Hirnforschung

Im mittleren Alter ist das Gehirn am schnellsten

Reaktionszeit ist offenbar reine Nervensache: US-amerikanische Hirnforscher haben jetzt überraschende Erkenntnisse gewonnen: Unser Gehirn, sagen sie, ist mit 39 Jahren am schnellsten – danach baut es unaufhaltsam ab. Schuld ist die schleichende Zersetzung von Nervenhüllen.

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Als der deutsche Profi-Boxer Henry Maske am 31. März 2007 in der Münchner Olympia-Halle gegen Virgil Hill antrat, überkamen zwei Drittel der Deutschen Zweifel und Mitleid mit Maske, dem Publikumsliebling und Gentleman-Sportler. Der Grund war einfach nur eine Ziffer: die Zahl 43. Henry Maske, der 3748 Tage zuvor vom Boxsport zurückgetreten war, kehrte im Alter von 43 Jahren in den Ring zurück. Er gewann über zwölf Runden nach Punkten.


43 Jahre: Das ist im Boxsport in etwa jenes Lebensalter, das in der Renaissance mit der Lebenserwartung gleichzusetzen war. Heute ist es der Beginn der zweiten Lebenshälfte, der mittleren Jahre, der „Zenit des Lebens“ – kurz: jenes Alter, in dem es für die einen erst richtig losgeht, während die anderen langsam damit beginnen, sich zur Ruhe zu setzen. Diese gefühlte Altersschwelle haben amerikanische Neurologen jetzt mit medizinischen Fakten belegt: Unser Gehirn, sagen sie, ist mit 39 Jahren am schnellsten – um sich dann unaufhaltsam zu verlangsamen.


Schuld ist der stetige Verlust einer Fettschicht im Hirn, welche die Nervenzellen umgibt – und die ab 40 schrittweise zu schrumpfen beginnt. Dieser schützende Mantel ist in der Neurologie als Myelinscheide bekannt. Die Schicht funktioniert ähnlich wie die Plastikhülle, die Elektrokabel isoliert: Sie erlaubt eine rasche Übertragung elektrischer Signale in unserem Hirn.


Die Wissenschaftler der Universität von Kalifornien in Los Angeles untersuchten Männer zwischen 23 und 80 Jahren. Die Probanden sollten auf ein Signal hin mit dem Finger auf einen Tisch klopfen, während die Hirnforscher die Reaktionszeit stoppten. Gleichzeitig blickten die Forscher ihren Testpersonen mittels Kernspintomografen ins Hirn. Das Ergebnis war: Am besten schnitten die 39-Jährigen im Reaktionstest ab. Entsprechend fielen ihre neurologische Isolierungen durch eine robuste Dichte auf. Der Zusammenhang war offensichtlich: Je dichter die schützende Fettschicht im Hirn, umso flinker die Reaktion der Testkandidaten.

Ihre Studie fassen die Forscher in „Neurobiology of Ageing“ zusammen: Demnach baue sich die Isolierung der Nerven bis zum vierzigsten Lebensjahr stetig auf, bis dahin schaffe es der Körper auch spielend, Schäden zu reparieren. Danach lässt diese Fähigkeit offensichtlich nach, die Myelinscheide schrumpft. George Bartzokis, Leiter der Versuche, sagte dem „Daily Telegraph“: „Der Körper ist ab diesem Alter einfach nicht mehr schnell genug im Reparieren.“ Entsprechend der betroffenen Nerven lassen die körperlichen und geistigen Leistungen nach. Der Abbau beeinträchtigt das Denken und die Wahrnehmung, vermuten die Forscher. Die schrumpfende Myelinschicht sei im Übrigen auch der Grund, warum sich alte Menschen langsamer bewegen – selbst wenn die Gelenke nicht arthritisch gehandicapt sind, sagt Bartzokis.

In seiner Studie habe er zwar nur die Reaktionen getestet, dennoch könne man die Ergebnisse auch auf andere Gehirnfunktionen übertragen, bei denen es darauf ankommt, dass Reize rasch übertragen werden – zum Beispiel das Gedächtnis.