Medizintechnik

Bewährtes Verfahren zur Diagnose bedroht

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Foto: mr/sv/h / dpa

Aus Angst vor den Folgen der Strahlen soll medizinisches Personal künftig nicht mehr neben dem Magnetresonanztomografen stehen. Doch damit würde auch eines der schonendsten Diagnoseverfahren in der Medizin maßgeblich eingeschränkt.

Der Magnetresonanztomograf (MRT) klopft laut, doch Marie schläft - sorgfältig überwacht durch ein Narkoseteam. Das sechs Monate alte Mädchen leidet unter einem angeborenen Herzfehler. Die Untersuchung dient der genauen Planung der lebensnotwendigen Operation. Schon in einem Jahr könnte dieses Szenario der Vergangenheit angehören. Grund dafür ist eine EU-Richtlinie, die medizinisches Personal vor elektromagnetischen Strahlen schützen soll. Doch damit würde auch eines der schonendsten Diagnoseverfahren in der Medizin maßgeblich eingeschränkt.

"MRT-gestützte Biopsien, Untersuchungen bei kleinen Kindern, Notfall- oder Intensivpatienten werden dann nicht mehr möglich sein", so Professor Maximilian Reiser, Leiter der Radiologie an der Münchner Uniklinik und Präsident der Deutschen Röntgengesellschaft. Denn dann darf medizinisches Personal bei einer Untersuchung nicht mehr anwesend sein.

Ursache ist die 2004 von der EU-Kommission verabschiedete Richtlinie über physikalische Einwirkungen elektromagnetischer Felder. Sie soll Arbeitnehmer beispielsweise an Hochspannungseinrichtungen, Handymasten oder in Elektrostahlwerken vor der Strahlenwirkung schützen. Bis April 2008 muss die Richtlinie in nationales Recht umgesetzt werden. "Wir vermuten, dass niemand daran gedacht hat, dass bei der MRT mit Magnetfeldern gearbeitet wird", sagt Professor Gabriel Krestin vom Forschungskomitee der European Society of Radiology.

Bisher stoßen die Einwände der Mediziner in Brüssel auf taube Ohren. Man fühle sich nicht zuständig, so das bundesdeutschen Gesundheitsministerium auf eine Anfrage des MDR vor zwei Monaten.

Seit etwa 25 Jahren wird die MRT in der Medizin eingesetzt, weltweit wurden rund 500 Millionen Menschen bisher untersucht. Mit Ausnahme von Lichtblitzen und Muskelzuckungen bei einigen Hochleistungs-MRTs und speziellen Untersuchungen wurden keine Nebenwirkungen beobachtet.

Je höher das im MRT erzeugte Magnetfeld, umso besser ist die Bildauflösung, und umso kürzer ist die Untersuchungszeit. Die gängigen Hochfrequenz-MRTs arbeiten mit Feldstärken von drei bis acht Tesla, auf 11,7 Tesla bringt es Europas leistungsstärkstes Forschungs-MRT, das seit vergangener Woche in Köln in Betrieb ist.

Längst hat das MRT in vielen Bereichen die Computertomografie (CT) abgelöst, vor allem, weil man dort mit krebserzeugenden ionisierenden Strahlen arbeitet. "Ein CT bei Kindern überlegt man sich dreimal", sagt Peter Zartner, leitender Kinderkardiologe am Deutschen Kinderherzzentrum Sankt Augustin in Siegburg. Würde die kleine Marie im CT untersucht, läge die Strahlenbelastung nur für diese eine Untersuchung bei zehn bis 100 Millisievert - fünf- bis 50-fach über der Strahlenbelastung eines einzigen Jahres durch natürliche Quellen.

Zudem sind die MRT-Bilder in vielen Bereichen, beispielsweise bei der Gefäßdarstellung, den CT-Bildern überlegen. "Die in der Richtlinie festgelegte Grenzwerte gehen auf Hochrechnungen von 1994 zurück", sagt Reiser. Immerhin hat die Kommission zugestimmt, unabhängige Experten mit der Analyse der Auswirkungen der Richtlinie auf die klinische Anwendung von MRT zu beauftragen. Erste Daten sollen Ende des Jahres vorliegen; "zu spät", fürchtet Reiser. Er plädiert für eine Ausnahmeregelung im medizinischen Bereich, zumindest aber für eine Verschiebung der Umsetzung um mindestens zwei Jahre: Zu enge Grenzwerte könnten eine Weiterentwicklung der MRT-Diagnostik unmöglich machen.

Auch die Wissenschaft wäre betroffen. Hier ermöglicht das MRT beispielsweise Einblicke in die Funktion des Gehirns und begrenzt Tierversuche. "Gerade hier sind deutsche und europäische Forscher und Unternehmen noch Weltspitze", sagt Reiser.