Unbewusste Signale

Warum sich uns manchmal die Haare sträuben

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Harald Czycholl

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Viele kennen das noch aus der Schule: Jemand schreibt etwas an die Tafel – und mit einem schrillen Quietschen rutscht die Kreide ab. Das Resultat: Der ganzen Klasse läuft es eiskalt den Rücken herunter, fast alle kriegen eine Gänsehaut. Aber auch Angst und Schrecken können den Reflex auslösen – aber was steckt dahinter?

Bewusst steuern lässt sich das Phänomen nicht: Der Volksmund leitet den Ausdruck „Gänsehaut“ vom Anblick gerupfter Gänse ab. Bei den Vögeln sind die Balgdrüsen, in denen die Federn stecken, ein wenig höckerig. Ist die Gans gerupft, bleiben diese kleinen Höcker zurück. Gänse haben also immer eine Gänsehaut – doch warum tritt sie auch bei Menschen auf?


Ursprünglich ist Gänsehaut eine Schutzreaktion des Körpers gegen Kälte. Der Reflex ist angeboren und dient dazu, die Körperhaare aufzurichten. Bei Tieren bewirkt das, dass in den aufgerichteten Pelzhaaren ein Luftpolster eingeschlossen wird. Diese Luftschicht isoliert und schützt den Körper davor auszukühlen.


Bei unseren pelzigen Vorfahren war das genauso. Und auch wenn sich der dichte Pelz der Urmenschen im Laufe der Evolution nach und nach zu einer dünnen Behaarung veränderte, der Reflex blieb erhalten. Ausgelöst wird die Gänsehaut durch den sogenannten Sympathikus, einen Teil des unbewussten Nervensystems.


„Dabei ziehen sich die kleinen Haarmuskeln unterhalb der Haut zusammen“, erklärt Uwe Gieler, Hautarzt an der Universitätsklinik Gießen. Zugleich wird die dazugehörige Talgdrüse komprimiert. „Dabei kommt es zu einem leichten Anschwellen der oberen Haut, der Epidermis, die dadurch kleine Erhebungen ausbildet. So wird die Oberfläche der Haut vergrößert und die in Stresssituationen notwendige Schweißabgabe gesteigert“, so Gieler. Dadurch richtet sich das Haar auf.


Besonders deutlich bemerkt man dies in der Nacken- und Rückengegend. Dies ist darauf zurückzuführen, dass die hinteren Körperregionen stärker vom unbewussten Nervensystem gesteuert werden als die Vorderseite des Körpers. Die häufigste medizinische Ursache für Gänsehaut ist ansteigendes Fieber. Dabei bekommen wir das Gefühl zu frieren und bekommen Gänsehaut.


Kälte ist jedoch nur einer der Auslöser von Gänsehaut – auch Angst kann dafür sorgen, dass einem die Haare zu Berge stehen. Auch das ist ein Überbleibsel der Evolution. Das größere Haarvolumen trägt auch dazu bei, Feinde abzuschrecken. Hunde und Katzen sträuben die Rückenhaare und wirken so größer und imposanter.


Auch Menschen mit starker Körperbehaarung können sich so noch im wahrsten Sinne des Wortes „die Haare sträuben“. Dass es einem in einer Schrecksituation „eiskalt den Rücken herunterläuft“, liegt daran, dass mit dem Aufrichten der Haare ein Kältegefühl verbunden ist.

Auch positive Erlebnisse können eine Gänsehaut auslösen, etwa eine jubelnde Menchenmenge oder ein Musikstück. Eckart Altenmüller von der Hochschule für Musik und Theater in Hannover sagt, dass besonders Ohrwürmer oft eine Gänsehaut verursachen: „Wenn ein Hörer in einem Musikstück plötzlich ein Thema wiedererkennt, führt das zu einer starken Emotion."


Aber jeder Mensch reagiert anders. Das hat unter anderem genetische Ursachen, sagt Gieler: „Die Gänsehaut ist ein Beispiel für die schon in der Embryonalentwicklung des Menschen festgelegte enge Verbindung zwischen dem zentralen Nervensystem und der Haut.“