1944

Die Frau, die Schindlers Liste schrieb

Lange schwieg Mimi Reinhard. Sie sagt: "Die Erinnerung war zu frisch." Als Sekretärin schrieb sie die Namen der Menschen auf, die Oskar Schindler vor dem Holocaust rettete. Auch ihr Name war darunter. Jetzt, mit 92, ist sie drauf und dran, eine Berühmtheit zu werden – und ein neues Leben zu beginnen.

Foto: mk/ja / AFP

Als Mimi Reinhard zur Welt kam, war Franz Josef noch „Seine Kaiserliche und Königliche Majestät der Kaiser“. Die Stadt ihrer Geburt, Wien, war die kosmopolitische Kapitale eines gewaltigen Imperiums, das von Sarajewo bis Prag reichte und von der Adria bis an die Ufer des Dniester. Die Juden fühlten sich in diesem Teil Europas ziemlich sicher und integriert in die Gesellschaft.

In alten Schwarzweiß-Aufnahmen kann man eine junge Frau sehen, deren Erscheinung nahezu „arisch“ ist, Sprachenstudentin an der Universität Wien, deren Kommilitonen nicht wussten, dass sie Jüdin war. Hätte sie sich vorstellen können, dass sie mit kaum 30 Jahren schon ihren Mann verloren und, getrennt von ihrem einzigen Sohn, auf dem Bahnsteig von Auschwitz stehen würde? Konnte sie sich vorstellen, dass in wenigen Jahren ihre ganze Welt kollabieren würde, das europäische Judentum zerstört, der Kontinent ein Inferno? „Nein“, sagt sie mit ruhiger Stimme, „wer hätte das wissen können?“ Was sie jedenfalls nicht wissen konnte, war, dass ein Detail ihres Lebens, das sie in einem Curriculum vitae schwerlich erwähnt hätte, ihr Leben retten und sie im Alter von 92 Jahren noch zu einer Berühmtheit machen würde.

Mimi Reinhard hatte Stenografie gelernt, in Vorbereitung auf die Universität. „Das ist die einzige praktische Fähigkeit, die ich je in meinem Leben studiert habe“, sagt sie. Diese Kenntnis aber befähigte sie, im Büro des Arbeiterlagers Plaszow zu arbeiten und Oskar Schindlers Liste auf einer Schreibmaschine niederzuschreiben.

Von Amerika nach Israel eingewandert

Es gibt vielleicht kein anderes Ereignis, Film oder literarisches Werk, welches den Holocaust so intensiv dargestellt hat wie Steven Spielbergs Film „Schindlers Liste“ von 1993. Deshalb ist es auch nicht verwunderlich, dass die Nachricht, dass Mimi Reinhard letzte Woche aus Amerika nach Israel einwanderte, innerhalb weniger Stunden im Internet auf Polnisch, Russisch, Türkisch, Niederländisch und Portugiesisch verbreitet wurde. Seitdem kamen Journalisten aus der ganzen Welt an ihre Tür und versuchten, noch die geringsten Informationen über das Leben hinter dem gefeierten Film herauszubekommen.

Mimi Reinhard traf Schindler im Oktober 1944. Dies geschah in Plaszow, einem Zwangsarbeitslager nicht weit von Krakau in Polen. Die Rote Armee rückte näher und die Deutschen waren auf dem Rückzug. Schindler, ein deutscher Industrieller an der Spitze einer Emaille-Fabrik in Krakau, wollte in Richtung Westen ausweichen, tief in das Gebiet, das die Wehrmacht noch unter Kontrolle hatte.

Sein Ziel war es, eine Waffenfabrik in Brinlitz auf dem Gebiet der heutigen Tschechischen Republik aufzubauen. Aber er hatte ein Anliegen: dass „meine Juden“, die unter ihm für die Emaille-Fabrik gearbeitet hatten, mit ihm gehen würden. Außerdem hatte er noch ein zweites Anliegen: Er brauchte alles in allem 1100 Menschen, auf die in Brinlitz viel Arbeit wartete.

Wie die Liste entstand

„Wir wussten, dass Schindler seine jüdischen Arbeiter sehr gut behandelte“, sagt Mimi Reinhard im Interview der israelischen Zeitung „Haaretz“. „Diesen Ruf hatte er in Plaszow erworben. Er bat den Lagerkommandanten Amon Göth, ihm noch mehr Arbeiter zu geben.“ So entstand die berühmte Liste. Zuerst setzte Mimi Reinhard Schindlers Arbeiter auf die Liste, um dann ihre Familienangehörigen und Freunde hinzuzufügen. Die ganze Zeit kamen mehr und mehr hinzu. „Ich schrieb meinen Namen und den Namen meiner Freunde, bis die Quote erfüllt war. Ich tat, was mir aufgegeben war. Sie befahlen mir zu schreiben, und so schrieb ich.“

„Ich wollte bei Schindler bleiben wegen seines guten Rufes. Aber es gab viele Menschen, die nicht auf dieser Liste sein wollten. Es war eine Wette um unser eigenes Leben. Mit Schindler zu gehen, gab uns keine Garantie für nichts. Wir glaubten nicht, dass Schindler es wirklich schaffen würde, uns zu retten. Vielleicht brachte er uns nur in ein anderes Lager. Wer konnte das wissen? Wir wollten auf die Liste, weil wir Schindler vertrauten und aus keinem anderen Grund.“

Mimi Reinhard spricht von der Entscheidung für die Liste – eine Entscheidung, die, wenn man zurückschaut, ihr das Leben rettete – in einer trockenen und sehr sachlichen Weise. Sie erzählt auch ganz langsam die trostlose Geschichte ihres eigenen Lebens und bewahrt dabei einen ruhigen und zurückhaltenden Ausdruck. Doch von Zeit zu Zeit hält sie inne, um sich an ¿etwas Bestimmtes zu erinnern. Wenn sie dann weiter spricht, steht eine Träne in ihrem Augenwinkel als Zeugnis für das, was Worte nicht erklären können.

Ihr Mann wurde am Tor des Ghettos erschossen

Sie wurde 1915 geboren und kam nach Krakau im Jahre 1936 aus Liebe, nachdem sie ihren künftigen Mann aus Krakau durch Zufall in Wien getroffen hatte. Im Juni 1939 kam ihr Sohn Sascha zur Welt. Drei Monate später begann der Krieg. Die deutsche Armee besetzt Krakau innerhalb weniger Tage und machte die Stadt zur Hauptstadt des besetzten Polen. Mimi Reinhard und ihr Mann brachten es fertig, ihren Sohn und seine Großmutter nach Ungarn zu bringen, mit Hilfe von Dokumenten, die sie als „arisch“ auswiesen.

Das war eine Reise, welche die kleine Gruppe zu Fuß machen musste. Mimi Reinhard wurde bald darauf verhaftet. Ihr Mann wurde am Tor des Ghettos erschossen, als er entkommen wollte. Wie viele der Juden aus Krakau wurde Mimi Reinhard in das Lager von Plaszow transportiert. Allein wegen ihrer Stenografie-Fähigkeiten bekam sie Arbeit in der Verwaltung und entging damit der Zwangsarbeit. Nicht aber dem Schrecken.

„Eines Tages kam ein SS-Offizier in das Büro“, erinnert sie sich, „und berichtete meinem Vorgesetzten über eine unangenehme Erfahrung – er hatte ein kleines Kind erschießen müssen. Er hatte angeordnet, der Junge sollte seine Kleider ablegen. Der aber antwortete, dass seine Mutter mit ihm schimpfen würde, wenn er mitten im Winter ohne Kleider war, denn er würde sich dann erkälten.“

Täuschung und Bestechung

„Der Offizier berichtete, dass er die Kleidung nicht beschädigen wollte, denn zu jenem Zeitpunkt wurde Kleidung in großen Mengen nach Deutschland gesandt. Schließlich zog er das Kind aus und erschoss es, und sagte, das sei höchst unangenehm gewesen, denn er habe ein Kind desselben Alters zu Hause.“ Die ganze Zeit gab sich Schindler größte Mühe für „seine Juden“ in der Fabrik und nutzte auch Täuschung und Bestechung, um ihre Lebensbedingungen zu verbessern. Als aber der Zug Plaszow im Herbst 1944 in Richtung Brinlitz verließ, wurde er nach Auschwitz umgelenkt.

Mimi Reinhard und ihre Leidensgenossen waren ungefähr zwei Wochen in dem Lager, das sie beschreibt als „direkt aus Dantes Inferno“. Während dieser 14 Tage drohte Schindler den Lager-Oberen: Wenn sie „meine Juden“ nicht herausgäben, werde er in Berlin Beschwerde einlegen, sie sabotierten die Kriegsanstrengungen.

„Wir waren sicher, dass dies das Ende war“, sagt Mimi Reinhard. Aber Schindler brachte es fertig, sie freizubekommen. Nach einigen Monaten in Brinlitz wurden alle Gefangenen im Mai 1945 befreit, ungefähr 1100 Juden.

Schindler "war kein Engel"

Mimi Reinhard spricht sehr ausgeglichen über Schindler, dessen Motive über die Rettung der Juden seit der Filmproduktion vielerlei Spekulationen erregten. „Er war kein Engel“, sagt sie, „wir wussten, dass er zur SS gehörte. Er hatte einen hohen Rang. Des Nachts gingen sie oft trinken. Aber offenkundig konnte er es nicht ertragen, anzusehen, was sie uns antaten.

Manche sagen, er habe vielleicht nur gesehen, dass Deutschland den Krieg verlieren würde. Und er habe vielleicht nur seine eigene Lage verbessern wollen. So habe ich das nicht gesehen. Für mich war er ein Mann, der die ganze Zeit sein Leben riskierte, durch das, was er tat. Aber nehmen wir einmal an, dass er sich selber retten wollte, und dass ihn dieses Motiv bestimmte – warum gab es nicht mehr Nazis wie ihn? Er war ‚A Mejnsch’. Wahrscheinlich hatte er ein goldenes Herz.“

Mimi Reinhard sagt, sie habe alles dies bisher nicht preisgegeben. Sie sagt, sie habe es kaum ihren Kindern erzählt – ihrem Sohn Sascha, den sie nach dem Krieg in Ungarn wiederfand, und der Tochter aus der zweiten Ehe, die mit 49 Jahren an einer Krankheit starb. Die Filmpremiere 1993 hat sie nicht besucht.

Den Film konnte sie zunächst nicht anschauen

„Die Erinnerung war noch zu frisch“, sagt sie. „Ich konnte nicht. Ich wollte das nicht alles erneut durchleben. Nach dem Krieg hatte ich das Gefühl, dass ein Teil meines Lebens zu Ende war, dass ich nicht mehr ich selbst war, und dass ich von neuem beginnen musste. Es war, als hätte mein Leben erst nach dem Krieg begonnen. Für mich war der Krieg ein so großer Bruch, dass ich fühlte, ich war nicht ich selbst. Am Ende habe ich den Film doch gesehen, aber ich fühlte mich nicht als eine der Gefangenen, schon deshalb, weil sie alle zu anständig gekleidet waren. Ich sah mich nicht als eine von ihnen. Es ist, als wenn ich nicht ich selbst gewesen sei.“

Jetzt lebt sie in Israel. 62 Jahre nach Ende des Krieges. Ihr zweiter Ehemann starb vor fünf Jahren, und Mimi Reinhard wollte zu ihrem Sohn, der in Israel lebt.

„Einmal bin ich für drei Monate hierhergekommen“, berichtet sie. „Ich wollte versuchen, hier zu leben, ich habe auch eine Wohnung gesucht, aber ich konnte mich nicht entscheiden. Vielleicht ging es mir damals noch besser und ich dachte, ich könnte allein in New York leben. Ich verstand bald, dass ich hätte früher kommen sollen.“

Diese Woche zog sie in ihre neue Wohnung in Herzliya und kämpft mit den Schwierigkeiten der Einwanderung. „Mit 92 Jahren noch einmal ein neues Leben zu beginnen“, sagt sie, „ist nicht so einfach“.

Aus dem Englischen von Michael Stürmer

©Haaretz