Krankenhauskeime

Hygienemängel gehören zum Klinik-Alltag

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Claudia Becker
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Dritter Säugling in Mainz gestorben

Die Ursache für den Tod von drei Säuglingen an der Universitätsklinik Mainz ist immer noch offen.

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Drei Säuglinge sind an der Uniklinik Mainz gestorben, wahrscheinlich an verunreinigten Infusionen. Hunderttausende Menschen infizieren sich jedes Jahr in deutschen Krankenhäusern. Bei der Hygiene liegt Vuieles im Argen.

Sie haben es nicht geschafft. Viel Hoffnung hatten die Ärzte nicht. Aber vielleicht doch ein wenig, dass ein Wunder geschehen würde und dieses winzige Neugeborene, das viel zu früh, schon nach 24 Schwangerschaftswochen, auf die Welt gekommen war und dann auch noch schwer erkrankte, vielleicht doch überleben würde. Am Montagabend ist in der Mainzer Universitätsklinik ein Baby gestorben. Das dritte Kind seit Sonnabend, das wie zehn weitere Säuglinge eine mit Darmbakterien verunreinigte Infusion bekommen hat.

Die anderen beiden toten Kinder waren erst zwei und acht Monate alt. Sie lagen in der Mainzer Universitätsklinik auf der Intensivstation, als sie die verunreinigte Infusion bekamen. Zwei verschiedenen Fäkalbakterien konnte man jetzt identifizieren, Bakterien, die normaler Weise keine große Gefahr darstellen sollen für einen Organismus, der gesund ist. Die bei einem Frühgeborenen aber, dessen Immunsystem noch nicht voll ausgebildet ist, tödlich sein kann.

Norbert Pfeiffer, der ärztliche Direktor des Klinikums, der gestern Morgen die dritte Todesnachricht überbringen musste, konnte seine Betroffenheit nicht verbergen. Seine Stimme war belegt. „Es ist ganz schwer zu ertragen, wenn ein Kind stirbt“, sagte er. Und dass es schrecklich für ein Krankenhaus sei, dass solche Vorwürfe erhoben würden. Doch er hatte auch gute Nachrichten. Das zweite Bakterium sei identifiziert. Es handele sich um Escherichia hermanni, ein Darmbakterium. Jetzt sei zumindest gewiss, mit welchem Gegner man es zu tun habe. Die größte Erleichterung aber brachte die Nachricht, dass die vier weiteren Kinder, die offenbar infiziert sind, zwar noch immer sehr krank seien, aber nicht mehr in Lebensgefahr.

Viele Fragen noch ungeklärt

Viel mehr konnte er nicht bekannt geben. Zu viele Fragen in dem Klinikskandal sind noch ungeklärt. Noch immer sind die genauen Todesursachen der drei Säuglinge offen. Noch immer ist nicht gewiss, ob es die kontaminierten Fusionen waren, die zum Tode führten. Der dritte Säugling soll nach Aussagen des Leitenden Oberstaatsanwaltes von Mainz, Klaus-Peter Mieth, in der Rechtsmedizin obduziert werden. Auch die am Sonnabend verstorbenen Babys wurden untersucht, die vorläufigen Obduktionsergebnisse geben aber noch keine genauen Rückschlüsse auf die Todesursache. Problematisch ist, dass Bakterien, die im Blutkreislauf der toten Kinder gefunden werden, auch in einem Fäulnisprozess gebildet werden können und nicht aus der Infusionslösung stammen müssen, betonte Mieth.

Der Verdacht der fahrlässigen Tötung besteht dennoch. Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen unbekannt. Und sie ermittelt auch in der Frage, wie die Bakterien in die Nährlösung gelangen konnten. Die Klinik hält es für möglich, dass es in der Klinikapotheke geschah. Durch verunreinigte Schläuche. Als man sie per Hand an die Maschine anbrachte. Mit Fingern, die nach einem Toilettenbesuch vielleicht nicht genug gereinigt und desinfiziert wurden. Oder mit Handschuhen, die irgendwie mit den Bakterien in Berührung gekommen sind. Vielleicht. Die Grundstoffe für die Nährlösungen haben die Ermittler in der Apotheke beschlagnahmt. Sie werden jetzt genau analysiert. Und auch das Schlauchsystem wird untersucht. Die Ermittler setzen jetzt auf die Isolierung des Keimes, er könnte zum Verursacher der Verschmutzung führen.

"Leck“ im Herstellungsprozess

Viele Fragen, noch wenige Antworten: Tatsache ist: Es gab ein „Leck“ im Herstellungsprozess, irgendeine undichte Stelle, durch die Bakterien ihren Weg nehmen konnten. Tatsache ist, dass das nur ein Hinweis von vielen darauf ist, dass in deutschen Krankenhäusern in Sachen Hygiene einiges im Argen liegt. Das wissen auch die Politiker. Bis zu 600000 Menschen infizieren sich jedes Jahr in deutschen Krankenhäusern. Union und FDP planen deshalb ein Hygienegesetz, das offenbar längst überfällig ist, weil die zuständigen Länder kaum Hygienevorschriften für Krankenhäuser erlassen hätten (siehe Kasten).

"In Deutschland haben nur rund fünf Prozent der Krankenhäuser einen hauptamtlichen Krankenhaus-Hygieniker“, bringt der Arzt für Mikrobiologie Alexander Friedrich vom Universitätsklinikum Münster den Hygienenotstand auf den Punkt. Etwa 3000 Menschen sterben jedes Jahr in Deutschland an Krankenhauskeimen. Bakterien, die gegen eine Reihe von Antibiotika resistent sind. Besonders gefährlich sind Stämme des so genannten Methicillin-resistenten Staphylococcus aureus (MRSA).

Er kann beispielsweise bei Patienten, die künstlich beatmet werden, eine lebensgefährliche Lungenentzündung auslösen. „Ein Drittel der MRSA-Infektionen ließe sich vermeiden“, sagt Alexander Friedrich, der ein deutsch-niederländisches Projekt zur Prävention von MRSA leitet. Der Blick in das Nachbarland offenbart, wie man es besser machen kann. Während sich 95 Prozent der deutschen Krankenhäuser keinen hauptamtlichen Hygieniker vor Ort leisten, ist in jedem niederländischen Krankenhaus ein Mediziner gezielt für die Einhaltung der Hygienevorschriften zuständig. Außerdem kontrolliert er die Verabreichung von Antibiotika, die nach Friedrichs Ansicht in Deutschland häufig vorschnell verschrieben werden, was wiederum die gefährlichen Resistenzen verursacht.

In den Niederlanden investiert man viel eher in Prävention. Das hat nicht nur zu Folge, dass es hier weitaus weniger Infektionen mit Krankenhauskeimen gibt, sondern bedeutet auch weitaus niedrigere Kosten. „Mit 80 bis 170 Millionen Euro belasten die Folgen von MRSA jährlich das deutsche Gesundheitssystem. Eine Infektion nur zu verhindern bedeutet, 5000 bis 25000 Euro Kosten zu sparen. Drei bis fünf Euro kostet dagegen ein präventiver Abstrich“ Doch eine präventive Behandlung in der Arztpraxis bevor der Patient ins Krankenhaus geht ist bei den meisten deutschen Krankenkassen nicht vorgesehen.

Und noch etwas unterscheidet ein niederländischen Krankenhaus von einem deutschen: Während sich auf den Intensivstationen in den Niederlanden normalerweise eine Pflegekraft um einen Patienten kümmert, versorgt in Deutschland eine Pflegekraft drei bis vier Patienten. „Wir haben nicht genügend Personal, um die Standardhygiene richtig umsetzen zu können“, sagt Friedrich und verweist auf Rationalisierungszwänge.

Ob auch im Mainzer Universitätsklinikum zu wenig Personal für zu viel Patienten zuständig war, ob auch hier schwere Fehler begangen wurden, weil alles immer schneller gehen muss, darüber lässt sich nur spekulieren. Ganz unbegründet sind solche Spekulationen nicht.