Weltall

Wird der Mars bald ein kapitalistischer Planet?

In 30 Jahren soll der Mars besiedelt werden. Jetzt ist Zeit für Fragen der Ethik. Müssen autarke Marssiedlungen politisch unabhängig sein? Und dürfen wir den Roten Planeten überhaupt kolonisieren, wenn es dort Leben gibt? Außerdem ist es eine Frage der Zeit: Warum sollte sich der Mars nach der Erde richten?

Als die US-Raumfahrtbehörde Nasa um die Jahreswende eine Pressemitteilung zum fünfjährigen Dienstjubiläum ihrer beiden Marsroboter "Spirit" und "Opportunity" verschickte, übernahmen die Medien weltweit eifrig die Meldung. Die Konsequenz: Alle Lobreden auf die ungewöhnliche Ausdauer der Mars Exploration Rover wurden eigentlich zum falschen Zeitpunkt gehalten.

Denn warum sollte man sich für eine Jubiläumsfeier auf dem Mars am Erdkalender orientieren? Fünf Marsjahre sind, wegen des fast doppelt so lange dauernden Umlaufs um die Sonne, noch lange nicht erreicht. Genau betrachtet zeigt also die in Himmelsangelegenheiten sonst sehr gut bewanderte Nasa einen eigentümlichen und falschen Geozentrismus.

Tatsächlich ließe sich ein anderes Jubiläum feiern. Denn die Wissenschaftler bei der Raumfahrtagentur haben für die Missionsplanung anfangs durchaus die Marszeit zugrunde gelegt: Auf eine Lebensdauer von 90 Sols (Marstage) waren die Rover ursprünglich ausgelegt. Ein Sol ist aber fast 40 Minuten länger als ein Erdtag. Die 20-fache Plan-Übererfüllung von 1800 Sol feierte die zuerst gelandete "Spirit" am letzten Sonntag. "Opportunitys" Ehrentag steht demnächst, am 15. Februar irdischer Zeit, an.

Der amerikanische Science-Fiction-Autor Kim Stanley Robinson hat aus der Differenz der planetaren Rhythmen den "Zeitschlupf" gemacht. In seiner Mars-Trilogie ("Roter Mars", "Grüner Mars", "Blauer Mars"), die von der Besiedelung des Roten Planeten erzählt, lässt Robinson um Mitternacht die Uhren für knapp 40 Minuten anhalten, um die Zeitrechnung auf dem Mars mit der irdischen abzustimmen. Den Menschen auf dem Mars erlaubt diese Lücke, jede Nacht eine Weile aus dem "erbarmungslosen Lauf des Sekundenzeigers" auszuscheren. Partys erreichen dann häufig ihren Höhepunkt.

40 Extraminuten täglich zum Feiern, Meditieren, Spielen oder Schlafen - das klingt erst einmal verlockend. Warum aber sollten die Uhren von Erde und Mars überhaupt synchronisiert werden? Warum sollte sich der Mars nach der Erde richten?

Es ist das alte Konzept von Zentrum und Peripherie, von Mutterland und Kolonie. Auf der Erde hat es regelmäßig zu schmerzhaften Abnabelungen geführt. Es gab spektakuläre Protestaktionen wie die Boston Tea Party von 1773 oder Mahatma Gandhis Salzmarsch. Aber meistens mündete der neuzeitliche Kolonialismus in Gewalt, Folter und Krieg. Es wäre geradezu idiotisch, diesen Irrweg demnächst im Weltall fortzusetzen.

Europa hat sein Weltraumlabor auf der Internationalen Raumstation (ISS) "Columbus" genannt und hat es damit zu einem historischen Mahnmal im Orbit gemacht. Es erinnert an den Wagemut und die Entschlossenheit europäischer Seefahrer - aber auch an das viele Leid, das die europäische Expansion über die Erde gebracht hat. Wer sich in die Tradition der europäischen Entdecker stellt, tritt damit auch ihr blutiges Erbe an und muss Wege benennen, wie solche Entwicklungen in Zukunft vermieden werden können. Eine wichtige Forderung ist die nach völliger Unabhängigkeit der zukünftigen Siedlungen im Weltraum.

Erste Städte auf dem Mond erwartet die "International Lunar Exploration Working Group" ab etwa 2060. Schon aus wirtschaftlichen Gründen dürfen sie auf Dauer nicht auf regelmäßige, teure Versorgungslieferungen von der Erde angewiesen sein, sondern müssen so bald wie möglich vollständige Autarkie erreichen. Die ist aufgrund der Mars-Ressourcen leichter erreichbar als etwa auf dem Mond. Die Autarkie muss durch eine uneingeschränkte politische Souveränität flankiert werden. Wenn die Bewohner einer Siedlung im All zu dem Schluss kommen, nunmehr auf eigenen Füßen stehen und mit ihren Ressourcen überleben zu können, sollten sie ihre Unabhängigkeit mit einer einfachen, formellen Erklärung feststellen können. Siedlungen im Weltraum sind keine Investitionen, es sind Kinder der Erde. Wenn sie reif genug sind, bestimmen sie allein ihren weiteren Lebensweg, ohne irgendwelche Verpflichtungen gegenüber dem Mutterplaneten.

Soll es im All eine kapitalistische Geldwirtschaft wie auf der Erde geben, die am Ende womöglich auch die Atemluft zu einer Ware macht? Oder soll den Menschen alles zum Leben Notwendige frei zugänglich sein? Die Entscheidung darüber darf nicht auf der Erde getroffen werden, es ist einzig und allein Angelegenheit der Weltraumbewohner, ebenso wie der Takt, in dem ihre Uhren ticken.

Das traurigste Kapitel der irdischen Kolonialgeschichte ist indessen der Umgang mit Ureinwohnern. Niemand kann ernsthaft wollen, dass sich Völkermorde und Massenversklavungen wie im Gefolge der europäischen Entdeckungsreisen noch einmal wiederholen. Ureinwohner auf dem Mars? Ist der Vergleich mit der Erde in diesem Fall nicht absurd? Konsequent gedacht: nein.

In der Science-Fiction wird häufig ein Nichteinmischungsprinzip postuliert, so etwa in der Fernsehserie "Star Trek". Dort gilt für die Mitglieder der Vereinigten Föderation der Planeten ein prinzipielles Verbot, auf die Entwicklung einer Zivilisation Einfluss zu nehmen. Ein gutes Modell für die Realität. Der Mars, der unlängst von der US-basierten Lobbyorganisation "Planetary Society" als vorrangiges Ziel für bemannte Missionen propagiert wurde, könnte sich daher als ungeeignet für eine Besiedelung durch Menschen erweisen. Zwar rechnet niemand ernsthaft damit, auf unserem Nachbarplaneten eine hoch entwickelte Zivilisation zu finden, wie es etwa Ray Bradbury in den 1940er-Jahren in seinen "Mars-Chroniken" beschrieben hat. Viele Wissenschaftler halten es aber für möglich, dass sich wenige Meter unter der Oberfläche und in anderen geschützten Bereichen Mikroorganismen erhalten haben. Erst vor Kurzem berichteten US-Forscher von Methan-Konzentrationen in der Marsatmosphäre, die auf biologische Aktivitäten deuten.

Wer Columbus' Fehler vermeiden will, muss jegliche auf dem Mars existierende Lebensform als Besitzer des Planeten ansehen und respektieren. Das Argument, es handle sich "nur" um Mikroben, greift nicht. Schließlich wurden die Verbrechen gegen die Ureinwohner Amerikas und anderer Kontinente auch damit gerechtfertigt, dass sie nicht als vollwertige Menschen eingestuft wurden. Vielleicht bilden die vermeintlich "primitiven" Mikroorganismen ja gemeinsam einen Superorganismus, sind womöglich die Nervenzellen eines planetaren Gehirns, also viel höher entwickelt, als es auf den ersten Blick erscheint. Wissen wir's?

Forscher wie der britische Mikrobiologe Charles Cockell haben gefordert, außerirdisches Leben bis zum Beweis des Gegenteils grundsätzlich als intelligent und leidensfähig anzusehen. Das heißt auch, dass wir einen von Lebewesen jeglicher Art bewohnten Planeten nicht betreten dürfen, es sei denn, wir würden klar und unmissverständlich dazu eingeladen oder durch einen Notfall gezwungen.

Falls die Robotersonden, die in den kommenden Jahren auf unserem Nachbarplaneten nach Leben suchen, tatsächlich fündig werden sollten, wäre eine Landung von Menschen daher bis auf Weiteres moralisch nicht vertretbar, die Landung weiterer Roboter fraglich. Wir müssten uns zunächst auf die Beobachtung aus der Umlaufbahn beschränken.

Es wäre sicherlich nicht leicht, auf den Mars als Ziel bemannter Missionen zu verzichten, bietet er doch aufgrund seiner Rohstoffe in unserer kosmischen Nachbarschaft die besten Bedingungen für eine permanente menschliche Präsenz. Die Ansiedlung etwa auf den Marsmonden dürfte dagegen erheblich schwieriger werden. Aber der einfachste Weg ist nicht immer der beste. US-Präsident John F. Kennedy begründete das Apollo-Programm 1962 mit den Worten: "Wir haben uns entschlossen, zum Mond zu fliegen (...) nicht weil es leicht ist, sondern weil es schwer ist; weil uns dieses Ziel dazu dienen wird, das Beste aus unseren Energien und Fähigkeiten herauszuholen und sinnvoll einzusetzen."

Das ist auch für den jetzt bevorstehenden erneuten Aufbruch ins All eine gute Leitlinie. Wobei wir es uns nicht nur in technologischer Hinsicht schwer machen sollten, sondern vor allem in geistig-moralischer. Wir haben im All die Chance, ausgetretene Pfade zu verlassen und kulturell, sozial und politisch neue Wege zu beschreiten. Das erfordert größere Anstrengungen als die Fortschreibung des Status quo, wird aber jede Mühe wert sein.

Arthur C. Clarke hat in seiner berühmten Kurzgeschichte "The Sentinel" - sie inspirierte Stanley Kubrick zu seinem Film "2001: Odyssee im Weltraum" - beschrieben, wie die Menschen auf dem Mond die Hinterlassenschaft einer alten Zivilisation finden.

Vielleicht entwickelt sich die Geschichte genau umgekehrt: Jahrmillionen in der Zukunft mögen sich die Mikroben des Mars zu komplexeren Lebensformen entwickelt und Raumschiffe gebaut haben - und entdecken auf den Marsmonden die Überreste menschlicher Forschungsstationen, von denen aus sie jahrtausendelang beobachtet wurden. Ist das für die menschliche Erkundung des Weltraums nicht ein viel erhabeneres Ziel als die Ausbeutung anderer Welten für schnöde irdische Profite?