Plastische Chirurgie

Dieses Gesicht versetzt die Welt in Staunen

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Mike Stobbe

Foto: REUTERS

Vor zwei Jahren gelang französischen Chirurgen eine spektakuläre Operation: Sie pflanzten einer Frau ein neues Gesicht ein. Das Transplantat sehe aus und bewege sich wie das Antlitz, mit dem Isabelle Dinoire zur Welt kam, sagen die Mediziner heute. Doch es gibt auch kritische Stimmen.

Nach ihrer Gesichtstransplantation erlebte Isabelle Dinoire schwere Probleme. Dennoch gilt die Operation als wegweisend. „Sie ist perfekt“, sagte der leitende Chirurg Jean-Michel Dubernard.

Andere Mediziner bewerten die Entwicklung der Frau weniger euphorisch. Auch wenn die Genesung bemerkenswert verlief, unproblematisch war sie nicht. Nach der Operation häuften sich Komplikationen: Die Nieren versagten, das Immunsystem versuchte wiederholt, die neue Haut abzustoßen. Zudem ist Dinoire ihr Leben lang auf Immunsuppressiva angewiesen. Sollte sie die Medikamente einmal absetzen, so könnte sich die Haut wieder lösen. „Das könnte in einer Katastrophe enden“, sagt der plastische Chirurg Bohdan Pomahac vom Brigham and Women's Hospital in Boston.

Als Dinoire im Frühjahr 2005 nach einer Überdosis Schlaftabletten bewusstlos wurde, entstellte ihr Hund, ein Labrador, ihre untere Gesichtshälfte. Sie verlor die Nasenspitze, die Lippen, das Kinn und Teile der Wangen. „Sie konnte weder sprechen noch essen“, erzählt Dubernard. „Sie wurde über eine Magensonde ernährt.“

Spender des neuen Gesichts war eine hirntote 46-jährige Frau. Die Ärzte trennten ihr nicht nur die Gesichtshaut ab, sondern entnahmen auch Zellen aus dem Knochenmark, die sie der damals 38 Jahre alten Dinoire kurz nach der Transplantation injizierten. Da Hauttransplantate vom Körper stark abgewehrt werden, war absehbar, dass Dinoire große Mengen an Immunsuppressiva würde einnehmen müssen. Mit den Knochenmarkzellen wollten die Ärzte die Abwehrreaktion dämpfen.

Dennoch versuchte Dinoires Immunsystem zweimal, das fremde Gewebe abzustoßen. Nach dem zweiten Vorfall im Juni 2006 bestrahlten die Ärzte ihre weißen Blutkörperchen, um die Immunreaktion zu schwächen. Unterdessen verschlechterte sich die Nierenfunktion. Erst nach dem Austausch eines Immunsuppressivums im Herbst 2006 besserte sich ihr Zustand.

Seit dieser ersten Gesichtstransplantation in Frankreich wurde von zwei weiteren ähnlichen Eingriffen berichtet. Im Jahr 2006 erhielt ein chinesischer Landwirt nach dem Angriff eines Bären ein neues Antlitz. Und wiederum französische Ärzte gaben einem Mann ein neues Gesicht, der durch eine Erbkrankheit entstellt war.

Auch in den USA bereiten sich Mediziner auf Gesichtstransplantationen vor. Das Bostoner Brigham and Women's Hospital und die Cleveland Clinic dürfen solche Eingriffe vornehmen. Allerdings sollen dafür nur Patienten ausgewählt werden, die nicht nur körperlich auf das Transplantat angewiesen sind, sondern deren Psyche auch nachweislich stabil genug ist, mit dem Gesicht eines anderen Menschen zu leben.

Nach diesem Kriterium wäre Dinoire für eine solche Operation kaum infrage gekommen. Unklar ist, ob im Mai 2005 ein Suizidversuch der Grund für die Überdosis Schlaftabletten war. Die Frau sei eine „psychologisch fragwürdige Kandidatin“ für eine Gesichtstransplantation, sagt die plastische Chirurgin Maria Siemionow von der Cleveland Clinic.

Dennoch: Dass Dinoire essen, trinken, sprechen und lächeln kann, sogar Berührungen des Gesichts spürt und fast keine Narben zurückblieben, sorgt bei vielen Ärzten für Bewunderung. Dazu zählt Andrew Lee, Leiter der Abteilung Plastische Chirurgie an der Universitätsklinik Pittsburgh: „Das war eine sehr erfolgreiche chirurgische Übung.“