18. Jahrhundert

Die "Halsbandaffäre" erschüttert Frankreich

Am 31. Mai 1786 war ganz Paris vom Freudentaumel erfasst. Eine vor Begeisterung tobende Menge schrie immer wieder: „Es lebe der unschuldige Kardinal!" Soeben hatte das "Parlement", der oberste Gerichtshof, Louis René de Rohan vom Vorwurf der Fälschung und des Betruges freigesprochen. Zum Zeichen ihrer Solidarität trugen Männer wie Frauen rote Hüte. Es bedeutete das Ende der „Affaire du Collier" (Halsbandaffäre) und gleichzeitig eine schwere moralische Niederlage für das französische Königshaus. Schon drei Jahre vor Ausbruch der großen Revolution war die Dynastie Bourbon in den Augen der Öffentlichkeit erledigt.

Frankreich litt in den 80er-Jahren des 18. Jahrhunderts unter einen schweren Finanzkrise. Nachdem der Krieg gegen die Engländer in Nordamerika Unsummen gekostet hatte, war Sparsamkeit das Gebot der Stunde. Königin Marie Antoinette dachte jedoch nicht daran, ihren äußerst luxuriösen Lebensstil einzuschränken. Sie zeigte sich in immer opulenteren Kleidern, extravagantem Schmuck und skurrilen Frisuren. Natürlich gab sie damit hunderten Handwerkern und Dienstleistern Arbeit, aber damals begann man das Königshaus als moralisches Vorbild zu betrachten. Die Monarchen sollten, wie etwa König Friedrich der Große von Preußen, mit gutem Beispiel vorangehen.

Marie Antoinette, Tochter der großen Habsburger-Kaiserin Maria Theresia, war nach ihrer Heirat mit dem französischen Thronfolger 1770 durchaus beliebt gewesen. Die ebenso charmante wie hübsche Wiener Prinzessin machte an der Seite ihres unbeholfenen, schüchternen Gatten eine gute Figur. Nachdem sie 1774 Königin geworden war, änderte sich das allmählich. Man merkte, dass Marie Antoinette keinerlei Interesse an den Vorgängen außerhalb des Palastes von Versailles zeigte. Pamphletisten streuten wilde Gerüchte über ihr Privatleben und das allgemeine Misstrauen gegenüber dem Königshaus wuchs.

Kardinal Louis René de Rohan wird von zwei Trickbetrügern getäuscht

1785 kam es dann tatsächlich zum Eklat. Der Kardinal Louis René de Rohan, Fürstbischof von Straßburg, hegte den Ehrgeiz, Erster Minister von Frankreich zu werden, war aber wegen seines sittenlosen Lebenswandels bei Marie Antoinette in Ungnade gefallen. Jedermann wusste, dass Rohan alles daransetzte, die Gunst der Königin wiederzuerlangen. Das nutzte Jeanne de Lamotte, eine gerissene Hochstaplerin, und versicherte dem Kardinal sehr überzeugend, sie besitze entscheidenden Einfluss am Hofe. Zum Beweis legte sie eigenhändige Briefe der Königin vor. Diese hatte ihr Mithelfer gefälscht, der italienische Abenteurer Joseph Balsamo alias „Cagliostro“.

Rohan, der naiv aber nicht dumm war, verlangte überzeugendere Beweise. Nun spielte das Gaunerpärchen ihm eine bühnenreife Komödie vor. Cagliostro engagierte eine Prostituierte namens Marie Leguay, die der Königin ziemlich ähnlich sah. Im Dämmerlicht der Parkanlagen von Versailles spiegelte die vermeintliche Marie Antoinette eine innige Zuneigung vor und der völlig überwältigte Rohan war nun zu allem bereit.

Lamotte erschleicht sich ein Diamantenhalsband

Die Lamotte holte zum nächsten Coup aus. Bei den Pariser Juwelieren Böhmer & Bassenge lag ein Diamantenhalsband im Wert von 160.000 Livre (heute etwa fünf Millionen Euro) zum Verkauf. Ursprünglich war es für eine Mätresse des verstorbenen Königs Ludwig XV. bestimmt; jetzt wollte niemand das teure Stück erwerben.

Im Januar 1785 redete die Lamotte dem Kardinal ein, er müsse nur für den Kauf des Colliers bürgen und es der Königin überlassen. Diese werde es danach ratenweise bezahlen. Ein weiteres gefälschtes Billet überzeugte Rohan. Er verbürgte sich bei den Juwelieren, dass der Schmuck vom Hof bezahlt würde, und händigte ihn am 1. Februar 1785 der Lamotte aus. Als mehrere Zahlungstermine verstrichen, mahnten Böhmer & Bassenge den Königshof energisch und der Skandal flog auf. Inzwischen war Jeanne de Lamotte über alle Berge, hatte die Diamanten aus dem Collier gebrochen und verkauft.

Frankreichs Justizminister riet dem König: „Wir sollten so wenig Lärm wie möglich darum machen.“ Doch obwohl Marie Antoinette in die Affäre persönlich nicht verwickelt war, forderte sie Genugtuung und veranlasste Ludwig XVI., den Kardinal am 15. August 1785 verhaften zu lassen – einen Mann, der selbst das geprellte Opfer war. Dieser entscheidende Fehler brachte auch die engsten Verbündeten gegen das Königspaar auf. Der Hochadel war empört, weil man einen der ihren einfach ins Gefängnis warf; der Klerus zürnte, weil der Hof einen hohen Kirchenfürsten wie einen gemeinen Dieb traktierte. Sogar der Papst mischte sich ein und verlangte die Freilassung Rohans, weil ein Kardinal nur von der römischen Kurie abgeurteilt werden dürfe.

Jeanne de Lamotte wird gebrandmarkt und stirbt später bei einem Sturz

Die Komödie wuchs sich zur hochpolitischen Angelegenheit aus. Marie Antoinettes Verhalten erweckte den Anschein, sie habe irgendein persönliches Interesse an dem Fall. „Die Königin in eine Fälscheraffäre verwickelt“, frohlockte ein

Oppositionspolitiker. „Welcher Schmutz auf Bischofsstab und Königszepter!“ Als das "Parlement" im Mai 1786 Rohan (und übrigens auch Cagliostro) freisprach, trug das Volk demonstrative Schadenfreude zur Schau. Das Königshaus stand ohne Verteidiger da und Marie Antoinette wurde nur noch „L’Autrichienne“ ("die Österreicherin", mit Betonung auf "chienne" aber auch "die Hündin"), „Madame Defizit“ oder gar „Hure“ genannt.

Jeanne de Lamotte, die Auslöserin der „Halsbandaffäre“, wurde schließlich auch erwischt, auf beiden Schultern mit der Lilie gebrandmarkt und zu lebenslangem Kerker verurteilt. Schon ein Jahr später entkam sie unter mysteriösen Umständen nach London. Dort stürzte sie 1791 nach einer wilden Orgie betrunken aus dem Fester und brach sich den Hals. Zwei Jahre später starb Marie Antoinette in Paris unter der Guillotine.