Tiere

Arche Noah, Teil zwei - Arten wandern wieder ein

Vor 70 Jahren importierte ein Froschschenkel-Gourmet fünf Ochsenfrosch-Paare aus Philadelphia in die Lüneburger Heide. Die Pärchen hielt es nicht lange in den Zuchtteichen. Und so ist von Artensterben keine Spur: Deutschland ist Einwanderungsland geworden. China-Krabbe, Elch und Waschbär sind schon da.

Foto: infor_sql / pa

Er ist ein Kilo schwer und nervt mit dumpfem Gebrüll. Vor 70 Jahren importierte ein Froschschenkel-Gourmet fünf Ochsenfrosch-Paare aus Philadelphia in die Lüneburger Heide. Die Pärchen hielt es nicht lange in den Zuchtteichen. Sie vermehrten sich schnell und bevölkerten die Ziergärten der Anwohner. Verzweifelt griffen diese zum Schrotgewehr, das zumindest überliefert der "Stern": Vertreiben konnten sie den Ochsenfrosch aus Deutschland aber nicht mehr. Heute fühlt er sich vor allem in Karlsruhe und im Rheinland wohl und fängt alles, was er schnappen kann: Krebse und Fische, kleinere Vögel, Säugetiere und Schlangen.

In Deutschland ist von Artensterben keine Spur. Im Gegenteil: Ständig kommen neue hinzu. Deutschland ist zum Einwanderungsland für Tiere und Pflanzen geworden.

Blinde Passagiere nisten sich ein

Die Invasoren, Neophyten (Pflanzen) und Neozoen (Tiere) genannt, reisen als blinde Passagiere mit den Menschen um den Globus. Sie verstecken sich als Samen unter den Schuhsohlen von Touristen, überqueren als Waren auf Güterzügen die Lande. Wie viele Arten pro Jahr nach Deutschland einwandern, ist mangels entsprechender Zählungen nicht bekannt. Sie kommen aus so unterschiedlichen Regionen der Welt wie Amerika, China und dem Kaukasus - und überleben hier sehr gut. Zu gut sogar, fragt man Artenschützer hierzulande.


Zum Beispiel die Schachblume: Sie wurde vor fast 400 Jahren vom Balkan in deutsche Ziergärten importiert. Heute blüht sie lila-weiß gemustert, wie ein kleines Schachbrett auf entlegenen Feuchtwiesen in Süd- und Norddeutschland. Inzwischen befinden deutsche Artenschützer den Invasoren als schützenswert, verliehen dem östlichen Eindringling den Status "stark gefährdet", setzten ihn auf die "Rote Liste".

Nicht alle Arten werden hierzulande so freundlich aufgenommen. Weil der Zufall sie bestens an die hiesigen Lebensbedingungen angepasst hat, haben sie sich hervorragend vermehrt - und bringen an einigen Orten das ökologische Gleichgewicht durcheinander. Zum Beispiel die chinesische Wollhandkrabbe. Um 1913 kam sie von Asien nach Europa. Sie vermehrt sich in Massen und macht als Allesfresser den Fischen Konkurrenz.

Ein Kommen und Gehen

Viele der Eindringlinge haben inzwischen heimische Arten verdrängt. Aber von den meisten Arten, die nach Deutschland kommen, geht keine Gefahr aus. "Nur 30 bis 40 Arten von den über 1000, die in den letzten Jahrhunderten eingeschleppt wurden, verursachen Probleme", beschwichtigt Jörg-Andreas Krüger, Spezialist vom Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND).

Dass in Deutschland keine Arten aussterben, liegt an der Lage mitten in Europa. Arten, die hier in Bedrängnis geraten, finden in den Nachbarländern eine Bleibe und wandern wieder ein, sobald sich die Lebensbedingungen bessern.

Zum Beispiel der Elch. Er galt als ausgestorben. Seit einigen Jahren wandern Elche wieder von Polen nach Brandenburg ein.

Viele Tiere und Pflanzen, die als Neuzuwanderer gelten, sind bereits vor Hunderten Jahren angekommen. Zum Beispiel der Klatschmohn, die Kornblume und auch die Regenbogenforelle. Anders als bei den Menschen verlieren Flora und Fauna ihren Zuwanderer-Status erst nach Jahrhunderten. Als Einwanderer gelten alle Tiere und Pflanzen, die nach der Entdeckung Amerikas 1492 hier heimisch geworden sind. Das bedeutet: Selbst wer erst vor 450 Jahren in Deutschland angekommen ist, ist und bleibt ein Einwanderer.