Medizintechnik

Autofahren – bald auch ohne eigene Arme möglich

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Michaela Führer

Foto: dpa

Christian Kandlbauer musste bislang immer mit jemandem mitfahren. Der 22-jährige hat seit einem Unfall keine Arme mehr – und kann jetzt trotzdem mit seinem Auto durch die Gegend düsen. Möglich ist das mit Hilfe einer gedankengesteuerte Armprothese. Und das ist keine Science-Fiction.

Mit einem großen Rummel erhält Christian Kandlbauer endlich sein neues Auto. Hier ein Foto, dort ein kurzes Interview und für Alle gibt es ein Buffet mit Häppchen und Kuchen. Die ganze Veranstaltung hat den Flair einer Geburtstagsparty. Dabei möchte der Österreicher doch nur endlich einsteigen und losfahren – fast wie ein 18-jähriger bevor er den Schlüssel für sein erstes Auto erhält.

Doch mit dem Fahren muss er wohl noch warten bis er wieder in der Steiermark ist. Den Berliner Stadtverkehr möchten die Projektleiter von Otto Bock und Paravan einem Fahranfänger wie ihm dann doch nicht zutrauen. Außerdem sind beide, sowohl Kandlbauer als auch das Auto, besonders. Denn Kandlbauer hat keine Arme mehr. Trotzdem wird er bald hinter dem Lenkrad seines eigens auf ihn angepassten Autos sitzen.

Schon seit einiger Zeit können Behinderte mit Hilfe umgebauter Autos wieder am Straßenverkehr teilnehmen.Trotzdem brauchten sie Arme, um das Auto zu steuern. Bald ist auch das nicht mehr nötig. Der Medizintechnikhersteller Otto Bock und der Fahrzeughersteller Paravan haben ein Auto entwickelt, mit der ein Mensch ohne Arme wieder am Straßenverkehr teilnehmen kann. Um das Auto zu lenken, benötigt man nur noch zweierlei: Die Kraft der Gedanken und eine guten Portion Konzentration.

Christian Kandlbauer hatte vor ein paar Jahren bei einem Starkstromunfall beide Arme verloren und trägt jetzt Prothesen. Die Rechte steuert er durch Muskelkraft. Die Linke durch die Kraft seiner Gedanken. Das hat wenig mit Science-Fiction zu tun.

Schon seit dem Jahre 2007 hat Kandlbauer die gedankengesteuerte Armprothese. Mit Hilfe von Nervenimpulsen aus dem Gehirn führt diese Bewegungen aus. Fast so wie bei einem natürlichen Arm. Dazu wurden Kandlbauer Nervenstränge aus seinem linken Armstumpf zum großen Brustmuskel umgeleitet. Diese haben sich dann mit den dortigen Nervensträngen verbunden. Das ist ungefähr so, als würde sein Arm wieder neu entstehen – nur auf der Brust.

Hochempfindliche Elektroden leiten die Impulse aus dem Gehirn dann an einen Computer in der Prothese weiter. Der rechnet diese Impulse dann in Bewegungen um. Der 22-jährige aus der Steiermark muss also nur daran denken – schon bewegt sich der Arm oder öffnet und schließt sich die Hand. Und das benötigt ähnlich viel Konzentration wie bei einem Menschen mit natürlichen Armen. Doch damit sein Arm so leicht die Bewegungen ausführt ist eine regelmäßiges Training notwendig.

Mit Hilfe der beiden Prothesen kann Kandlbauer das auf ihn angepasste Fahrzeug fahren. Paravan hat dafür das Auto, einen Subaru Impreza, so umgebaut, dass der 22-jährige es mit seinen beiden Armprothesen steuern kann. Zum Lenken hat er einen Hebel, mit dem er das Lenkrad steuert. An der linken Tür befindet sich ein Kontaktknopf. Mit diesem kann er durch bloße Berührung Sekundärfunktionen ausführen. Das heißt: Abhängig davon, ob der einmal oder öfter auf den Knopf drückt kann er beispielsweise blinken, hupen oder das Licht anschalten. Und durch ein spezielles 4-Punkt-Gurtsystem kann er sich alleine An- und Abschnallen. Die Umbauten ließen sich aber auch an einem anderen Automodell vornehmen.

Mit dem eigenen Auto hat sich für den gelernten Kfz-Mechaniker Kandlbauer ein Traum erfüllt. „Ich hätte nach dem Unfall nie gedacht, dass ich Autofahren lernen kann.“ In diesem Sommer hat er jedoch seinen Führerschein gemacht. 22 Fahrstunden hat er dafür gebraucht. Jetzt kann er ohne Probleme alleine zur Arbeit fahren – oder abends in die Disko.

Einen Wunsch hat er trotzdem noch: „Dass ich eines Tages auch meine Finger bewegen kann.“ Vielleicht wird auch das bald möglich sein.

( mif )