Gesundheit

Hoffnung für Millionen Diabetes-Patienten

Das Gerät in der Blisterpackung sieht so wenig spektakulär aus, dass man es sich in der Warenauslage des nächsten Supermarkts vorstellen könnte. Tatsächlich ist der Apparat, der optische Ähnlichkeit mit einem Herzschrittmacher aufweist, eine medizinische Innovation, die womöglich Millionen Menschen helfen könnte.

Ob es dazu kommt - das ist eine Frage, die gegenwärtig in einer internationalen klinischen Studie untersucht wird. Die Studienleitung liegt bei der Chirurgischen Klinik des Universitätskrankenhauses Eppendorf (UKE) unter der Leitung von Professor Jakob Izbicki und Oberarzt Dr. Oliver Mann.

Das kleine Gerät, das stattliche 4500 Euro kostet und von der Firma Betastim aus dem israelischen Caesarea produziert wird, ist tatsächlich ein Schrittmacher, und zwar für den Zwölffingerdarm. Dieses Gerät wurde im Herbst 2008 weltweit erstmals im UKE implantiert. Er wird bei stark übergewichtigen Patienten eingesetzt, nimmt Einfluss auf den Verdauungsprozess und bewirkt, dass Kranke, die unter Diabetes Typ 2, dem sogenannten Alterszucker, leiden, ohne Medikation wieder völlig normale Blutzuckerwerte erreichen. Das sind die ersten Ergebnisse der weltweiten Betastim-Studie, die im Herbst 2008 begann. "Wenn sich die Erwartungen bestätigen, hat das Auswirkungen auf die Versorgung von Millionen Patienten", sagte Izbicki im Gespräch mit der Morgenpost Online.

Der Diabetes Typ 2 ist längst eine Volkskrankheit mit explodierenden Patientenzahlen auch in Ländern wie Indien und China, wo die Menschen in der Vergangenheit auch aufgrund der Ernährungsgewohnheiten eher schlank waren. In den USA leiden bereits 7,8 Prozent der Bevölkerung unter Diabetes. Die Ausgaben des Gesundheitssystems summierten sich für die Patienten 2007 auf 174 Milliarden Dollar. In Deutschland schwanken die Ausgaben pro Patient und Jahr allein für die Behandlung des Diabetes zwischen 1300 und 3800 Euro.

Auch in Deutschland ist Diabetes gegenwärtig die teuerste chronische Erkrankung. Allein die direkten Kosten für die Versorgung der rund sechs Millionen Patienten liegen bei elf Milliarden Euro. Entsprechend hoch sind die Erwartungen, die auf der Schrittmacher-Studie liegen. "Zumal ein solches Gerät die Lebensqualität der Patienten erheblich steigert, weil sie sich nicht mehrfach täglich stechen müssten, um den Blutzuckerspiegel zu prüfen und auf tägliche Tablettendosen angewiesen wären", sagt Oberarzt Mann.

Der Hintergrund der Studie ist spannend. Das Konzept basiert nämlich auf Erkenntnissen aus der Behandlung schwer übergewichtiger Patienten. Behandlungsmöglichkeiten sind dabei bekanntermaßen ein Magenband, das den Appetit massiv zügelt und die Gewichtsabnahme steigern soll, es gibt aber auch die Möglichkeit, durch einen minimalinvasiven Eingriff vom verkleinerten Magen eine Abkürzung zum Dünndarm zu legen. Damit wird der Zwölffingerdarm umgangen.

Dabei stellte sich nun heraus, dass sich in der Folge dieses Eingriffs die Blutzuckerwerte der Patienten "dramatisch verbesserten", schildert Mann. Und jetzt zogen die Ärzte die Rückschlüsse. Ganz offenbar liegt die Ursache in der Hormonproduktion im Zwölffingerdarm, die wiederum einen Einfluss auf den Blutzucker hat - ebenso übrigens wie die Fettzellen im Bauch. Die größten Gesundheitsgefahren bei den Übergewichtigen gingen nämlich nicht von Speckrollen an den Hüften aus, sondern von dem Fett, das sich im Bauchraum anlagert. Und das besteht nicht, wie früher angenommen, aus lästigen, aber immobilen Zellen, sondern diese Zellen seien im Rahmen des Stoffwechsels hoch aktiv.

Aus den Erfahrungen mit dem Bypass am Darm für Übergewichtige und der offensichtlichen Mitwirkung des Zwölffingerdarms am Diabetes folgte das Schrittmacherprojekt, das gleichermaßen auf die Geschwindigkeit des Verdauungsprozesses wie auf die Hormonproduktion wirkt. Das Ergebnis nach bisheriger Sicht: "Während Patienten mit Medikamenten ihren Blutzuckerspiegel nur so gut wie möglich regulieren können, wirkt der Schrittmacher darauf ein, dass der Körper dies optimal besorgt", sagte Mann.

Der kleine Schrittmacher wird, wie ein Herzschrittmacher, unter die Haut gepflanzt, zwei kleine Elektroden reichen an den Darm, erklärte Izbicki. Schon die ersten Patienten der Eppendorfer konnten nach wenigen Wochen die Zuckertabletten beiseite legen. Jetzt geht die Untersuchung bis zum Jahresende weiter. Dann wird in den beteiligten Zentren ausgewertet. Und der nächste Schritt wäre eine größere randomisierte Studie, bei der Patientengruppen gleichzeitig mit und ohne Schrittmacher behandelt werden. In rund drei Jahren könnte die Methode auf den Markt kommen. Gegenwärtig würden Schrittmacher und Operation 15.000 Euro kosten.

Das Projekt ist die Folge des Problems, dass immer Menschen nicht nur übergewichtig, sondern stark fettleibig sind. Izbicki und sein Team haben sich unterdessen auf die Operation dieser Patienten spezialisiert und sind das zweitgrößte Zentrum in Deutschland. "Pro Woche operieren wir bis zu neun Patienten", sagt Mann. Das schwerste Schwergewicht wog 350 Kilo. Patienten mit 200 Kilo gehören schon fast zum Alltag. In der Therapie arbeiten die Chirurgen mit dem Internisten und Endokrinologen Dr. Jens Aberle, Oberarzt der Medizinischen Klinik, zusammen. Alle Patienten mit krankhaftem Übergewicht werden in einer interdisziplinären Spezialambulanz betreut. "Wir sehen 1000 Patienten pro Jahr", sagte Mann.

Die Chirurgische Klinik des UKE beschäftigt 35 Ärzte plus Chef. Jährlich werden 4500 Operationen durchgeführt. Spezialitäten sind Tumorchirurgie des gesamten Verdauungstrakts, Lungenoperationen und vor allem minimal-invasive Operationen bei Tumoren.