Innovation

Scheiterhaufen in Indien jetzt umweltfreundlicher

Die Bestattungsriten der meisten Inder heizen das Klima an: Millionen Hindus werden jedes Jahr an der freien Luft verbrannt. Dabei entstehen rund acht Millionen Tonnen Kohlendioxid. Eine neue Methode soll nun den CO2-Ausstoß bei Einäscherung drastisch reduzieren.

Foto: KNA-Bild

Die meisten Menschen in Indien tragen ihr Leben lang nur wenig zum Treibhauseffekt bei, doch nach ihrem Tod werden sie zu regelrechten Klimasündern. Die Bestattungsriten der Hindus verlangen, dass der Körper an der freien Luft eingeäschert wird, um die Seele zu befreien. Der massenhafte Verbrauch von Brennholz und damit der unnötige Ausstoß des Treibhausgases Kohlendioxid hat nun eine Umweltschutzgruppe in Neu Delhi auf den Plan gerufen: Sie entwickelte eine Methode, die den Holzverbrauch und CO2-Ausstoß um 60 Prozent verringert. Von den frommen Hindus wird die Erfindung jedoch nur zögerlich angenommen.

„Unser Glaube schreibt uns diesen letzten Ritus vor“, sagt Vinod Kumar Agarwal, der Erfinder des umweltfreundlichen Scheiterhaufens. Erst wenn der Körper völlig verbrannt sei, könne die Seele sich befreien und in den Kreislauf der Reinkarnation eintreten, der mit der Erlösung endet. „Doch die gesamte Asche wird in die Flüsse gestreut, und das Kohlendioxid trägt zur Erwärmung der Erdatmosphäre bei“, klagt der 60-jährige Maschinenbau-Ingenieur.

Agarwal und seine Umweltschutzgruppe Mokshda haben genau nachgerechnet. Bei einer Bevölkerung von einer Milliarde sterben in Indien jährlich fast zehn Millionen. 85 Prozent sind Hindus und praktizieren damit die Einäscherung - dafür aber werden jedes Jahr 50 Millionen Bäume gefällt, es entstehen pro Jahr eine halbe Million Tonnen Asche und acht Millionen Tonnen Kohlendioxid.

Agarwal machen noch andere Begleiterscheinungen der alten Methode Sorgen. Er erzählt von seinem Schlüsselerlebnis 1992, das ihn erst auf die Idee brachte, die Methode der Einäscherung zu revolutionieren: Als er damals einer Bestattung in Haridwar am Ganges beiwohnte, sah er, wie sich in unmittelbarer Nähe eine arme Familie vergeblich abmühte, ihren Angehörigen mit zu wenig und zu feuchtem Holz einzuäschern - schließlich gab sie es auf und warf den halbverbrannten Leichnam einfach in den heiligen Fluss.

Nach altem Brauch aber bringt ein Bad im Ganges die Erlösung: „In dem Fluss, dessen Wasser wir am Leibe nach Hause tragen, um zu beten, warfen sie die Leiche“, entrüstet sich der durchaus fromme Ingenieur. Er begann, über bessere Mittel der Einäscherung nachzudenken. Nach seinen Berechnungen müssten eigentlich 22 Kilogramm Holz reichen, um einen durchschnittlich großen Körper zu verbrennen. Doch bis heute verbrauchen die Hindus sehr viel mehr - eine förmliche Bestattung, bei der der Leichnam sechs Stunden auf einem ein Meter hohen Holzstapel verbrannt wird, kann bis zu 400 Kilogramm Holz verschlingen.

Schon 1993 entwickelte Agarwal einen technisch ausgereifteren Scheiterhaufen: Das Holz liegt auf einer leichten Erhöhung, um das Feuer von unten zu belüften, ein Dach konzentriert die Hitze. Mit einem Verbrauch von 100 Kilogramm Holz und zwei Stunden Brennzeit war seine neue Technik zwar vergleichsweise sparsam, doch wenig erfolgreich: „Niemand benutzte es“, sagt Agarwal, „uns fehlte einfach die Zustimmung der Priester.“

Nach langen Beratungen mit Priestern, Bürokraten und Umweltschützern entwarfen Agarwal und seine Freunde ein völlig neues Design: Zum neuen Verbrennungs-Ensemble gehören ein Marmorboden und eine Statue der Göttin Shiva. Das jüngste Modell hat sogar einen Schornstein, um den größten Teil der Rauchpartikel aufzufangen. Aus den Bedienungsanleitungen wurden alle Erwähnungen von Metall gestrichen, da dies mit „dunklen Mächten“ in Verbindung gebracht wird.

Insgesamt 41 solcher Scheiterhaufen sind mittlerweile in Indien im Einsatz. 20 weitere sollen noch in diesem Jahr hinzukommen. Agarwal und seine Bewegung hoffen, dass ihre Erfindung im Rahmen des Kyoto-Protokolls auf die Liste CO2-reduzierender Maßnahmen kommt - dies würde ihnen die Ausgabe von Emissions-Zertifikaten ermöglichen.