Künstliche Intelligenz

Roboter sollen ihre eigene Kultur entwickeln

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C3PO und R2D2 verstehen sich im Film "Krieg der Sterne" prächtig. Doch heutige Roboter müssen Kooperation, Symbole und Konventionen erst noch lernen. Britische Forscher wollen Maschinen jetzt beibringen, dass sie aus sich heraus ihre eigene Kultur und ihre eigenen Rituale entwickeln.

Roboter, die tanzen, musizieren oder Bilder malen, hat es schon gegeben. Aber wann immer die Maschinenwesen auf solche oder ähnliche Weise „kulturell“ aktiv werden, sind ihnen alle Gesten und Aktionen zuvor von Menschen einprogrammiert worden. Bei den etwa 60 „E-puck“-Robotern, die gegenwärtig an der University of the West of England in Bristol auf ihren Auftritt vorbereitet werden, ist das anders. Sie sollen aus sich heraus ihre eigene Kultur entwickeln.

„The Emergence of Artificial Culture in Robot Societies“, also „Die Entstehung von künstlicher Kultur in Robotergesellschaften“, heißt das auf vier Jahre angelegte Forschungsprojekt, das von dem Ingenieurwissenschaftler Alan Winfield geleitet wird. Die Finanzierung in Höhe von knapp 750.000 britischen Pfund, umgerechnet etwa eine Million Euro, erfolgt zwar mit Mitteln der Forschungsförderung für Physik und Ingenieurswissenschaften, aber dennoch, so Winfield, steht nicht die Robotertechnik im Mittelpunkt, sondern evolutionäre Anthropologie: „Wir wollen die Mechanismen der Entstehung von Kultur als neue Eigenschaft sozialer Lebewesen erhellen."


Unter „Kultur“ verstehen die Forscher nicht Kunst im Sinne etwa von Bildhauerei oder Malerei, sondern die Kultur des Zusammenlebens und der Kooperation. Zu diesem Zweck werden die Roboter in kleinen Gruppen oder „Dörfern“ zusammengefasst. Ein einprogrammierter Überlebensinstinkt zwingt sie, aktiv zu werden. Dabei können sie miteinander interagieren und wechselseitig Verhalten voneinander kopieren. Da kein Roboter exakt dem anderen gleicht und ihre Sensoren zudem bewusst anfällig für kleinere Fehler sind, werden sich bei diesem Kopieren Verhaltensvariationen ergeben. Sie führen über Generationen hinweg zu vermutlich unvorhersehbaren Resultaten.

Die Forscher hoffen, dass sich auf diese Weise Verhaltensweisen herausbilden, die für sich gesehen keinen praktischen Wert haben, sondern symbolischer Natur sind. Das wäre dann im Sinne des Forschungsprojekts kulturelles Verhalten – nicht durch die Programmierung oder äußere Umstände erzwungen, sondern in der Interaktion mit anderen Robotern erlernt und weitergegeben. „Wir suchen nach dem Roboter-Äquivalent für die ersten Menschen, die ihre Gesichter mit roter Farbe bemalt haben“, sagt Winfield. „Das war eine Aktion, die nicht mit einer erhöhten Überlebenswahrscheinlichkeit erklärt werden kann. Sie hat eine symbolische Bedeutung.“

Ein Beispiel für eine Konvention, die sich analog auch bei Maschinen herausbilden könnte, ist der Rechts- beziehungsweise Linksverkehr. Keine der beiden Verfahren ist aus Vernunftgründen zu bevorzugen, sie haben sich zufällig entwickelt, sind aber in den jeweiligen Kulturkreisen zwingend geworden.

Bevor sich die Roboter kulturell ausdifferenzieren, müssen sich jedoch erst einmal die Menschen verständigen. Denn in dem Forschungsteam treffen selbst recht verschiedene Kulturen aufeinander. Neben dem Ingenieur Winfield arbeiten ein Biologe, ein Philosoph, eine Sozialwissenschaftlerin, ein Informatiker und eine Kunsthistorikerin und Kulturtheoretikerin in dem Projekt, das offiziell im vergangenen September gestartet ist. Seitdem waren die Wissenschaftler vor allem damit beschäftigt, konzeptionelle Fragen zu klären und die Anforderungen an die Roboter und ihre Umgebung zu präzisieren.

Ein wichtiger Bezugspunkt des Experiments ist die „memetische Theorie“ der kulturellen Entwicklung, wie sie Mitte der 1970er-Jahre von dem Evolutionsbiologen Richard Dawkins formuliert und von Susan Blackmore in ihrem Buch „The Meme Machine“ weiterentwickelt wurde. Analog zum biologischen Gen wird ein „Mem“ dabei als eine Gedankeneinheit verstanden, die sich reproduzieren lässt.

Voraussetzung für das Entstehen der menschlichen Kultur seien demnach die hervorragenden Nachahmungsfähigkeiten des frühen Homo sapiens gewesen, die einen lawinenartigen Prozess der Ko-Evolution von Memen und Gehirn einleiteten. Auf einmal wurde die Fähigkeit, Meme zu verarbeiten, zum Überlebensvorteil.

Winfield hofft, dass die zweirädrigen E-pucks spätestens bis zum Herbst damit begonnen haben werden, diesen Prozess in ihrer künstlichen Umgebung nachzuvollziehen. „Wir erwarten nicht, dass diese künstlichen Meme irgendeine Bedeutung in einem menschlichen kulturellen Kontext haben werden“, sagt er. „Ihr Sinn beschränkt sich auf den engen Bereich dieser künstlichen Gesellschaft.“ Die Identifizierung und Interpretation solcher kulturellen Muster sei eine der zentralen Herausforderungen des Forschungsprojekts. „In gewisser Weise“, so Winfield, „nutzen wir die Roboter wie ein Mikroskop zum Studium der Evolution von Kultur.“

Arien schmetternde Roboter dürfte dieses Mikroskop ebenso wenig offenbaren wie einen digitalen Picasso. Tanz dagegen ist eine Ausdrucksform, die sich Winfield durchaus auch bei seinen Robotern vorstellen kann. Er verweist auf ein früheres Experiment, bei dem ein Roboter mit einem schadhaften Rad schließlich die gesamte Robotergruppe dazu brachte, seine Taumelbewegungen zu übernehmen.

Auf ähnlich Weise könnte sich jetzt in einem Roboterdorf das Ritual entwickeln, die Suche nach „Nahrung“ mit einer Art Tanz zu beginnen. In einem anderen Dorf blinken die Roboter vielleicht bei Begegnungen mit ihren Lämpchen. Was für Verhaltensweisen mögen sich ergeben, wenn Roboter aus den verschiedenen Dörfern zusammenkommen? Es ist völlig unvorhersehbar. Das macht für Winfield einen besonderen Reiz des Projekts aus. „Ehrlich gesagt weiß ich nicht, ob wir dabei irgend etwas lernen werden“, räumte er dem britischen Universitätsportal Hero gegenüber ein. „Aber ich hoffe schon.“