Gesundheit

Dopingmethoden erreichen neue Dimensionen

Schneller, weiter, muskulöser: Selbst in der Freizeitsportszene breitet sich Doping mittlerweile wie ein Flächenbrand aus – sogar ehrgeizige Senioren schlucken Mittel, die stark machen. Doch im Leistungssport ist man bereits einen Schritt weiter: Der Trend geht zum Gendoping. Schlechte Zeiten für Fahnder.

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Da ist die Frau Mitte Dreißig, die über Bluthochdruck und übermäßige Körperbehaarung klagt. Okay, als Leistungssportlerin habe sie damals diese Pillen geschluckt, von denen sie nicht viel mehr wusste, als dass sie ihre Leistungskurve steigern sollten. Schließlich hätten alle im Kader das Zeug genommen. Nicht wenige Spitzensportler, vor allem aus der ehemaligen DDR, treten den Weg in die „Dopingopferberatung“ von Professor Hans-Georg Predel an der Deutschen Sporthochschule Köln an. Sie wollen wissen, was sie geschluckt haben und was sie krank gemacht hat.

Obwohl das Thema Doping ein Dauerbrenner ist, mangelt es Predel zufolge an systematisierten Studien zu unerwünschten Nebenwirkungen. Das ist kein Wunder, denn fast alle Verfahren und Mittel, die zum Doping genutzt werden, werden eigentlich für die Therapie von Krankheiten entwickelt. Über die Opferberatung sammelt Predel Daten, um Zusammenhänge besser erkennen zu können.


Die Liste bereits gefundener Spuren ist lang: Amphetamine können zu Blutdruckanstieg, Atemlähmung und Herzinfarkt führen; Narkotika mindern die kognitive und sensorische Leistung, erzeugen ein Koma und schädigen die Gefäße; Anabolika führen zu Leberschäden und Herzmuskelveränderungen; bei Frauen kann die Bodybuilder-Substanz auch unumkehrbare Veränderungen der Stimme und Behaarung auslösen, den Menstruationszyklus stören und die Klitoris dauerhaft penisartig vergrößern; Diuretika, die mit einer extrem hohen Flüssigkeitsabgabe verbunden sind, lassen den Blutdruck gefährlich absinken und stören den Herzrhythmus; eine längere unkontrollierte Einnahme von Peptidhormonen wie etwa Epo birgt die Gefahr krankhafter Herzveränderungen und Thrombosen.


Doping ist längst Volkssport geworden. Deshalb landen auch Freizeitsportler in Predels Sprechstunde. „Die Leute sorgen sich, ob alles in Ordnung mit ihnen ist, weil sie da einiges geschluckt haben“, sagt Predel. Auch immer mehr ehrgeizige Senioren sind unter den Patienten. „Gerade im Seniorensportbereich ist die Grauzone groß. Es kursieren dort etliche leistungssteigernde Substanzen, viele ältere Männer schlucken Anabolika und Testosteron. Manche können sich nicht damit abfinden, dass ihr Körper altert.“

Eine Etage tiefer im selben Haus leitet Professor Wilhelm Schänzer das Institut für Biochemie. Als „Labor für Dopinganalyse“ ist es vom Internationalen Olympischen Komitee akkreditiert und damit jenen Sündern auf den Fersen, die sich Medaillen durch Pillen und Spritzen sichern wollen. „Gut erforscht“ seien sämtliche Epo-Varianten – also Präparate, die die roten Blutkörperchen ankurbeln –, Fremd- und Eigenbluttransfusionen sowie Wachstumshormone, sagt Schänzer. Mit „gut erforscht“ meint er: Es gibt geeignete Tests, die die Sünder entlarven.

Neuerdings arbeiten Pharmafirmen und Dopingfahnder sogar Hand in Hand. Jüngstes Beispiel: Bei der Tour de France 2008 wurden gleich vier Radfahrer der Anwendung von „Cera“, einer neuen Epo-Variante, überführt. Der Schweizer Pharmakonzern Roche entwickelte das Arzneimittel unter dem Namen „Micera“ eigentlich zur Therapie von Blutarmut, seit Juli 2007 ist es in Europa zugelassen. Der Vorteil gegenüber anderen Epo-Produkten: Eine Injektion wirkt fünf Tage lang, nicht nur vier bis zwölf Stunden.

Bei einem der vier Radfahrer wurde Cera sofort im Urin nachgewiesen, bei den drei weiteren erst einige Monate später durch einen verbesserten Bluttest. „Den Sportlern wurde offenbar gesagt, dass das neue Epo-Präparat nicht nachweisbar sei“, sagt Schänzer. „Aber auf solche Äußerungen sollte man sich besser nicht verlassen.“

Denn Roche hatte mit der Weltantidopingagentur (Wada) kooperiert. Vier Jahre lang versorgte der Konzern die Wada mit Informationen, nachdem diese darum gebeten hatte. Gemeinsam entwickelte man eine spezifische Nachweismethode. Die Falle habe hier „zum ersten Mal zugeschnappt“, sagt Olivier Rabin, wissenschaftlicher Direktor der Wada. Das Modell soll Schule machen. Dopingexperten wühlen sich deshalb durch umfangreiche Wirkstoffdatenbanken und kontaktieren im Fall eines Missbrauchspotenzials die betroffenen Unternehmen. Zum Teil schätzen die Firmen auch schon von allein das Missbrauchsrisiko ein. Die Abteilung Hormonforschung bei Bayer-Schering Healthcare etwa bewertet mittlerweile für jede neue Substanz das Missbrauchsrisiko gleich mit.

Firmen testen Risiko von Missbrauch

Auch der Molekularbiologe Ronald Evans vom Salk Institute in La Jolla (Kalifornien) entwickelte zugleich einen Test, der den Missbrauch der beiden potenziellen neuen Medikamente Aicar und GW1516 aufdecken soll. Evans und sein Team berichteten im Juli im Fachblatt „Cell“ über positive Erfahrung mit einem veränderten Gen namens PPAT-delta.

Es zeigte sich: Tiere mit dieser Genveränderung sind deutlich fitter als andere. Ihre Muskeln machen nicht so schnell schlapp, und die Tiere bleiben trotz kalorienreicher Nahrung schlank. Die Substanz GW1516 in Kombination mit dem Enzym Aicar scheint diesen Effekt erfolgreich zu kopieren. Helfen sollen die neuen Mittel eigentlich Patienten, deren Krankheiten die Muskeln angreifen, aber für Sportler wären sie natürlich auch spannend. „Es ist aber noch äußerst fraglich, ob man von der Maus tatsächlich auf den Menschen schließen kann“, dämpft Schänzer den Optimismus. Gleichwohl hat die Wada bereits beide Substanzen für 2009 auf ihre Liste verbotener Medikamente gesetzt.

In die Entwicklung von Testverfahren steigen die Kölner Dopingfahnder in der Regel erst dann ein, wenn fragliche Substanzen bereits in größeren Studien am Menschen getestet wurden, also kurz vor der Marktreife. Die SARMs sind solch ein Fall. Die „Selektiven Androgen-Rezeptor-Modulatoren“ sollen erstmals ausschließlich an die Androgenempfänger der Skelettmuskulatur andocken und unerwünschte Nebeneffekte in Prostata, Herz und Leber vermeiden. Sie docken also nicht zufällig an, sondern „selektiv“. Die Wada hat die SARMs in diesem Jahr erstmals auf ihre Verbotsliste gesetzt. Bei den Olympischen Sommerspielen in Peking kam bereits ein Urintest zum Einsatz, den die Kölner entwickelt hatten. SARMs sind offenbar auch für Freizeitsportler attraktiv. Ein New Yorker Lifestyle-Unternehmen bietet online 60 Tabletten für 150 Dollar an und empfiehlt je nach Körpergewicht ein bis zwei Tabletten täglich. Nach 60 Tagen soll eine Einnahmepause gemacht werden. „Ich persönlich glaube nicht, dass es ein Präparat ohne Nebenwirkung gibt, auch nicht bei den SARMs“, warnt Schänzer. „Wir kennen diese Folgen nur noch nicht.“

Schwieriger, weil analysetechnisch noch nicht ausgereift, sei es mit dem „Trendsetter Gendoping“. Wie brisant das Thema inzwischen gehandelt wird, zeigt die Tatsache, dass sich bereits Gremien des Deutschen Bundestages damit befassen. Das Büro für Technikfolgen-Abschätzung beim Deutschen Bundestag (TAB) hat im März, unterstützt von den Kölner Dopingforschern, ein vorläufiges Fazit gezogen und einen „Endbericht“ vorgelegt. Die Autoren sprechen von einer „neuen Qualität des Dopings“ und warnen vor „massiven gesundheitlichen Schäden“, die eine veränderte Regulation der Genaktivität nach sich ziehen könnte.

In klinischer Erprobung ist demnach bislang aber erst ein einziges Verfahren mit explizit gentherapeutischem Ansatz: die Hemmung von Myostatin durch Antikörper. Eine solche Therapie könnte angeborenen oder altersbedingten Muskelschwund lindern, dürfte aber auch für alle kraftbetonten Sportarten interessant sein. Daneben befinden sich etliche „potenzielle Gendopingverfahren“ in vorklinischen Stadien. Im Tierversuch haben sie sich oft schon bewährt. Hierzu zählt Repoxygen, ein Mittel zur Steigerung der Epo-Produktion im Muskel, das Ausdauersportler locken könnte. Die Wada hat diese Substanz bereits verboten. Der Leichtathletiktrainer Thomas Springstein steht zurzeit im Verdacht, Repoxygen benutzt zu haben. Ein E-Mail-Wechsel soll darauf schließen lassen. Chemisch detektiert werden kann die Substanz bislang allerdings nicht.

Für den Kraftsportbereich dürften sämtliche Myostatin-Blocker interessant sind. Denn sie heben den wachstumsbegrenzenden Faktor der Muskelmasse auf. Fettsäuretransportproteine, die eigentlich zur Fettsuchttherapie entwickelt werden, könnten Marathonläufern nützen, weil sie die Fettverwertung verbessern. Glukosetransportproteine und Insulinrezeptoren, gedacht für Diabetespatienten, dürften ebenfalls interessant für Leistungssportler sein, weil sie durch bessere Glukoseverwertung zu höherer Leistung befähigen.

Individuelles Gendoping

Noch größere Sorgen bereitet den Dopingfahndern allerdings die sich abzeichnende Art des „individuellen“ Gendopings. Genetisch-pharmazeutische Manipulationen könnten dann auf einzelne oder wenige Athleten individuell zugeschnitten werden. Molekularbiologen würden das mit kommerziellen „Bausätzen“ und „Standardprozeduren“ relativ leicht hinbekommen, fürchten die TAB-Autoren. Der Reiz: Sämtliche umständlichen Prüfmechanismen über Arzneimittelzulassungsverfahren würden umschifft. Erfahrungsgemäß lassen sich Dopingpraktiker nämlich nicht von unwägbaren Gesundheitsrisiken abschrecken. Geschluckt wird, was schnell und stark macht.

Erst in Predels Sprechstunde wird manch einer sich vielleicht später darüber klar werden, dass die verbotenen Mittel auch noch andere Spuren hinterlassen haben könnten.