Organspende

Letzte Ruhe für den Körper in der Anatomie

Viele zahlen bis zu 2000 Euro dafür, um nach ihrem Tod ein Übungsobjekt für Studenten zu sein - Organe will aber fast niemand spenden. Warum spenden viele Deutsche ihren Körper bereitwillig wie einen Altkleidersack? Und so wenige - nach ihrem Tod - ein einzelnes Organ?

Foto: DCP MAS**SPC** CL**FK** RH**FK** / AP

Was vom Leben übrig bleibt, was der Sargdeckel verschließt - sagt es nicht fast alles über die Haltung des Toten zum Leben aus? Unverständnis hat eine Nachricht aus den Obduktionssälen der pathologischen Medizininstitute hervorgerufen: Dass 70 000 Deutsche darauf bestehen, nach ihrem Leben zerschnitten, zerlegt zu werden, einen letzten Zweck zu erfüllen als Trainingsobjekte für Medizinstudenten, die ihre Messerfertigkeiten verschärfen möchten. Zugleich beklagen die Transplantationsmediziner verzweifelt fehlende Nieren, Herzen, Lebern und Blutkonserven - ein Paradox.

Warum spenden viele Deutsche ihren Körper bereitwillig wie einen Altkleidersack? Und so wenige - nach ihrem Tod - ein einzelnes Organ? In religiös geprägten Ländern wie Italien sind sachdienliche Ganzkörperspenden undenkbar. Der Tote nimmt körperlich, geschminkt und geschmückt teil am Abschied seines Lebens.

In Italien sind die Präparationssäle seit den 70ern stillgelegt, das Gleiche bei vielen Universitäten in den Vereinigten Staaten und Großbritannien. Mangels Leichen klicken sich dort die Medizinstudenten inzwischen per Maus durch den menschlichen Körper - oder sie üben ihre Schnitte an Plastikmodellen und mit Videos.

In Deutschland vermachen mehr Menschen als je zuvor ihren Körper der Medizin. Jedes Jahr melden sich fast 9000 Anwärter bei den Instituten, 2100 Leichen werden eingeliefert, 70 000 Spendewillige reihen sich in den Karteien.

Ähnlich spendefreudig wie die Deutschen sind die Holländer, wo die Institute inzwischen die Anträge rundum ablehnen. Woher dieser Andrang? Der Homburger Pathologie-Professor Kurt Becker zitiert aus einer Befragung: "Fast jeder Zweite der Spender ist Idealist", sagt Becker, "er will der Menschheit etwas Gutes tun und überlässt seinen Leichnam den Anatomie-Lehrlingen." Auf Platz zwei der Spendewilligen folgen die Pragmatiker - "sie wollen ihren Angehörigen nicht zur Last fallen", erklärt Becker. Die dritte Gruppe fürchte, dass niemand sich um ihr Grab kümmern werde, etwa "weil die Verwandten zu weit weg wohnen". Dann gebe es noch jene, die wollen, dass ihr Körper sich nach dem Tod in Teile auflöst - und zwar nicht durch biologischen Zerfall, sondern schmerzfrei auseinandergeschnitten. Und schließlich sind da noch die Nihilisten. "Ihnen ist egal, was mit dem Körper geschieht", sagt Becker, "sie sagen uns: Macht damit, was ihre wollt."

Etwa zwei Jahre bleiben die Körperspender in den Instituten, werden konserviert, gekühlt, erforscht, zerschnitten, dann werden sie bestattet. Jede Anatomie in Deutschland pflegt ihr eigenes Urnen- und Gräberfeld.

Die Kosten für Einäscherung, Sarg und Grabpflege übernimmt der Spender - darüber hinaus verlangen viele Institute noch eine Gebühr für die Universität. Insgesamt müssen die Spender mit bis zu 2000 Euro rechnen, die auf sie zukommen. "Manche spenden auch mehr", sagt Becker, "als Beitrag für die Wissenschaft." Die Anatomie sei ein Ort des Respekts, sagt Becker, "die Mitarbeiter treffen sich mit den Angehörigen, reden mit ihnen. Schließlich kann der Tote seine Würde nicht mehr selber wahren, er ist darauf angewiesen, dass wir es tun."