transformation war, dass der Tenno, mehr Symbol als Staatsoberhaupt, mehr im Hintergrund als öffentlich präsent, als Konstante angesichts der unruhigen, unsteten Regierungen wirkte. Deshalb war es jetzt ungewöhnlich, dass Akihito in einer Fernsehansprache die Opfer der Naturkatastrophe seiner Teilnahme an ihrem Schicksal versicherte. Denn Gefühle zu äußern widerspricht dem japanischen Umgang miteinander, der von Konventionen und Ritualen geprägt wird.

Das spiegelt sich durchaus auch in der Kunst. Obwohl Erdbeben, Vulkanausbrüche, Taifune wie Überschwemmungen zu den Erfahrungen gehören, die jeder Japaner macht, sind sie kein Thema der Maler. Allenfalls findet man bei den großen Meistern des Holzschnitts, bei Hokusai oder Hiroshige, die Unwirtlichkeit überraschenden Regens oder die winterliche Schneefülle in Bilder gefasst. Und die „Große Welle von Kanagawa“, die nicht nur Hokusai in seinem wohl berühmtesten Holzschnitt verewigte, ist kein Tsunami.

Selbst Kamikaze, jener „göttliche Wind“, der im 13. Jahrhundert zweimal den mongolischen Versuch einer Invasion Japans scheitern ließ, ist kein Bildthema – obwohl heroische Schlachtszenen, die historischen, wie die des japanisch-chinesischen Krieges von 1895, der Holzschnittkunst nicht fremd sind – wenn sie Todesmut und Sieg huldigen.

Die Natur aber erscheint nur gezähmt, meist mit melancholischem Timbre in der Bildwelt der Malerei. Und auch der der Dichtung. Auf die Frage, warum Erdbeben, Vulkanausbrüche, Stürme kein Thema des Haiku, des japanischen Kurzgedichts seien, antwortet ein Poet: „Weil sie sich nicht den Jahreszeiten zuordnen lassen“, also weil sie sich mit ihrer Regellosigkeit der Vorliebe, Kunstfertigkeit im Rahmen strenger Regeln zu entfalten, verweigern (deutsche und englischsprachige Haiku-Adepte kennen solche Hemmungen nicht – wie das Internet verrät. Da werden wacker Betroffenheit und Dichterehrgeiz gemixt, um Fukushima und den – der Sprachlogik widersprechenden - „Super-Gau“ in das Dreizeilenschema zu zwingen).

Der Versuch, Takashi Murakamis knatschbunte Popfiguren, die seit einigen Jahren auf dem Kunstmarkt reüssieren, als „Allegorien des atomaren Traumas“ zu interpretieren, wie es dieser Tage geschah, ist lächerlich. Dazu sind sie zu unseriös.

Anders als in der Literatur werden die Katastrophen, die das Inselreich tief verunsicherten, wie das Erdbeben von Kanto 1923, und die Niederlage 1945, die sich für Japan vor allem mit den Atombombenabwürfen auf Hiroshima und Nagasaki verbindet, kaum bildkünstlerisch aufgegriffen. Yu-Ichis kalligraphisches Leporello „Die Bombardierung Tokyos“ ist deshalb ein Monolith. Und die populären Farbholzschnitte, die im 19. Jahrhundert die Katastrophen drastisch wie einst die Bilderbogen aus Epinal servierten, sind längst durch Fotos abgelöst. Nur im Plakat erweist sich als ein Medium, das aktuelle Ängste in griffige Bilder umsetzt.