Indio-Stamm

"Keine Käseglocke für isolierte Völker"

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Wie soll die moderne Welt mit isolierten Urwaldvölkern umgehen? Viele Ethnologen pflegen die Grundregel, sich in Kulturen nicht einzumischen. Das führt so weit, dass Forscher danebensitzen, wenn ein Mann seine Frau totschlägt – und fleißig mitschreiben. Letztlich ist eine Synthese beider Lebensweisen nicht möglich, sagt Ethnologin Susanne Schröter.

Vorsichtig setzen die brasilianischen Regierungsmitarbeiter im Dschungel einen Fuß vor den anderen. Sie kommen nur langsam voran. Einige von ihnen sind Indianer und kennen sich gut aus im Urwald. Aber ganz so vertraut ist ihnen die Umgebung nicht, denn wie die meisten Brasilianer sind auch sie mit den Segnungen der Zivilisation aufgewachsen, mit Elektrizität und fließendem Wasser. Sie versuchen, friedlich zu wirken. Dann legt einer von ihnen mitgebrachte Messer auf einen Stein und zieht sich wieder zurück. Stille, banges Warten. Dann plötzlich: Einige Indianer kommen neugierig hervor und nehmen sich die ihnen fremden Gegenstände aus einer anderen Welt.

So etwa wünschen sich die Spezialisten von der Nationalen Indianer-Stiftung (Funai) die Kontaktaufnahme mit einem unbekannten Volksstamm im Urwald. "Die erste Begegnung verläuft meist für beide Seiten sehr emotional", sagt Wolfgang Kapfhammer, Ethnologe aus München. Er hat ein Jahr bei den Sateré-Mawé im Amazonas-Gebiet gelebt, für westliche Begriffe "weit abgelegen": zwei Tage Bootsfahrt bis zur nächsten Stadt. "Trotzdem sind sie missioniert worden und tragen westliche Kleidung."

Zwischen 500 und 2500 von der Außenwelt isolierte Indianer leben im brasilianischen Urwald, schätzen Experten. Vor einigen Tagen veröffentlichte die Funai spektakuläre Fotos, die sechs "bisher unkontaktierte Indianer" zeigten. Rund 20 Jahre lang habe sie die Gruppe begleitet, ohne sie mit der Außenwelt in Kontakt zu bringen. Umgehend warnten Nichtregierungsorganisationen wie Survival International davor, dass diese Kultur "bald ausgelöscht sein" könnte.

Susanne Schröter, Ethnologin an der Universität Passau, sieht das nicht so pessimistisch. "Aussterben ist ein westlicher Topos", sagt sie. Er gehöre ins 19. Jahrhundert und habe damals legitimiert, dass westliche Wissenschaftler Gegenstände exotischer Kulturen dokumentieren konnten. "Wenn heute neue Völker entdeckt werden, passen sie sich meist an, verlieren aber dabei nicht unbedingt etwas von ihrer Kultur." Der Ethnologe Kapfhammer sekundiert: "Man hat den Eindruck, seit die ersten Indianer entdeckt wurden, sterben sie aus - das ist absurd." Heute leben 800.000 Amazonas-Indianer in Brasilien, die ein hohes Bevölkerungswachstum aufweisen. Zudem seien sie politisch gut organisiert: Die Sateré-Mawé, bei denen er geforscht hat, stellen in der außerhalb ihres Reservats gelegenen Provinzhauptstadt sogar den Bürgermeister.

Trotzdem gibt es in der Ethnologie noch immer verschiedene Ansichten, wie mit abgelegenen Völkern umzugehen sei. Die einen Forscher sagen, die unberührten Kulturen sollten sich selbst überlassen bleiben. Das Argument: Schließlich sind diese Menschen auch vorher ohne westliche Medizin und Bildung gut zurechtgekommen. Außerdem gilt für viele Ethnologen generell die Grundregel, sich nicht einzumischen in die zu untersuchende Kultur. Das führte zum Teil in der Ethnologie so weit, dass Forscher danebensaßen, wenn ein Mann seine Frau totschlug - und fleißig mitschrieben.

Ethnologen halten sich aus politischen Themen 'raus

Auch heute noch weigern sich einige Ethnologen, Verantwortung für Erlebnisse "im Feld" zu übernehmen. "Heiße Themen wie die weibliche Genitalverstümmelung werden weiterhin bei der Feldforschung ausgeklammert", sagt Susanne Schröter. Sie hält es für fatal, dass die Ethnologie sich aus politischen Themen heraushält.

Viele moderne Ethnologen wollen den Kontakt mit einer neuen Kultur geordnet vonstattengehen lassen - wie im zitierten Beispiel aus Brasilien. Zum einen soll dies verhindern, dass Epidemien wie zu Zeiten der Konquistadoren in Südamerika die Bevölkerung dezimieren. Im 16. Jahrhundert wurden tatsächlich durch eingeschleppte Krankheiten mehrere einheimische Völker Südamerikas ausgerottet. Wenn heute Waldbewohner mit illegalen Waldarbeitern zuerst zusammentreffen, könnte sich diese Geschichte wiederholen.

Jedes Treffen stellt ein Risiko dar, darin sind sich alle Ethnologen einig. "Die Frage, ob sie Kontakt bekommen, stellt sich gar nicht", sagt Wolfgang Kapfhammer: "Es geht vielmehr darum, die Waldbewohner vor der Gewaltkultur an den entlegenen Rändern der brasilianischen Gesellschaft zu schützen." In den vergangenen 15 Jahren hat das Land rund 132.000 Quadratkilometer Wald verloren - vor allem durch illegalen Raubbau. Auf dem gewonnenen Acker werden Güter angebaut, die im Westen benötigt werden. Sind also die Fotos am Ende ein Hilferuf des letzten Gliedes einer globalen Wirtschaftskette?

Außerdem bleibt noch die Frage, wie weiter mit dem neu entdeckten Volk verfahren wird. "Die Regierung könnte sie zu einem lebendigen Museum erklären, oder sie baut ihnen Schulen und Krankenhäuser", meint Susanne Schröter und ist weder über die eine noch über die andere Perspektive sonderlich glücklich. Letztlich sei es eine unlösbare Aufgabe, eine Synthese beider Lebensweisen zu bilden. Wenn die westliche Medizin eingeführt wird, verliert der Schamane an Autorität. Andererseits: "Eine Käseglocke für die nächsten 20 Jahre kann Funai dem Stamm auch nicht mehr überstülpen."