Neurologie

Migränegehirne sind stellenweise anders

Bei Menschen, die unter Migräneanfällen leiden, lassen sich Veränderungen in einem Bereich der Großhirnrinde nachweisen. Eine Schicht ist bei Betroffenen deutlich verdickt. Unklar ist noch, ob das Ursache oder Wirkung ist. Übrigens: Wer seinen Ärger meistens runterschluckt, leidet besonders häufig unter Migräne.

Foto: gms/tl / dpa

Bei Menschen, die unter Migräneanfällen leiden, lassen sich Veränderungen in einem Bereich der Großhirnrinde nachweisen, in dem bestimmte Sinnesempfindungen wahrgenommen werden. Amerikanische Mediziner stellten fest, dass die Schicht des somatosensorischen Cortex bei den Betroffenen deutlich verdickt ist. In dieser Region werden unter anderem Nervensignale von Sinneszellen der Haut empfangen. Ob das veränderte Hirngewebe Ursache oder Folge häufiger Migräneattacken ist, lässt sich noch nicht entscheiden, schreiben die Forscher im Fachblatt "Neurology".

"Die meisten Migränepatienten leiden seit ihrer Kindheit unter den Schmerzanfällen. Daher könnte eine Überstimulierung der sensorischen Felder in der Großhirnrinde über einen längeren Zeitraum die gemessenen Veränderungen erklären", sagt Nouchine Hadjikhani vom Center for Biomedical Imaging der Harvard Medical School in Charlestown. Es sei aber auch möglich, dass Menschen, die unter Migräne leiden, von Natur aus empfindlicher auf diese Stimulierung reagieren.

Hadjikhani und ihre Kollegen untersuchten die Struktur der Großhirnrinde von 24 Migränepatienten. Die Hälfte von ihnen litt unter Anfällen, die mit Sinnesstörungen, einer sogenannten Aura, verbunden waren. Die Schicht ihres somatosensorischen Cortex war im Vergleich zu gesunden Kontrollpersonen 21 Prozent stärker ausgebildet. Besonders deutlich war der Unterschied im hinteren Bereich, in dem über den Trigeminusnerv Signale von Sinneszellen aus der Kopf- und Gesichtsregion eingehen. Diese Ergebnisse könnten erklären, so Hadjikhani, warum Migränepatienten häufig auch überempfindlich auf Berührungen und andere Umweltreize reagieren.

Allein in Deutschland haben rund acht Millionen Menschen Migräne. Dabei handelt es sich um "primäre" Kopfschmerzen, die nicht Symptome einer anderen Krankheit sind. Im Durchschnitt haben Betroffene sieben Attacken pro Monat.

Wer seinen Ärger meistens runterschluckt, leidet besonders häufig unter Migräne. Das ergab eine Studie, die die Zeitschrift "Psychotherapie, Psychosomatik, Medizinische Psychologie" veröffentlichte. Ob die spezielle Struktur des Gehirns diese Neigung verstärkt oder umgekehrt der gestaute Ärger die Migräne-Risikopatienten besonders kalt erwischt, ist nicht erforscht. Zwar kann man nach Angaben der Kopfschmerz-Experten ganz allgemein davon ausgehen, dass ein Wechselspiel biologischer und psychologischer Aspekte bei der Entstehung der Migräne eine Rolle spielt.

Doch von allen psychologischen Faktoren stellten die Forscher nur für die Neigung, Ärger zu unterdrücken, einen klaren Zusammenhang zur Migränehäufigkeit fest. Diese Erkenntnis habe natürlich Konsequenzen für die Therapie, betonten die Wissenschaftler: Da für Patienten mit hoher Ärgerunterdrückung die Themen Affektwahrnehmung und adäquater Affektausdruck sehr relevant seien, solle eine Psychotherapie darauf gerichtet sein, geeignete Strategien im Ausdruck und Umgang mit ärgerlichen Gefühlen zu vermitteln.

Es gibt Trost für Menschen, die von Attacken geplagt werden: Das Alter verspricht Besserung. Schwedische Forscher beobachteten 374 Patienten mit einem mittleren Alter von 55 Jahren zwölf Jahre lang. Das Ergebnis: Bei rund 30 Prozent der Patienten verschwand die Migräne, bei den meisten der übrigen ließen Häufigkeit, Dauer und Schwere der Anfälle mit der Zeit nach.