Pflanzen

Löwenzahn – er macht fit und schön

Die Pusteblume sollte Deutschland im Zweiten Weltkrieg aus der Kautschuk-Abhängigkeit befreien. Sie wächst, wo sonst nichts wächst, gilt als Maikäferschreck und hilft Honigbienen, im Frühling wieder fit zu werden. Das Erfolgsgeheimnis der gelben Kuhwiesenblume steckt in einer besonderen Art der Vermehrung.

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Löwenzahn ist beliebt. Kinder mögen es, die schlanken, tönnchenförmigen Früchte mit ihren haarigen Flugschirmen vom Blütenstand in die Luft zu pusten. Homöopathen schätzen seine Heilwirkung. Löwenzahn wirkt blutbildend, harntreibend und aktiviert allgemein den Stoffwechsel. Er lindert Kopfschmerzen, hilft gegen Bronchitis, Rheuma, chronische Gelenkschmerzen, Frühjahrsmüdigkeit und verbessert die Haut. Das ist auch einer der Gründe, warum Löwenzahnblätter in den verschiedensten Varianten als Salat geschätzt werden – solange die Blätter jung und frisch sind. Alter Löwenzahn schmeckt bitter und ist gummihart.

Aber abseits der Küche ist auch das Leben der Pflanze spektakulär: So öffnen und schließen sich die Blüten bei unterschiedlicher Helligkeit. Bei Sonnenschein werden die Köpfe vollständig geöffnet, und wenn sich der Himmel bewölkt, wieder geschlossen. Das kann bereits geschehen, wenn nur ein paar Wolken über die Wiese ziehen und es sieht besonders imposant aus, wenn die Blüten dicht an dicht stehen. Dann scheinen sie mit ihrer Schließbewegung dem Schatten über dem Feld zu folgen.

Die satt gelben Blüten sind aber gleichzeitig so etwa wie das Paradox des Löwenzahns. Sie sind ein untrügliches Signal für einen Überfluss an Nährstoffen im Boden und damit ein leuchtendes Merkmal für den Artenschwund in den Kulturlandschaften. Löwenzahn wird durch stickstoffhaltige Böden im Wachstum gefördert und verdrängt auf Dauer die Vielfalt der Wiesenblumen und Gräser. Nach einer ökologischen Grundregel sind es immer die nährstoffarmen Böden, auf denen die Artenvielfalt hoch ist. Das gilt für den tropischen Regenwald als den klassischen Biotop für Artenvielfalt auf nährstoffarmem Grund genauso wie für Wiesen und Wegränder hierzulande.

Der aus der Überdüngung der Felder durch die moderne Landwirtschaft sich im Boden anreichernde Stickstoff wird zum „Erstickstoff“, wie es der in München lehrende Ökologe Joseph H. Reichholf nennt. Dazu ist es heute nicht einmal mehr nötig, direkt Mineraldünger auf einer bestimmten Fläche einzusetzen. Es reicht schon der über das Niederschlagswasser und den Staub über den Luftweg eingetragene Stickstoff, um wesentlich weniger Arten in der freien Flur wachsen zu lassen.

Blüten im Mai und im August

Und auch wenn in diesem Jahr die Wiesen und Feldränder wegen des unbeständigen Wetters Ende April und Anfang Mai nicht überall so gelb leuchteten wie in den vorausgegangenen Jahren, ist das kein Zeichen für Umkehr der Überdüngungsverhältnisse. Wenn das Wetter so bleibt, wird man den Zuwachs des Löwenzahns auch in diesem Jahr noch von Ende August bis in den Herbst hinein sehen können. Bei beständigem Sonnenschein werden die Pflanzen dann auch ein zweites Mal blühen.

Die Eutrophierung, wie die Anhäufung von Nährstoffen im Boden wissenschaftlich heißt, nimmt weiter zu. Nur auf den Grünanlagen in den Städten ist dieser Trend nicht zu beobachten und das hat auch damit zu tun, dass dort in der Regel nicht gedüngt wird.

Der im überdüngten Boden gut gedeihende Löwenzahn verdrängt aber nicht nur andere Pflanzen. Durch den dichten, krautigen Wuchs hält er den Boden nasskalt. Verstärkt wird diese Wirkung noch durch sein Wurzelwerk: Eine Löwenzahnwurzel kann in Extremfällen bis zwei Meter lang werden und hält mit ihren fleischigen Pfählen Feuchtigkeit auch im Boden. Dadurch verändern sie das Kleinklima und machen manchen Insekten das Leben unmöglich.

Ein klassisches Beispiel aus der Ökologie dafür ist der Maikäfer. Wenn die Sonnenwärme nicht mehr bis in den Boden vordringen kann, kommt der Schlüsselreiz zum rechtzeitigen und gleichzeitigen Ausschwärmen nicht mehr bei den Engerlingen an und sie verschlafen, salopp gesagt, das Leben als Käfer. Das verhindert zwar Käferplagen, auf lange Sicht hin entwickeln sich aber immer weniger Engerlinge zu Käfern und das führt dann dazu, dass es keine Maikäfer mehr im Löwenzahngebiet gibt. Sie siedeln dann mit anderen Tieren und Pflanzen in die Stadt um.

Labsal für schwache Bienen

Es gibt aber auch – natürlich möchte man sagen – einen positiven Aspekt der vermehrten Löwenzahnblüte und der hat mit den ebenfalls in die Krise geratenen Bienenvölkern zu tun. Weil der Löwenzahn so früh blüht, spielt er in der Entwicklung der Bienenvölker im Frühjahr eine bedeutende Rolle. Und wenn der Löwenzahn sich weiter so ausbreitet, wie er es zurzeit tut, kann das auch zu einer gesteigerten Honigproduktion führen, die bereits im Frühjahr beginnen kann. Ob das allerdings ausreicht, um den durch Krankheiten und allgemeine Erschöpfung bedrohten Bienenvölkern wieder auf den Blütenflug zu helfen, weiß niemand.

Einem anderen Betriebszweig aber wird der wachsende Löwenzahnbestand bestimmt helfen: Es ist die Kautschukproduktion. Die ganze Pflanze des Löwenzahns enthält einen Milchsaft, der besonders in den Wurzeln konzentriert dem Milchsaft des Naturkautschuks ähnelt, ohne allerdings dessen Qualität zu erreichen. Von wirtschaftlicher Bedeutung war die Löwenzahnkautschukproduktion vor allem in den 30er-Jahren und im Zweiten Weltkrieg. In der ehemaligen Sowjetunion gab es viele Anbauversuche im Süden des Landes, die bis heute zur Ausbreitung des Löwenzahns beitragen.

Unabhängig vom Kautschuk

In Deutschland führte die Unabhängigheit von der Kautschukeinfuhr unter anderem 1942 zur Einrichtung einer Forschungsstation für Pflanzenkautschuk im Konzentrationslager Auschwitz, die neben den Forschern von Zwangsarbeitern unterhalten wurde. Die nach dem Zweiten Weltkrieg eingestellte Forschung am Löwenzahn als potenziellem Rohstofflieferanten wird in neuerer Zeit von einigen Labors in Europa und den USA wieder aufgenommen. Im Zuge der Bioenergiewelle scheint die Pflanze noch ungeahnte Potenziale zu haben.

Für die Biologie war der Löwenzahn aber schon immer von Interesse und ist es in letzter Zeit zunehmend geworden. Das hat zu tun mit der unregelmäßigen Fortpflanzung des Löwenzahns und der Geschwindigkeit, mit der sich in dieser Gruppe neue Formen bilden. Was wir Löwenzahn nennen und wissenschaftlich Taraxacum heißt, ist eine außerordentlich formenreiche Gattung und „noch in fortlaufender Bildung neuer Sippen begriffen“ wie es im Schmeil-Fitschen in der Auflage aus dem Jahr 2000 heißt, einem der führenden Bestimmungsbücher für die Flora von Deutschland und angrenzender Länder.

Allein für den Gewöhnlichen Löwenzahn sind etwa 240 Kleinarten beschrieben, die man tatsächlich nur mithilfe von botanischer Spezialliteratur bestimmen kann. Wobei Kleinarten in diesem Fall meint, dass sich ihre Mitglieder schon hauptsächlich untereinander fortpflanzen, aber ganz streng geregelt scheint das nicht zu sein. Die Geschwindigkeit, mit der sich neue Formen oder Sippen bilden, hängt entscheidend mit der zwischen geschlechtlicher und ungeschlechtlicher Fortpflanzung wechselnden Vermehrung des Löwenzahns zusammen. Dabei kommen sich aus sich selbst heraus vermehrende Pflanzen und sich sexuell fortpflanzende Individuen oft in derselben Population oder auf derselben Wiese vor. Das macht die Beschreibung des Löwenzahns so schwierig und ihre Einordnung unter einen Artbegriff unmöglich.

Der Löwenzahn wurde bisher zu den „apomiktischen“ Pflanzengruppen gezählt. Apomixis ist der Fachbegriff für Pflanzen, bei denen sich der Keimling nicht aus einer befruchteten Eizelle entwickelt, sondern parthenogenetisch aus einer unbefruchteten Eizelle hervorgeht. Dabei findet also keine Vermischung von väterlichem und mütterlichem Erbgut statt. Die Nachkommen entsprechen völlig der Mutterpflanze. Auf diese Weise vermehren sich tatsächlich viele Löwenzahnpflanzen.

Komplizierte Fortpflanzung

Oft sind es triploide Pflanzen, das heißt, sie haben einen dreifachen Chromosomensatz. Genauere Untersuchungen haben aber gezeigt, dass die Löwenzahnpopulationen neben solche apomiktischen Pflanzen immer auch diploide Formen mit einem „normalen“ doppelten Chromosomensatz enthalten. Diese diploiden Formen können sich nicht mit sich selbst paaren und tauschen ihre Erbanlagen wie andere zweigeschlechtliche Lebewesen auch aus.

Dazu gibt es aber auch noch tetraploide Pflanzen mit einem vierfachen Chromosomensatz. Wenn diploide Pflanzen mit Pollen von den tetraploiden Typen befruchtet werden, entstehen daraus triploide apomiktische Formen, die sich nur selbst kleinen. Kurzum: Im Löwenzahnreich geht es genetisch betrachtet drunter und drüber und ein und dieselbe Löwenzahnform kann sich sowohl geschlechtlich vermehren oder einfach Klone von sich bilden. Und das ist der Trick, der die Vielfalt ermöglicht. Denn so kann explosionsartig eine Fülle neuer Formen entstehen.

Dieses verrückte und systematisch nur schwer zu fassende Verhalten macht zwar die genaue Bestimmung der vielen Kleinarten und Sippen für den Laien fast unmöglich, es veranschaulicht aber, dass die Evolution, also die Veränderung der Arten nach wie vor in Gang ist auf eine Weise, die nicht abstrakt ist. Außerdem ist die Gruppe des Gemeinen Löwenzahns damit auch ein Beispiel für eine relativ schnell vonstatten gehende Evolution. Die von Darwin postulierte schier ewige Dauer der Veränderung trifft hier nicht zu.

Das verhilft dem Löwenzahn oder besser den Löwenzähnen zu einem Anpassungsvermögen, das ihnen eine leichte Verbreitung auf mageren, aber auch auf überdüngten Böden ermöglicht. Außerdem variieren die einzelnen Individuen einer Gruppe sehr stark. Je nachdem wo sie wachsen, scheinen sie auch ihre Blätter zu gestalten. An ruhigen, ungestörten Standorten werden die Blätter bis zu fünfzig Zentimeter hoch und strecken sich gerade in die Luft. An Orten, wo oft gemäht wird oder viele Leute spazieren gehen, drängt sich die Pflanze dagegen an den Boden und bleibt klein.