Medizin

Ein anderer Sieg über den Krebs

Die Medizin hat Fortschritte gemacht: Doch ein Wundermittel gegen Krebs gibt es nicht. Ärzte ändern nun die Taktik – Tumore werden nicht mehr zerstört.

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Diese Angelegenheit wird die größten, besten, genialsten Krebsforscher enttäuschen. Für die Forschung an Tumoren ist vermutlich kein Nobelpreis mehr drin. Nach 50 Jahren Forschung sind die gefährlichsten Krebsarten noch immer so lebensbedrohlich wie eh und je. Die große Wunderwaffe, die Heilung verspricht? Es gibt sie nicht – vermutlich wird es sie niemals geben. So schwenkt eine Handvoll Forscher bei Krebs inzwischen auf dieselbe Taktik um wie bei Aids, das sich zwar immer noch nicht ausrotten, aber inzwischen doch kleinhalten lässt: Den Tumor kontrollieren statt besiegen, so lautet die neue Marschroute. Dabei benutzen die Forscher die Abwehrzellen des Körpers – mit vielversprechenden Ergebnissen.

Am besten gelingt dieses Prinzip derzeit bei den bösartigsten Tumoren. Bei Leukämie, Lungenkrebs und Hautkrebs. Melanome fangen ganz unscheinbar an, der Laie kann sie oft nicht mal von einem harmlosen Leberfleck auf der Haut unterscheiden. Doch tatsächlich gehören sie zu den gefährlichsten Tumoren überhaupt, weil sie schon relativ früh Tochterzellen in den Körper aussenden, sodass auch in Herz, Leber, Gehirn und anderen zentralen Organen bösartige Wucherungen entstehen. In dem Stadium leben Patienten nicht einmal mehr ein halbes Jahr.

Doch diese Spanne könnte demnächst, wie kurzem auf dem Kongress der amerikanischen Gesellschaft für klinische Onkologie (Asco) angekündigt wurde, deutlich länger werden. Dort zeigte Stephen O'Day vom Clinic and Research Institute in Los Angeles seine Studie an 676 Patienten mit Hautkrebs im fortgeschrittenen Stadium, die man entweder mit dem immunstärkenden Mittel Ipilimumab behandelt hatte, oder aber mit dem bekannten Impfstoff gp-100, der schon länger gegen Krebs eingesetzt wird. Das Ergebnis: Die immungestärkten Patienten lebten durchschnittlich noch zehn Monate lang, und damit fast doppelt so lange wie in der geimpften Kontrollgruppe, die auf sechs Monate kam. „Besonders ermutigend ist aber“, sagt O'Day, „dass ein Viertel der Patienten länger als zwei Jahre lebte.“

Ipilimumab ist derzeit der bekannteste Vertreter einer Wirkstoffgruppe, die man als Entfesselungskünstler für gebremste Zellen der menschlichen Körperabwehr bezeichnen kann. Diese weißen Blutkörperchen aus der Thymusdrüse, die sogenannten T-Zellen, bilden die Speerspitze des Körpers im Kampf gegen den Krebs, doch sie besitzen an ihrer Oberfläche ein Protein, durch das sie gehemmt werden. Normalerweise ein sinnvoller Mechanismus, um den Körper vor überschießendem Immuneifer zu schützen, doch im Falle von aggressiven Tumoren ist er ausgesprochen unproduktiv. Ipilimumab bindet nun an dem Bremserprotein und setzt es außer Kraft: Die T-Einheiten können sich nahezu ungehemmt auf die Krebszellen stürzen. „Ipilimumab ist das erste Medikament, mit dem sich das Leben der Kranken im fortgeschrittenen Stadium verlängern lässt“, sagt Onkologe O'Day.

Die Immunstimulation ist jedoch nicht unproblematisch, weil ein übermotiviertes Immunsystem dazu neigt, den ganzen Körper zu attackieren. In der Los-Angeles-Studie bekamen zehn bis 15 Prozent der Probanden große Probleme mit Hautausschlägen, Durchfall und Hormonstörungen, doch man habe sie, sagt O'Day, durch die frühzeitige Gabe von Kortison meistens in den Griff bekommen. Beim Hersteller Bristol-Myers Squibb ist man jedenfalls zuversichtlich, schon bald in vielen Ländern die Zulassung für das Mittel zu bekommen.

In Cambridge arbeitet man derweil an nicht-pharmazeutischen Methoden, um den Körper gegen den Krebs zu mobilisieren. Einer Forschergruppe um Pentao Liu vom Wellcome Trust Sanger Institute gelang es, aus einigen Abwehrzellen im Blut ein Gen zu entfernen, woraufhin sich diese „T-Lymphozyten“ in Killereinheiten verwandelten, die auf Tumore losgehen. Bei Mäusen konnten diese „Super-Ts“ die Aussaat von Melanomen verhindern. „Und sie haben die gesunden Körperzellen in Ruhe gelassen“, erklärt Liu. Es wird aber noch einige Jahre dauern, bis sie überhaupt erst mal an Menschen ausprobiert werden können.

Dagegen ist eine andere Immuntherapie inzwischen so weit, Krebs von einer tödlichen Bedrohung in eine kontrollierbare Krankheit zu verwandeln: Für Patienten mit Chronisch-myeloischer Leukämie hat die Therapie mit sogenannten Tyrosinkinase-Inhibitoren (TKI) bereits die Stufe der klinischen Anwendung am Menschen erreicht. Ein Wirkstoff dieser Arzneimittelgruppe, nämlich das Imatinib, gilt sogar als „Urvater“ der „zielgerichteten Krebstherapie“, bei der man das Wachstum von Tumoren im Visier hat. Im Falle der TKI sind das jene Stoffe, die beim Zellwachstum entscheidend mitbeeinflussen: Laufen sie aus dem Ruder, kann sich Krebs entwickeln.

Die TKI bremsen diese Substanzen, und der Wirkstoff Imatinib hat sich auch schon in der Leukämietherapie bewährt. Der Nachteil: Er ist manchmal schwer verträglich. Hin und wieder werden die Krebszellen gegen ihn auch unempfindlich, weshalb kürzlich mit Dasatinib und Nilotinib zwei neue TKI-Arzneien entwickelt wurden. Sie wirken besser und werden besser vertragen, doch bisher dürfen sie nur dann verordnet werden, wenn Imatinib versagt.

Zu den gefährlichsten Karzinomen gehört der Lungenkrebs, seine Fünf-Jahres-Überlebensrate liegt unter zehn Prozent. „Er ist weltweit und auch in Deutschland der häufigste zum Tode führende Tumor bei Männern“, warnt Pneumologe Stefan Hammerschmidt von der Universität Leipzig. Er fordere mehr Todesfälle als Brust-, Prostata- und Darmkrebs zusammen. In etwa 90 Prozent der Fälle werde er durch Rauchen verursacht, sagt Hammerschmidt, Umweltgifte wie Asbest, Teer und Arsen spielten nur eine Nebenrolle.

Die besondere Heimtücke des Lungenkarzinoms besteht darin, dass Anfangssymptome wie etwa Heiserkeit und Husten falsch gedeutet werden. Dadurch tritt die Erkrankung relativ oft ins Spätstadium ein, in dem es kaum noch Rettung gibt. Die üblichen Therapien wie Operation sowie Strahlen- und Chemotherapie bringen dann bei relativ vielen Nebenwirkungen nur noch selten durchschlagende Erfolge. Hier könnte nun ein Stoff namens Crizotinib eine Alternative sein. Sein Ansatzpunkt ist eine Entdeckung, die vor etwa vier Jahren gemacht wurde.

Demnach entwickelt sich Lungenkrebs umso leichter und schneller, wenn im Lungengewebe eine bestimmte Variante des Gens ALK vorliegt, das die unkontrollierte Wucherung anregt. Crizotinib kann das Gen ausschalten. Dass dies Patienten wirklich hilft, zeigt eine koreanische Studie, die jetzt auch auf dem Asco-Kongress vorgestellt wurde.

82 Patienten mit dem problematischen Gen bekamen acht Wochen lang Crizotinib. Fast 90 Prozent sprachen gut auf die Therapie an, das Tumorgewebe ging bei ihnen deutlich zurück, bei einem Patienten verschwand es sogar komplett. Eine Erfolgsquote, die selbst Studienleiter Yung-Jue Bang vom National University College of Medicine nicht erwartet hatte: „Wir haben gerade mal mit 10 Prozent gerechnet, insofern viele der Patienten bereits drei oder mehr erfolgslose Therapieversuche mit anderen Methoden hinter sich hatten.“ Allerdings sind noch größere klinische Studien notwendig, um die Zahlen zu untermauern.

Zudem bleibt festzuhalten, dass Crizotinib nur dann wirkt, wenn der Patient auch die passende Genvariante hat. Die Wahrscheinlichkeit dafür liegt unter zehn Prozent. Ein Argument für die „personalisierte Medizin“ und den unvermeidlichen Gentest zu Beginn der Therapie. Nur so wird vermieden, dass ein Patient lange Zeit mit einem Mittel behandelt und mit den Nebenwirkungen belastet wird, ohne dass es jemals eine therapeutische Chance gehabt hätte.

Mit dem Darmkrebsmittel Erbitux hat man in dieser Hinsicht – auch in Deutschland – schon gute Erfahrungen gemacht. Es wirkt fast mit 100-prozentiger Sicherheit, sofern sich der Tumor einem bestimmten Typ zuordnen lässt. Ein Gentest klärt, ob die Therapie sich lohnt oder nicht. Crizotinib könnte, sollte sich seine 90-Prozent-Erfolgsquote bestätigen, eine ähnliche Karriere machen – solche Werte werden sonst mit konventionellen Lungenkrebsmedikamenten nicht einmal annähernd erzielt. Hersteller Pfizer arbeitet derzeit an einem Gentest, mit dem man Patienten mit der problematischen ALK-Variante ohne größeren Aufwand herausfiltern kann.

Unabhängig von ihren Genen nutzt es rauchenden Lungenkrebspatienten in jedem Falle, auf die geliebten Glimmstängel zu verzichten. Amanda Parsons von der Universität Birmingham hat in einer aktuellen Übersicht die Studiendaten von insgesamt 2000 Lungenkrebspatienten ausgewertet und dabei herausgefunden, dass sich durch totale Tabakabstinenz die Fünf-Jahres-Überlebensrate von 33 auf 70 Prozent steigern lässt, beim besonders gefährlichen Kleinzellen-Karzinom geht sie von 29 auf 63 Prozent.

Wer also, nachdem er bereits die Lungenkrebsdiagnose bekommen hat, weiterhin an der Kippe festhält, nach dem Motto „jetzt ist es eh schon egal“, ist auf dem Holzweg. Denn offenbar steigert das Rauchen nicht nur das Krebsrisiko, sondern auch das Tempo des Tumorwachstums. „Tabakabstinenz ist immer sinnvoll“, sagt Parsons, „auch wenn der Krebs bereits ausgebrochen ist.“