Gesundheit

Was die EU in Seen und Schwimmbädern sucht

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Fast alle der 2000 deutschen Seen und Schwimmbäder gelten zurzeit als sauber und sicher: Trotzdem sollte niemand blind darauf vertrauen – vor allem nicht bei anhaltend heißen Temperaturen. Denn das ist die Zeit der Blaualgen und Cyanobakterien, die sich in manchen Gewässern explosionsartig vermehren.

Temperaturen, das lockt Millionen von Besuchern auf der Suche nach Erfrischung und Erholung in Freibäder und Badeseen. Rund 2000 gemeldete Badegewässer gibt es in Deutschland, darunter sind viele natürliche Seen, ehemalige Kiesgruben und künstlich angelegte Stauseen. Wie aber steht es um deren Wasserqualität?

Nur an ausgewiesenen Badegewässern wird die Wasserqualität regelmäßig überwacht. Dafür sind die Gesundheitsämter in den jeweiligen Bundesländern zuständig. Sie melden die wasserhygienischen Untersuchungen, die normalerweise in vierzehntägigem Abstand durchgeführt werden, an das Umweltbundesamt. Das leitet sie an das Bundesumweltministerium und von dort an die Europäische Kommission weiter. Diese erstellt eine Qualitätseinstufung aller europäischen Badestellen und veröffentlicht die Ergebnisse im jährlichen Bericht zur Badewasserqualität. Außerdem stellen die meisten Bundesländer aktuelle Daten zur Wasserqualität im Internet zur Verfügung.


„Die EU-Badegewässerrichtlinie legt fest, dass bei empfohlenen Badegewässern mindestens 95 Prozent der untersuchten mikrobiologischen Proben unter den festgelegten Grenzwerten liegen müssen. Die Einhaltung wird durch bestimmte mikrobiologische und physikalisch-chemische Untersuchungen sowie durch Untersuchungen auf Algenwachstum regelmäßig überwacht“, erläutert Claudia Wiedner, Wissenschaftlerin am Berliner Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB). Nach Angaben des Umweltbundesamt erfüllen über 90 Prozent der gemeldeten Binnen- und Küstenbadegewässer die strengen EU-Richtlinien. Dennoch sollte niemand blind darauf vertrauen, denn die Wasserqualität kann sich an heißen Tagen stündlich ändern. „Keinesfalls baden sollte man, wenn man knietief im Wasser steht und die eigenen Füße nicht mehr sehen kann“, sagte IGB-Expertin Claudia Wiedner.


Cyanobakterien oder Blaualgen können sich bei hohen Temperaturen in nährstoffreichen Seen massenhaft vermehren. Oft warnt schon ein unangenehmer Geruch nach zersetztem Eiweiß vor einer Algenblüte. „Das Auftreten von Blaualgen kann unterschiedlich sein. Einige Algenarten schweben fein verteilt als kaum sichtbare Einzelzellen im Wasser, das dadurch grün und sehr trüb erscheint. Andere Blaualgen bilden Flocken oder büschelartige Zusammenballungen, die je nach Witterung wie Schaum auf der Wasseroberfläche zum Ufer treiben, hierbei bleibt das Wasser in der Regel klar“, sagt Wiedner.


Darunter gibt es auch Arten, die giftige Substanzen produzieren und diese dann ins Wasser abgeben. Bei empfindlichen Personen kann es dann zu Hautreizungen und allergischen Reaktionen kommen. Wenn Kinder beim Baden größere Mengen verunreinigtes Wasser verschluckt haben, können auch Magenprobleme und Durchfälle auftreten. „Wie bei allen Naturstoffen ist die Giftigkeit aber eine Frage der Dosis“, ergänzt die Wissenschaftlerin. Nur wenn viele Cyanobakterien auftreten, kann die Konzentration des Giftes so hoch werden, dass eine Gefahr für den Menschen besteht, besonders für Kinder.


Einladend sind die warmen Wassertemperaturen auch für Cylindrospermopsis raceborskii. Hinter dem exotisch klingenden Namen verbirgt sich eine Blaualgenart, die aus den Tropen eingewandert und bis in die Seen Norddeutschlands vorgedrungen ist. Unbekannte Blaualgentoxine hatten die IGB-Forscher auf die Spur des Neuankömmlings geführt. „Wir rechnen mit weit reichenden Veränderungen der planktischen Lebensgemeinschaften unserer Gewässer durch diese Invasion tropischer Arten. Unsere Forschungsergebnisse weisen auf weitere, bisher nicht identifizierte Produzenten hin“, sagt Claudia Wiedner.


Gefahren lauern auch beim Baden in unbewachten Gewässern. Nach Angaben der Deutsche Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG) ist die Zahl der tödlichen Badeunfälle in Deutschland im vergangenen Jahr deutlich gestiegen. Insgesamt starben 475 Menschen. Häufigste Ursachen von Badeunfällen seien Leichtsinn, Selbstüberschätzung, Unkenntnis und Übermut. Viele ungeübte Schwimmer überschätzten zudem ihre Kräfte. Nicht selten verlaufe übertriebener sportlicher Ehrgeiz gepaart mit Herz- und Kreislaufproblemen oder gar Alkohol tödlich, warnen die Rettungsschwimmer der DLRG.


Auch die Technik birgt gefährliche Tücken vor allem beim Umgang mit ihr. Viele Schwimmbäder bieten Badegästen spektakuläre Attraktionen wie Wasserrutschen, Wellenmaschinen oder Strömungsbecken. „Mit Umfang und Aufwand der Badelandschaften steigt meist auch das Risiko“, stellt der TÜV-Austria fest. Ob Sprungturm oder Wasserrutsche grundsätzlich sei ein hohes Maß an Eigenverantwortung beim Benutzen von Sportgeräten und Spieleinrichtungen gefordert. Zu den häufigsten Gefahren zählen jedoch Sturz und Fall auf rutschigen Böden und Fliesen. Rund ein Drittel aller Unfälle in Bädern sind darauf zurückzuführen, so der TÜV. Ein Tipp der Experten: Das Tragen von Badesandalen kann die Unfallgefahr bereits deutlich mindern.


Damit lassen sich nicht nur Ausrutscher verhindern. Der Fußschutz wirkt auch anderen unerwünschten Begleitern von Badefreuden entgegen, die oft nur schwer wieder loszuwerden sind: Mit Fußpilzen stecken sich die Menschen besonders schnell im Nassbereich von Schwimmbädern an und das trotz Chlorierung. Letztere vernichtet zwar viele Keime, oft jedoch nicht deren Überdauerungsstadien. „Pilzsporen sind extrem widerstandfähig. Im lauen Wasser können sie Jahre überleben. Deshalb kann man sich beim Schwimmen auch besonders schnell mit Fußpilz anstecken. Zudem lässt das Wasser die Haut aufquellen und deshalb kann sie sich nicht mehr ausreichend gegen die Krankheitserreger schützen“, erläutert Hans-Jürgen Tietz, Facharzt für Mikrobiologie und Infektionsepidemiologie sowie Leiter des Instituts für Pilzkrankheiten am Universitätsklinikum Charité in Berlin. Tietz empfiehlt in Schwimmbädern außerhalb des Beckens Badesandalen zu tragen, vor allem beim Duschen. „Dort und in der Nähe der Desinfektions-Fußduschen finden sich besonders viel Pilzsporen“, so der Hautexperte. Wichtig sei es deshalb, die Füße nach dem Baden zwischen den Zehen sorgfältig abzutrocknen. So würde es den Pilzsporen erschwert, sich anzusiedeln. Es ist eben beim Baden wie fast überall: Etwas Um- und Vorsicht bewahrt vor bösen Überraschungen.