Medikamente

Aspirin soll Darmkrebsrisiko deutlich verringern

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Aspirin kann Menschen mit erhöhtem Darmkrebsrisiko schützen. Aber Experten raten: Nicht jeder sollte jetzt vorsorglich zur Tablette greifen.

Es ist ein stetiges Abwägen der Vor- und Nachteile: Der Aspirin-Wirkstoff ASS (Acetylsalicylsäure) kann einer Studie zufolge jede vierte Darmkrebs-Erkrankung verhindern. Die tägliche Einnahme einer geringen Dosis verringert die Gefahr, an einem Darmtumor zu sterben, sogar um über ein Drittel. Aber Experten warnen vor den Nebenwirkungen des Medikaments, das Magenbeschwerden oder Blutungen verursachen kann. Wer nicht besonders Darmkrebs-gefährdet ist, so mahnen sie, sollte solche Probleme nicht riskieren und auf die medikamentöse Prävention verzichten.

Darmkrebs ist in Deutschland die zweithäufigste Tumorart. Jährlich erkranken daran rund 70.000 Bundesbürger, und fast 30.000 sterben an einem solchen Karzinom. Das Erkrankungsrisiko eines Menschen liegt in den Industrieländern bei etwa fünf Prozent.

In der Vergangenheit hatten Studien gezeigt, dass eine tägliche ASS-Dosis ab 500 Milligramm zwar vor Darmtumoren schützen kann. Aber Experten warnten, dass bei dieser großen Menge die Gefahren des Medikaments schwerer wiegen als dieser Vorteil. Nun hat eine Untersuchung ermittelt, dass ASS auch in viel geringerer Dosierung durchaus noch einen Schutzeffekt hat.

Die europäischen Forscher werteten vier britische und schwedische Langzeitstudien aus, an der mehr als 14.000 Menschen teilgenommen hatten. Die Studien sollten ursprünglich ermitteln, ob das Präparat vor Schlaganfällen schützt. Eine Gruppe der Teilnehmer nahm ASS in normaler oder geringer Menge, andere bekamen – je nach Untersuchung - entweder ein Scheinpräparat oder aber gar keine Pille.

Resultat: Wer ASS täglich in gewöhnlicher oder kleiner Dosis schluckte, senkte im Lauf von 20 Jahren das Erkrankungsrisiko – im Vergleich zu Abstinenz oder der Einnahme eines Scheinpräparats – um 24 Prozent. Die Gefahr, an Darmkrebs zu sterben, sank sogar um 35 Prozent. Und für diesen Schutzeffekt genügte nicht nur die normale Menge von 300 Milligramm, sondern schon ein Viertel davon – 75 Milligramm.

Mit dieser geringen Dosis sinkt auch das Risiko für Komplikationen deutlich, etwa für Magenreizungen, für kleinere Darmläsionen oder für größere Blutungen. Damit könnte das Medikament den Forschern zufolge durchaus zu einem Bestandteil der Krebsprävention werden – auch wenn sie mahnen, vor dem Beginn einer solchen Vorgehensweise unbedingt mit dem Hausarzt zu sprechen.

„Jeder Mensch, der Risikofaktoren aufweist, wie Erkrankungsfälle in der Familie oder frühere Darmpolypen, sollte definitiv Aspirin nehmen“, sagt der an der Studie beteiligte Peter Rothwell von der englischen Universität Oxford. Auch wenn jemand erwägt, sich mit dem Wirkstoff vor Herzinfarkt und Schlaganfall zu schützen, könnte die im renommierten Fachblatt „The Lancet“ publizierte Studie das Zünglein an der Waage spielen und den Ausschlag zugunsten der Arzneiprävention geben.

Die vier Studien starteten allerdings schon, bevor Programme zur Früherkennung der Krankheit anliefen. Und diese Darmspiegelungen senken das Sterberisiko eines Menschen noch wesentlich deutlicher, um etwa 40 bis 70 Prozent. Dennoch könnte ASS nach Ansicht Rothwells zusätzlich helfen: Der Wirkstoff schütze auch vor jenen Tumoren im oberen Verdauungstrakt, die bei der Vorsorge oft übersehen werden, sagt der Mediziner. Die positive Wirkung des Präparats erklärt Rothwell damit, dass ASS die Bildung eines Enzyms verhindert, das an der Entstehung von Krebs beteiligt ist.

Nicht jeder Mediziner teilt die Begeisterung des Briten. Robert Benamouzig vom Avicenne Hospital im französischen Bobigny würde nur Menschen mit sehr hohem Erkrankungsrisiko zur präventiven Einnahme von ASS raten. Und selbst diese Patienten würde er vorher sehr sorgfältig über die Nebenwirkungen des Wirkstoffs aufklären. „Das ist nicht für jeden geeignet“, mahnt der Mediziner.

( dapd/db )