Innovation

Auf diese Kartoffel hat die Industrie gewartet

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Die Kartoffel ist vielleicht das deutscheste aller Lebensmittel. Aber wegen ihres hohen Stärkegehalts kann die Knolle noch mehr. Fraunhofer-Forscher haben jetzt eine neue Super-Kartoffel entwickelt, die zwar eigenartig schmeckt, dafür aber Papierhersteller und die Textilindustrie glücklich machen könnte.

Die Schale ist hellbraun, das Fleisch saftig und gelb. Rein äußerlich sind alle Kartoffeln gleich. Früher wurden die auch Erdäpfel genannten Knollen vorwiegend nach ihren Kocheigenschaften – fest oder mehlig – benannt.


Die Zeiten sind vorbei. Kenner unterscheiden diverse Sorten nach anderen Eigenschaften – und die Namen zeugen von einer gewissen Kreativität: „La Ratte“ heißen die Knollen etwa, „Bamberger Hörnchen“ oder schlicht „Linda“.


Und für die Lieblingskartoffel der Deutschen gibt es kaum eine Zubereitungsart, die nicht denkbar wäre. Gebraten, gekocht, gehobelt, gepellt, gratiniert, frittiert, püriert oder in Form von Knödeln: Die Kartoffel verwandelt sich in jede Gestalt.


Das fettarme Nachtschattengewächs, von dem hierzulande jährlich sieben Millionen Tonnen geerntet werden, überzeugt auch mit seinen gesundheitsfördernden Inhaltsstoffen. Vor allem aber ist sie der Stärkelieferant Nummer eins in Deutschland.


Und Stärke wird nicht nur für die Ernährung gebraucht. Auch die Papier- und Textilindustrie benötigt sie. Da trifft es sich gut, dass Forscher des Fraunhofer-Instituts für Molekularbiologie und Angewandte Ökologie in Aachen eine neue Super-Kartoffel entwickelt haben.


Für die Emsland Group, die der größte deutsche Kartoffelstärke-Hersteller ist, brachte der diesjährige Herbst deshalb etwas ganz Besonderes an die Erdoberfläche. Zum ersten Mal wurden die neuen Kartoffeln geerntet, aus denen nicht nur Speisestärke zum Binden von Suppen und Desserts gewonnen werden kann, sondern auch Kleister und glättende Beschichtungen für die Papier- und Garnherstellung.


Das Geheimnis der Super-Knolle: Ihre Zellen produzieren ausschließlich die Stärke Amylopektin. Herkömmliche Kartoffelsorten produzieren neben Amylopektin auch noch die Stärke Amylose. Brauchbar ist aber nur reines Amylopektin.


So waren die beiden bislang in einem kostspieligen Verfahren voneinander zu trennen. Dieser Produktionsschritt entfällt nun mit der neuen Super-Kartoffel, von der dieses Jahr bereits 100 Tonnen geerntet wurden.


Grundlage dafür war ein neues Züchtungsverfahren namens Tilling. Der Name ist eine Abkürzung für „Targeting Induced Local Lesions In Genoms“. Die Methode hilft der Evolution auf die Sprünge.


Normalerweise verläuft die Evolution extrem langsam. Durch zufällige Mutation und anschließende Selektion verändern sich Tier- und Pflanzenarten. Diese natürliche Selektion nutzt der Mensch schon seit Jahrtausenden, indem er besonders ertragreiche Arten weitervermehrt.


Das Tilling-Verfahren funktioniert genauso – nur schneller. Hier beschleunigen Chemikalien die natürliche Mutation. In der Natur löst das Sonnenlicht Veränderungen des Erbguts aus. In dem modernen Verfahren der Fraunhofer-Forscher ist es die Chemie.



Die Forscher brachten die mutierten Samen erst im Labor zum Keimen, um dann die veränderten Eigenschaften genetisch zu untersuchen. Insgesamt 2748 Keimlinge nahmen die Forscher sich dabei vor – dann war der Richtige dabei, der erhoffte Durchbruch: Einer trug tatsächlich nur das Amylopektin-Gen in sich – und nicht zusätzlich auch das Amylose-Gen.


Aus diesem Keim gewannen die Experten die erste Generation der Super-Kartoffel. Mit Gentechnik, die sich mit dem Einschleusen von Genen in fremde Pflanzen beschäftigt, hat das Fraunhofer-Verfahren nichts zu tun – es ist eine ganz normale Züchtung.


Die erste Urkartoffel der Deutschen stammt aus dem Hochland Südamerikas. Dort wird sie schon seit 2000 Jahren angebaut. Nach Europa kam die Kartoffel zwar schon im 16. Jahrhundert, nach Deutschland gelangte sie aber erst 1623, und zunächst nur als Zierpflanze.


Für die Knollen unter der Erde interessierte sich erst Friedrich der Große, der in der Kartoffel das erkannte, was sie heute noch ist: ein Grundnahrungsmittel.


Wie sensibel die Deutschen auf Veränderungen an ihrem Lieblingsgemüse reagieren, konnte man vor fünf Jahren beobachten. Damals nahm die Saatgutfirma Europlant die Kartoffelsorte „Linda“ vom Markt, weil sie angeblich zu krankheitsanfällig war.


Landwirte, Köche und ganz normale Zumittagesser, die die cremige Konsistenz und das angenehme Aroma von Linda schätzten, zogen sogar vor Gericht. Zunächst ohne Erfolg. Doch im Sommer dieses Jahres feierte Linda dann ein überraschendes Comeback: Landwirte meldeten sie auf eigene Faust in Großbritannien als Saatgut an.


Dort ist sie jetzt akzeptiert – was die Zulassung in der gesamten EU nach sich zieht. Von einem solchen Schicksal ist die Super-Knolle nicht betroffen. Sie ist vor allem für die industrielle Verarbeitung bestimmt.