1771

Als der Premier mit der Königin verschwand

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Jan von Flocken

Zur Mittsommernacht 1770 hatte König Christian VII. von Dänemark einen Maskenball arrangiert. Man zog in skurrilen Verkleidungen durch Schloss Christiansborg. Ein Herr verschwand mit einer maskierten Dame in der nächstbesten Loge – eigentlich kein ungewöhnlicher Vorfall. Wäre besagte Dame nicht Königin Karoline Mathilde und ihr Galan der künftige Premierminister Struensee gewesen. Dänemark stand eine Revolution bevor.

Als Johann Friedrich Struensee sich 1751 in die Matrikel der Universität seiner Heimatstadt Halle an der Saale einschreibt, ist er erst 14 Jahre alt. Der intelligent-frühreife Pastorensohn absolviert sein Medizinstudium mit Bravour und promoviert 1756 „summa cum laude“ zum Doktor. Nach zwei Jahren, die ihn als Wanderarzt u. a. nach Berlin führen, landet er 1758 in Altona, damals die südlichste Stadt Dänemarks. Nachdem Struensee dort „Stadtphysikus“ (Amtsarzt) geworden ist, lernt er viel soziales Elend kennen. Er will den Menschen helfen und gleichzeitig seinen brennenden Ehrgeiz befriedigen.

Struensee verkehrt zu Altona in der gehobenen Gesellschaft und lernt dort den Grafen Karl von Rantzau kennen, der Beziehungen zum Kopenhagener Königshof pflegt. Rantzau glaubt in dem umtriebigen Doktor einen geeigneten Mann gefunden zu haben, um die desolaten Verhältnisse der königlichen Familie zu bereinigen. Der seit 1766 regierende König Christian VII. ist ein geistig minderbemittelter Rohling. Seine Ehe mit der blutjungen englischen Prinzessin Karoline Mathilde gestaltet sich denkbar unglücklich. Das Paar zeugt zwar pflichtgemäß ein Kind, geht sich aber ansonsten tunlichst aus dem Weg. Beide brauchen dringend einen Arzt, meint Rantzau, „der eine für seinen kranken Geist, die andere für ihre einsame Seele“.

Struensee wird königlicher Leibarzt

1768 wird Struensee dem König vorgestellt, die beiden begeben sich auf eine Deutschlandreise, verstehen sich sogar bestens und schon 1769 beruft man den Deutschen als königlichen Leibarzt nach Kopenhagen. Hier begegnet er der erst 18-jährigen Karoline Mathilde, die sich Hals über Kopf in den klugen, weltläufigen Mann verliebt. Struensee erwidert dieses Gefühl und beide machen bald kein Hehl mehr aus ihrer Beziehung. König Christian, latent homosexuell, duldet das stillschweigend – ganz im Gegensatz zu seiner Mutter und der orthodoxen dänischen Geistlichkeit.

Sein intimes Verhältnis zum Königshaus nutzt Struensee politisch aus. Im September 1770 entlässt der König auf seinen Wunsch den Leitenden Minister Johann Graf Bernstorff. Statt seiner wird der deutsche Doktor zunächst „Meister der Berichte“ und im Juni 1771 „Geheimer Kabinettsminister“, womit die Leitung der Innen- und Außenpolitik des Landes in seinen Händen liegt. Im Juli 1771 erhebt ihn Christian sogar in den Grafenstand und just zu dieser Zeit bringt Karoline Mathilde eine Tochter zur Welt. Struensee erkennt sie als sein Kind an, was einen Skandal hervorruft.

Stuensee will nur das Beste für Dänemark

Nun folgt die wohl hektischste Zeit in der Geschichte Dänemarks. Binnen 16 Monaten erlässt Struensee fast 1800 Gesetze und Verordnungen. Das Land soll ein moderner aufgeklärter Staat werden. Der neue Premierminister schafft nach preußischem Muster die Pressezensur und die Folter ab, lässt die Frondienste der Bauern beschränken, vereinheitlicht die Rechtsprechung, ruft Bildungs- und Wohlfahrtsanstalten ins Leben. All dies geschieht im Hauruck-Verfahren ohne Rücksicht auf berechtigte Einwände oder Bedenken.

Häufig zeitigen gut gemeinte Maßnahmen gegenteilige Resultate. So will Struensee das Übel der Korruption eindämmen und verbietet bei drakonischen Strafen die bis dato allgemein übliche Bestechung von Beamten. Dadurch wurde Tausenden die Existenzgrundlage entzogen, denn die Bezahlung der niederen Beamtenschaft war so erbärmlich niedrig, dass sie dringend auf Schmiergelder angewiesen war. Man hätte also gleichzeitig die Gehälter der Beamten erhöhen müssen, was aber unterblieb.

Um neuzeitliche liberale Wirtschaftstheorien zu verwirklichen, hebt Struensee die Einfuhrzölle für ausländische Waren auf. Als Folge wurden tausende Lohnarbeiter arbeitslos, die einheimischen Fabrikanten und Reeder erlitten Millionenverluste. Erschwerend kommt hinzu, dass Struensee kein Wort Dänisch spricht und sämtliche Verordnungen in Deutsch abgefasst sind. Das empfinden viele als Affront; überdies können in der ausufernden Gesetzesflut manche Vorhaben schlicht aus Zeitmangel nicht realisiert werden.

Der deutsche Arzt wird zum Tode verurteilt

Ende 1771 hat sich Johann Friedrich Struensee fast das ganze Land zum Feind gemacht. „Pillendreher“ nennt man ihn verächtlich. Seine wohlmeinenden Maßnahmen haben das Land in ein verwaltungstechnisches Chaos gestürzt. Die ehebrecherische Beziehung zur Königin erregt zunehmend Anstoß.

Im Januar 1772 verbündet sich eine Hofkamarilla gegen den Staatsminister. An ihrer Spitze stehen die Königinmutter und Ove Guldberg, Erzieher des Kronprinzen. Am Morgen des 17. Januar nötigen sie dem schwachsinnigen Christian VII. einen Haftbefehl ab. Struensee wird noch am selben Tag in der Zitadelle von Kopenhagen interniert. Man klagt ihn wegen Machtmissbrauch, Ehebruch und Verschwörung gegen die Krone an. Am 6. April 1772 wird er zum Tode verurteilt und am 28. April auf dem Osterfeld zu Kopenhagen hingerichtet. Der Henker schlägt ihm erst die rechte Hand, dann den Kopf ab.

Karoline Mathilde wird zur Scheidung genötigt und stirbt kaum 24-jährig im deutschen Exil. Christian VII. fällt 1784 einer Palastrevolution zum Opfer, nachdem zuvor nahezu alle Verordnungen Struensees annulliert wurden.