Hirnforschung

Wo die bohrenden Zweifel wohnen

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Descartes erhob den Zweifel zum Prinzip: Seitdem gilt der Zweifel am Offensichtlichen und an der Oberfläche als Basis des Erkenntnisfortschritts. US-amerikanische Forscher haben jetzt im Gehirn das Gefühl lokalisiert, nicht zu wissen, ob etwas richtig oder falsch ist.

Der Zweifel sitzt, so die neurologischen Befunde des Teams um Sam Harris von der Universität Kalifornien, in zwei Hirnregionen mit Zungen brechenden Namen: im anterioren cingulären Cortex (ACC), einer Schicht unter dem obersten Hirnrindenlappen im Frontalhirn. Zum anderen im Nucleus caudatus in der Mitte des Gehirns. So ergänzen die Forscher gewissermaßen Descartes' Lob des Zweifels um die Gewissheit, dass der Zweifel eine völlig natürliche Angelegenheit ist.

Vor der Aufklärung noch galt dieser oft als Übel, gar als Sünde. Man war sich der Dinge sicher: Gott lenkt die Geschicke der Menschen, die Obrigkeit weiß, was die Untertanen zu tun und zu lassen haben.

Dann kam Descartes. Er erhob den Zweifel zum Prinzip, mit dem er erst einmal alle Phänomene überzog. Unter dieser scharfen Lupe sollten alle scheinbaren Gewissheiten geprüft werden. Er formulierte, „dass ich wenigstens einmal im Leben alles von Grund aus verwerfen müsse, wenn ich je etwas Festes und Bleibendes begründen wollte“.

350 Jahre nach Descartes zeigen die Neuro-Analysen: Ist sich der Mensch eines Umstandes unsicher, steigt die Aktivität im ACC, während sie zugleich im Nucleus caudatus sinkt. Umgekehrt ist der Nucleus caudatus besonders rege, wenn sein Träger sich ganz gewiss ist oder etwas klar ablehnt.

Nun spekulieren die Forscher, wozu das gut sein könnte. Mit dem „Neuro-Imaging“ könnte es möglich werden, den Glauben an die Heilkraft eines Medikaments oder das Zweifeln daran sichtbar zu machen – der Placeboeffekt wäre messbar.

Jedenfalls geben uns die kalifornischen Wissenschaftler nun die Gewissheit, dass das Zweifeln biologisch zu uns gehört. Doch ein Zuviel des Zweifelns, ein langes Hadern mit der Frage „wahr oder falsch“, vermag den Menschen zu zerrütten, wie schon die Etymologie zeigt: Dann zerreißt uns Verzweiflung. Vielleicht gab das alte Verbot des Zweifelns ja einen gewissen Schutz vor diesem Übel.