April

Die fürchterlichen Folgen eines Zeckenbisses

Vor allem in Süddeutschland nimmt die Zahl schwerer FSME-Erkrankungen zu: Besonders ältere Menschen müssen mit bleibenden Schäden rechnen. Experten bezeichnen die Zecke inzwischen als das gefährlichste Tier zwischen Main und Bodensee.

Foto: infor_sql / Okapia

Das achtbeinige Spinnentier macht immer mehr Menschen in Baden-Württemberg zu schaffen. Im Rekordjahr 2006 zählten die Gesundheitsämter 281 Fälle der lebensbedrohlichen und unheilbaren FSME. In den 80er Jahren waren es noch fünf bis 30 Fälle pro Jahr.

Doch die Bevölkerung scheint die Gefahr noch nicht zu erkennen. Insbesondere die älteren Menschen, bei denen Häufigkeit und Schwere der Krankheit zunimmt, sind nachlässig. In der Altersgruppe der der 40- bis 70-Jährigen haben nur sieben Prozent einen Impfschutz, in der Gruppe der 3- bis 14-Jährigen immerhin 16 Prozent.


Jeder dritte Patient über 50 Jahre muss mit bleibenden oder zumindest lang anhaltenden Schädigungen rechnen. Die Ursache ist nicht zu heilen, allenfalls können Medikamente die Schmerzen lindern und Rehabilitation Störungen des Nervensystems - etwa Koordinationsprobleme - entgegenwirken.


Wolfgang Eberle aus Remchingen (Enzkreis) ist ein Beispiel dafür: Im Oktober 1997 ging Eberle mit seinem Hund Gassi. Beim Spaziergang durch die Natur setzte sich eine Zecke auf seiner Haut fest, saugte an seinem Blut und übertrug dadurch die gefährlichen Viren der Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME). Damit veränderte sich das Leben des aktiven und gesunden Mannes radikal.

„Damals habe ich meinen Mann selber ins Krankenhaus reingehen sehen, raus kam er gelähmt“, erzählt seine Frau Maria Eberle. „Vom Hals abwärts Null“, beschreibt sie seinen Zustand. Eberle zählt zu den zehn Prozent der FSME-Patienten, die sich neben der Gehirnhaut- und der Gehirnentzündung auch eine Rückenmarksentzündung zugezogen haben. Heute wird er in einem Pflegeheim versorgt. Nach gymnastischen Übungen kann er wieder sitzen und die Natur im Rollstuhl genießen. Immer mit dabei ist ein Beatmungsgerät, ohne das er ersticken würde.

Der Zecke ist nicht beizukommen. Natürliche Feinde hat sie nicht, dagegen vermehren sich seine Wirtstiere - vor allem Mäuse - wegen der Klimaerwärmung noch. Die Gefahr lauert nicht nur im hohen Gras der Wälder; die Einwanderung von Füchsen und Igeln in die Städte sorgt dafür, dass in ihrem Schlepptau die Zecken auch Städter gefährden. Auch in Freibädern oder Parks ist niemand vor ihnen sicher. Die Wissenschaft macht wenig Hoffnung auf Abhilfe. Nach den Worten des Stuttgarter Experten Peter Kimmig vom Landesgesundheitsamt steckt die Forschung noch in den Anfängen. Denkbar sei lediglich ein Mittel, mit dem der gemeine Holzbock an besonders von ihm Heim gesuchten Ausflugszielen kleinflächig ausgerottet werden könne. Geforscht wird in Stuttgart mit Schimmelpilzen als natürlichem Gegenmittel.

Epidemiologe Kimmig sieht infolge des Klimawandels weiteres Ungemach auf die Süddeutschen zukommen. „In absehbarer Zeit werden sich hier die Infektionen des Mittelmeerraumes verbreiten.“ Dabei denkt er etwa an die von der Sandmücke übertragene schwer heilbare Parasitenkrankheit Leishmaniose, die durch das Einführen von Hunden aus der Mittelmeerregion eingeschleppt wird. Denn Hunde sind die Wirtstiere der Sandmücke.