Gesundheit

Schon Kinder kommen zu oft in den Tomographen

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Noch nie wurde der menschliche Körper so detailliert dargestellt wie heute. Ohne aufzuschneiden, sieht man jedes Organ, dreidimensional, auf Wunsch in Farbe. Folge ist aber auch: Immer mehr Kinder werden mit dem Computertomografen untersucht. Dabei ist die Strahlenbelastung trotz moderner Geräte hoch.

Noch nie wurde der menschliche Körper so detailliert dargestellt wie heute. Ohne aufzuschneiden, sieht man jedes Organ, dreidimensional, auf Wunsch in Farbe. Dank moderner Computertomografen (CT) können Mediziner heute schneller und verlässlicher erkennen, ob innere Organe krank oder gesund sind.

Doch so modern die CT heute sind – ohne Röntgenstrahlung kommen sie nicht aus. Und das ist vor allem in der Kindermedizin ein Problem. Denn bei Kindern kann ionisierende Strahlung langfristig schlimmere Folgen haben als bei Erwachsenen: Ihre Organe entwickeln sich noch und können durch die Strahlen geschädigt werden. Ruft die Strahlung Zellveränderungen hervor, so ist bei Kindern länger mit Folgeschäden wie Krebs zu rechnen als bei Erwachsenen.

Eine Studie, die Forscher um David J. Brenner vom Zentrum für Radiologische Forschung an der Columbia-Universität in New York im November 2007 im „New England Journal of Medicine“ veröffentlichten, zeigte, dass seit der Einführung der Computertomografie in den 1970er-Jahren auf mittlerweile über 62 Millionen Aufnahmen pro Jahr in den USA gestiegen ist. Vier Millionen der 62 Millionen Aufnahmen heute wurden bei Kindern gemacht. 1980 waren es bei Erwachsenen und Kindern zusammen nur drei Millionen CT-Aufnahmen. Offenbar werden in den USA sogar CTs durchgeführt, obgleich andere Diagnosemethoden, etwa Ultraschall oder Magnetresonanztomografie, genauso gute oder sogar bessere Ergebnisse bringen würden: Beispielsweise, um eine simple Blinddarmentzündung abzuklären.

Dass die Ärzte Patienten relativ gerne im Computertomografen untersuchen, liegt auch an der Möglichkeit der Erstellung von dreidimensionalen Bildern: Dadurch, dass beim Weg des Körpers durch die Röhre viele Röntgenbilder aus verschiedenen Positionen aufgenommen und in den Computer eingespeist werden, kann der Arzt aus diesen Daten anschließend auch ein räumliches Organ rekonstruieren – anders als bei einem normalen Röntgenbild.

Zudem sind die modernen Computertomografen mittlerweile sehr schnell – dadurch nivelliert sich, abgesehen von der weitaus besseren Information, auch der Zeitvorteil, den eine normale Röntgenaufnahme gegenüber einem CT bis in die 1980er-Jahre hatte. Kein Wunder also, dass die amerikanischen Ärzte auch Kinder immer häufiger durch die „Röhre“ schicken: Sie müssen nur kurz still liegen. Die Bilder der inneren Organe ermöglichen hinterher eine vergleichsweise sichere Diagnose. Doch das Problem der Strahlenexposition bleibt.

Immerhin, deutsche Mediziner scheinen sich des Problems von ionisierender Strahlung bewusster zu sein als ihre amerikanischen Kollegen. Dennoch nehmen CT-Untersuchungen einen immer größeren Anteil an der durchschnittlichen Strahlenbelastung der Bundesbürger ein. Eine Umfrage der Medizinischen Hochschule Hannover um Michael Galanski, den Leiter der dortigen Radiologie, aus den Jahren 2005 und 2006 zeigt, dass in Deutschland nur etwa ein Prozent der CT-Untersuchungen bei Kindern durchgeführt wird. In Amerika sind es 6,5 bis 7 Prozent.

Aber wann ist eine CT für ein Kind unumgänglich? „Es gib Erkrankungen, bei denen ein CT erforderlich ist“, sagt Brigitte Stöver, Leiterin der Kinderradiologie an der Berliner Charité. Etwa wenn der Kopf des Kindes verletzt ist: „Wenn ein Kind ein akutes Schädelhirntrauma mit neurologischen Symptomen aufweist, ist ein CT des Schädels nötig. Oder wenn es plötzliche Bewusstseinsstörungen zeigt, oder bei dem Verdacht auf akute Hirndrucksteigerung oder bei Gesichtsschädelfrakturen.“ Auch bei Untersuchungen der Lunge erreichen die Mediziner mit einem CT besonders gute Erkenntnisse. „Lungenmetastasen oder aber gut- oder bösartige Veränderungen im Thorax und der Thoraxwand sind mit dem CT zu untersuchen.“

In anderen Bereichen sind Methoden ohne Strahlenexposition mindestens genauso gut wie die CT oder Röntgenuntersuchungen. Generell kann man mit der Magnetresonanztomografie (MRT) besser Weichteil- und Muskelerkrankungen darstellen. „Auch Organe, Gefäße und insbesondere das Zentralnervensystem kann man im MRT gut untersuchen“, sagt Stöver. „Die MRT muss, da sie keine ionisierenden Strahlen erfordert, trotz der höheren Kosten immer dann eingesetzt werden, wenn es um Jugendliche oder Kinder geht.“

Ein wichtiger Bereich, aus dem die gesamte Bildgebung heute nicht mehr wegzudenken ist, ist die Kinderonkologie. „Bei Krebs im Kindesalter muss der Tumor erkannt und dargestellt werden. Seine Veränderung während einer Therapie muss verfolgt werden“, sagt Stöver. „Nur so kann der richtige Zeitpunkt festgelegt werden, wann ein Tumor chirurgisch entfernt werden kann. Nur mit bildgebenden Verfahren können wir auch verfolgen, ob ein Tumor erneut wächst oder Metastasen gebildet hat.“

Stellt sich die Frage nach Lungenmetastasen, ermöglichen moderne Computertomografen und erfahrene Radiologen, die Strahlendosis so gering wie möglich einzustellen, also nur ein eng umgrenztes Körpergebiet mit der geringsten notwendigen Strahlung zu untersuchen.

Eltern, die entscheiden müssen, ob sie ihr Kind durch die CT-Röhre schicken, sollten unbedingt auf moderne Geräte und ausgewiesenes Können der Radiologen achten.