Kinder im Netz

Die Internet-Risiken werden maßlos übertrieben

Pädophile im Chatraum, Pornos ohne Ende? Laut einer neuen Studie sind die Internet-Risiken für Kinder viel geringer als gemeinhin angenommen.

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Deutsche Kinder nutzen das Internet vor allem zum Erledigen ihrer Schularbeiten und am zweithäufigsten zum Betrachten von Videos. Das ist ein Ergebnis der ersten europaweiten Studie „EU Kids Online“. Insgesamt machen deutsche Kinder im Internet weniger negative Erfahrungen als Kinder in anderen europäischen Ländern. Sie nutzen das Internet aber auch seltener.

Die Wissenschaftler hatten 23.420 Kinder in 25 europäischen Ländern sowie jeweils einen Elternteil befragt. Die von der Europäischen Kommission geförderte Studie wurde gestern auf einem Kongress der Landesmedienzentrale Rheinland-Pfalz in Berlin vorgestellt.

Die Studie zeigt eine unterschiedliche Akzeptanz des Internet in den Ländern Europas. 53 Prozent der deutschen Kinder surfen täglich oder fast täglich im Web, was unter dem EU-Durchschnitt von 57 Prozent liegt. In Schweden, Bulgarien, Estland und den Niederlanden sind jeweils mehr als 80 Prozent der Neun- bis Sechzehnjährigen täglich im Netz unterwegs. „Dort ist die Entwicklung des Internet etablierter. Die Wege der Kinder durch das Web sind vielfältiger und deshalb auch riskanter“, sagt Professor Uwe Hasebrink vom Hamburger Hans-Bredow-Institut für Medienforschung, der den deutschen Part der Studie koordinierte.

Europaweit ist das Internet fester Teil der Kindheit. 92 Prozent sind mindestens einmal wöchentlich online. Knapp ein Drittel nutzt das Web sogar exzessiv, vernachlässigt Freunde oder verzichtet auf Schlaf. Hier liegt Deutschland im EU-Durchschnitt. Spitzenreiter sind Portugal (49 Prozent) und Estland (50 Prozent).

Die Hälfte der deutschen Kinder besitzt ein Profil in einem sozialen Netzwerk (EU: 57 Prozent). Nur in der Türkei und in Rumänien sind weniger Kinder dort unterwegs. Den ersten Platz nehmen hier Kinder aus den Niederlanden ein, wo 78 Prozent der Neun- bis Sechzehnjährigen ein Profil besitzen. Diese Netze hätten ein enormes Potenzial für Jugendliche, sagt der Wissenschaftler. „Hier können sich die Kinder selber kennen lernen, sich mir ihren Freunden vergleichen und sich austauschen.“

Gefährdungspotenziale sind ein Albtraum von Eltern

Gefährdungspotenziale in sozialen Netzen sind ein Albtraum von Eltern. Zwölf Prozent vermuteten, ihre Kinder hätten Pornobilder im Netz gesehen. Aber nur fünf Prozent der deutschen Kinder gaben das an. Im EU-Durchschnitt räumten 14 Prozent der Kinder ein, Bilder sexuellen Inhalts im Web gesehen zu haben. In Estland, Tschechien, Dänemark und Finnland waren es jeweils um die 30 Prozent, wobei dort ungefähr ebenso viele Eltern dies auch annahmen. Nur in Litauen, Rumänien, Österreich und Bulgarien sehen mehr Kinder Pornobilder als Eltern das annehmen.

Ein knappes Drittel der befragten Kinder zwischen neun und 16 Jahren lernt online Unbekannte kennen. Acht Prozent der Kinder berichteten von Situationen, in denen sie sich beim virtuellen Treffen mit Online-Bekanntschaften unwohl fühlten. Ein Prozent hat dabei unangenehme Erfahrungen gemacht. Acht Prozent haben eine Online-bekanntschaft offline getroffen.

Viel häufiger nutzen Kinder das Internet dagegen für die Schule (84 Prozent), zum Betrachten von Videos (83 Prozent), zum Spielen (74 Prozent) und zum Versenden von Nachrichten (61 Prozent).

Hasebrink appelliert, die aktuelle Risikodebatte zu relativieren. „Die Wahrscheinlichkeit, dass Kinder in Deutschland mit Sex und anderen jugendgefährdenden Inhalten ist im Internet konfrontiert werden, ist geringer als im Fernsehen oder bei DVD.“ Zwölf Prozent der Neun- bis Zwölfjährigen haben der Studie zufolge solche Bilder gesehen. Nur fünf Prozent nannten das Internet als Quelle. In allen anderen EU-Ländern war das häufiger der Fall. Diesen Trend gibt es beim Mobbing, das auch heute überwiegend auf dem Schulhof stattfindet: 18 Prozent der deutschen Kinder sagten, überhaupt schon gemobbt worden zu sein. Nur bei vier Prozent war das im Internet der Fall.

"Medienkompetenz ist eine Bildungsaufgabe ersten Ranges“

Hasebrink meldet Zweifel bei der Frage an, ob Internetsperren dieses Problem lösen werden. „Die Zeiten des Vorschreibens sind vorbei. Wer will, kriegt alles“, sagt er. Er wundert sich über die in den vergangenen Tagen aufgekommene Debatte über die Novelle des Jugendmedienschutz-Staatsvertrags. Auf der einen Seite steht die Forderung eines Webs als zensur- und staatsfreiem Raum. Insbesondere Blogger hatten moniert, die Vorgaben für Altersbeschränkungen ihrer Webseiten nicht leisten zu können.

Dagegen steht die Position, Kinderschutz als verfassungsmäßiger Auftrag müsse mit Zugangshürden durchgesetzt werden. „Ich hoffe, dass wir mit unserer Empirie dazu beitragen können, einen Mittelweg zu finden“, sagt Hasebrink. Er spricht sich für Verbrauchertransparenz aus. „Das ist keine Zensur“, sagt er.

„Medienkompetenz ist eine Bildungsaufgabe ersten Ranges“, sagt Uwe Hasebrink. Die Kulturtechnik des Internet zu erlernen, gehöre zweifelsohne in die Schule. Aber es sei auch die Frage, in welchem Ton die Gesellschaft insgesamt kommuniziere.