Tier-Scanner

Jetzt sind Elefant, Leopard & Co durchsichtig

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Jana Schlütter

Mithilfe eines ganz besonderen Geräts wollen Forscher eines Berliner Instituts Gunther von Hagens Körperwelten plump aussehen lassen.

Wenn Thomas Hildebrandt ins Schwärmen gerät, überschlägt sich seine Stimme beinahe. Der Forschungsgruppenleiter Reproduktionsmanagement am Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung (IZW) in Berlin hat große Pläne.

In den nächsten drei Jahren will er eine Ausstellung auf die Beine stellen, die Gunther von Hagens’ Körperwelten plump aussehen lässt. Statt Tiere zu plastinieren und begrenzte Einblicke in deren Anatomie zu geben, schwebt Hildebrandt eine Ausstellung mit hochauflösenden, dreidimensionalen Hologrammen vor. Wilde Kreaturen sollen damit „begehbar“ werden und der Besucher durch Haut, Muskeln und Knorpel bis zu den Knochen von Warzenschweinen, Leoparden oder Elefanten vordringen.

Dann wird auch ein Großstädter begreifen, was für faszinierende Tiere er vor sich hat, hofft Hildebrandt: „Ich bekomme eine Gänsehaut, wenn ich merke, wie viel wir noch nicht wissen – und wie schnell die Arten verschwinden.“

Helfen wird ihm dabei einer der modernsten Computertomografen, die derzeit auf dem Markt sind. Das CT kann einen Tierkörper in Schichten von 0,25 Millimetern abbilden. Nur drei deutsche Universitätskliniken besitzen ein derart präzises Gerät der Firma Toshiba Medical Systems.

Sie nutzen es zum Beispiel, um die Ursachen und Folgen von Schlaganfällen bei menschlichen Patienten oder die Entstehung von Tumoren zu erforschen. Dass so ein CT für Zoo- und Wildtiere verfügbar ist, ist weltweit einzigartig. Als im Münchner Tierpark das Elefantenbaby Jamuna Toni wegen einer rätselhaften Knochenkrankheit eingeschläfert werden musste, brachten es seine Pfleger nach Berlin, um eine Diagnose zu bekommen. Die Bilder werden derzeit ausgewertet.

Neben solchen Serviceleistungen für Tierparks geht es Hildebrandt und seinen Kollegen vor allem um die Forschung: „Wir bekommen nach nicht einmal 30 Sekunden Scan einen kompletten anatomischen Atlas“, sagt Hildebrandt. „Wir sehen Knochenstörungen, können vom Muskelaufbau auf die Wendigkeit der Tiere schließen, vom Aufbau ihrer Magenschleimhaut auf die Fressgewohnheiten. Wir lernen beim Blick auf ihre Geschlechtsorgane, wie wir bedrohten Arten helfen können, sich fortzupflanzen.“

Das Zwergflusspferd etwa, von dem es nur noch 1000 Exemplare in Liberia gibt, bringe in den meisten Fällen weibliche Nachkommen zur Welt. Keiner wisse warum. Antilopen dagegen haben für die Partnersuche ihre Stimme perfektioniert – ihre Rufe sind für Artgenossen über mehrere Kilometer zu hören. Wie sie das schaffen, untersucht nun eine Gruppe am IZW mithilfe von Scans der oberen Luftwege.

Möglich wurde die teure Anschaffung durch Gelder aus dem Konjunkturpaket?II. Bei den laufenden Kosten hilft die Firma Toshiba – und auch die Diagnose von kranken Klein- oder Zootieren bringt ein wenig Geld in die Kasse des Instituts. Der Tomograf wird am 6. Juli am IZW offiziell in Betrieb genommen.

Daniela Schwarz-Wings hofft derweil auf einen Schädel. Nicht irgendeiner soll es sein, sondern der des kleinen Dysalotosaurus, der vor etwa 150?000 Jahren im heutigen Tansania lebte. Ein Skelett des Pflanzenfressers steht heute zusammen mit den Riesen unter den Sauriern im Lichthof des Berliner Museums für Naturkunde.

Aber der Schädel ist nur eine Nachbildung, das Museum hat vor dem Zweiten Weltkrieg so viele davon an andere Institutionen verschenkt, dass nach Bränden und Bomben keiner mehr für das Naturkundemuseum zu finden war. Nun nutzt die Kustodin für Wirbeltier-Paläontologie die Chance, etwa 30 Bambustrommeln zu scannen, die Forscher vor mehr als 100 Jahren von der Tendaguru-Expedition im heutigen Tansania mitgebracht haben.

Dort wimmelte es im oberen Jura nur so von den nur 2,45 Meter langen und 0,75 Meter hohen Tieren. Einige Bambustrommeln jedoch hat noch nie jemand geöffnet, denn die Knochen vorsichtig von den Lehmknollen zu befreien, mit denen sie bei den Grabungen schützend ummantelt wurden, würde einen Präparator für Jahre beschäftigen.

Eine gute Inventarliste existiert nicht. Schwarz-Wings hat nun die Chance, innerhalb kürzester Zeit durch Bambus, Stroh und Lehm hindurchzuschauen und dann gezielt die Exemplare zu öffnen, bei denen es sich lohnt, Lehm und Knochen auseinanderzupuzzeln. „Hände wären auch nicht schlecht“, sagt sie mit einem Blick auf den Bildschirm, der die Daten des letzten Probescans auswertet. Hände nämlich hat noch niemand beschrieben. Dieses Mal jedoch sind es wieder nur Teile des Unterschenkels.