Grüne Vigara

Das Schweigen der Potenzmittel-Forscher

Eine Woche lang wurde ein neues pflanzliches Aphrodisiakum von den Medien gefeiert. Plötzlich will niemand mehr darüber reden.

Ein rein pflanzliches Potenzmittel, mindestens so wirksam wie Viagra und damit ein potenzieller Kassenschlager, sorgt seit einer Woche für Schlagzeilen. Olaf Schröder, der für seine Doktorarbeit in der Medizin über dieses Thema forscht, wollte die Möglichkeiten, die die Pflanze Tribulus terrestris bietet, genauer untersuchen. Über die Pressestelle des Berliner Universitätsklinikums Charité startete er zunächst einen Probandenaufruf, der bereits am 28. April 2007 im "Berliner Kurier" veröffentlicht wurde. "Die Charité Berlin sucht Potenzmittel-Tester. Die natürlichen Mittel sollen an Probanden getestet werden, die seit mindestens einem halben Jahr Viagra nehmen", hieß es damals nüchtern, Telefonnummer und E-Mail-Adresse Schröders an der Charité waren angegeben. Ein normaler Vorgang, wenn Testpersonen für wissenschaftliche Studien gesucht werden.

Doch nun, knapp zwei Jahre später, gibt es Aufruhr um die Studien von Olaf Schröder, dessen Doktorarbeit vom Transfusionsmediziner Professor Holger Kiesewetter betreut wird. Erste Ergebnisse an 50 Probanden hätten gezeigt, dass das Mittel offenbar gut wirke. Und die Studie sei durchaus kein Hirngespinst von Olaf Schröder, sondern es gibt sie wirklich, bestätigt Claudia Peter von der Pressestelle der Berliner Charité, "die Forschung läuft bereits seit 2007". In einer Fachzeitschrift wurden die Forschungsergebnisse allerdings bislang nicht veröffentlicht. Schröders Doktorvater, Holger Kiesewetter, äußert sich derweil nicht zu den Studien seines Doktoranden - Anfragen werden nur noch über die Abteilung Unternehmenskommunikation der Charité beantwortet.

Und auch die gibt sich wortkarg: "Bei dieser Untersuchung handelt es sich um die Aktivität eines einzelnen Mitarbeiters der Charité in eigener Verantwortung", teilte sie mit. Doch warum distanziert sich die Charité von der Arbeit ihres Doktoranden? Ob es an dem Inhalt und der Ausrichtung der Studie selber liegt, bleibt vorerst im Dunkeln. Was die Charité aber offenbar verärgert hat, ist die Art und Weise, wie Schröder sich und die Pille in den Medien vermarktete.

Es sei nicht geschickt gewesen, Produktnamen nach außen zu tragen, sagt Claudia Peter und bestätigt damit indirekt, dass eine Vermarktung der Potenzpille beabsichtigt sei: "Die Nennung eines Produktnamens im Zusammenhang mit den Untersuchungen entspricht nicht den wissenschaftlichen Standards der Charité." Normalerweise werden bei neuen Medikamenten nur Wirkstoffnamen oder neutrale Kürzel verwendet, bevor nicht die Wirksamkeit eines Stoffes einwandfrei nachgewiesen sei. Der Name "Plantagrar" tauchte am 8. März zum ersten Mal in einer Zeitung auf.

Ungeschickt war wohl auch, dass Schröder den Medien von einer wahrscheinlichen Markteinführung der Bio-Potenzpille schon im kommenden Jahr durch die Berliner Firma Caplab erzählte. "Die Charité behält sich vor, hierauf geeignet zu reagieren, und schließt auch rechtliche Schritte nicht aus", heißt es in der mageren Pressemitteilung der Klinik. Bereits in der vergangenen Woche war bei der Charité nach den ersten Medienberichten mit einer Prüfung des Vorgangs begonnen worden, sagt Claudia Peter. Spätestens dann, so gibt sie zu, hätte die Pressestelle keine Journalisten mehr an den Jungforscher vermitteln dürfen. Doch genau dies geschah und führte auch zu einem Interview von Schröder in der Morgenpost Online und auf Morgenpost Online.

Noch in dieser Woche gab die Charité E-Mail-Adresse und Handynummer von Olaf Schröder für das Interview heraus. Am Montag funktionierte die Handynummer auch noch. Nun hört ein Anrufer nur: "Die von Ihnen gewählte Rufnummer ist nicht vergeben".

Ein abgetauchter Doktorand? Eine schmallippige Pressestelle, ein Doktorvater, der nicht Stellung nehmen will und eine Pharmafirma, die keine Zeit hat, unsere Anfrage auch nur anzuhören. Dies alles wirft viele Fragen auf, und Professor Kiesewetter, der vor zehn Jahren schon einmal für Aufsehen mit einer Studie über Knoblauchpillen sorgte, darf sich sicher sein, dass jetzt die Öffentlichkeit darauf wartet, zu erfahren, was wissenschaftlich wirklich dran ist an der "grünen Potenzpille Plantagrar".