Konrad Zuse

Erster Computer entstand in Berliner Wohnzimmer

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Markus Falkner

Foto: dpa

Es gibt ein Kapitel vor den Größen der Computerindustrie wie Bill Gates und Steve Jobs. Dafür stand in den 1930er Jahren in Deutschland ein großes Z. Z wie Zuse, Konrad Zuse. In Berlin baute er den ersten PC der Welt. Heute hätte der Erfinder einen runden Geburtstag gefeiert.

„Ich war zu faul zum Rechnen“, das war die Motivation für Konrad Zuse, einen Computer zu konstruieren. Am heutigen Dienstag jährt sich zum 100. Mal sein Geburtstag. Das Deutsche Technikmuseum Berlin würdigt den Erfinder des Computers am Nachmittag mit einer feierlichen Veranstaltung, zu der auch der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) erwartet wird. Eine hohe Ehrung für den Sohn der Hauptstadt, dennoch – eine Straße, die nach ihm benannt ist, gibt es in Berlin nicht, aber in etwa 80 anderen Städten. Und in der Alten Post in Hoyerswerda präsentiert die Post eine Sonderbriefmarke.

In Hoyerswerda machte Zuse 1928 am heutigen Lessing-Gymnasium sein Abitur. Als Konrad zwei Jahre alt war, hatte seine Familie Berlin verlassen, er aber kehrte in seine Geburtsstadt zurück, um an der Technischen Hochschule, die heute die Technische Universität ist, zu studieren. Zuerst Maschinenbau, dann Architektur und schließlich Bauingenieurwesen.

Als Diplomingenieur arbeitete er nur kurz bei den Henschel-Flugzeugwerken in Schöneberg. 1935, noch im Jahr seines Studienabschlusses, machte er sich selbstständig und überraschte er seine Eltern mit den Worten: „Ich brauch das Wohnzimmer“. Das geschah in der Methfesselstraße 10 in Kreuzberg. Dort begann er, zu werkeln und zu konstruieren – und legte die Grundlagen für die Computertechnik. Sechs Jahre später präsentierte der Ingenieur den ersten programmierbaren Computer Z3. Die Rechenleistung der ersten Zuse-Maschinen passt locker in die Hosentasche, der Prozessor eines Smartphones ist 200 Millionen Mal schneller.

Schon ein Jahr nachdem er das elterliche Wohnzimmer mit Beschlag belegt hatte, war Z1 gebaut, Zuses erster Rechner. Die Maschine arbeitete noch ausschließlich mechanisch; sie wurde mit einer Handkurbel in Gang gesetzt, und ihre Schalter waren bewegliche Blechstreifen. Einige Tausend solcher Schaltbleche waren hintereinander geschaltet, und in ihrer Gesamtheit beherrschten sie die Grundrechenarten wie Addieren und Multiplizieren. Das Programm, oder der Rechenplan, wie Zuse es nannte, wurde per Lochstreifen eingelesen.

Rechnen im Binärsystem

Vor der Z1 gab es nur Rechenmaschinen, in denen eine hoch komplizierte Mechanik steckte. Zuses Vorteil war, dass er sich mit diesen Maschinen, die noch im Dezimalsystem rechneten, nur flüchtig auskannte. So konnte er ohne Ballast einen neuen Weg gehen. Seine Z1 rechnete bereits binär, also nur mit null und eins. Nur das binäre System erlaubt die Verwendung von Schaltern mit den alternativen Stellungen „Ein“ oder „Aus“, und dabei ist es gleichgültig, ob es sich um einen mechanischen oder elektronischen Schalter handelt.

Zuses Maschine von 1936 funktionierte in der Praxis allerdings nur mangelhaft, weil die zwar einfache, aber umfangreiche Mechanik, des Öfteren einfach hakte. Auch das Nachfolgemodell Z2 tat noch nicht, was es sollte. Erst im Mai 1941 konnte Zuse das dritte Modell, die Z3 in Berlin einigen Wissenschaftlern vorstellen. Diese Maschine hakte nicht mehr, sie funktionierte reibungslos, als Schalter dienten jetzt elektromechanische Fernmelderelais. Z3 gilt als der erste programmierbare Computer der Welt.

Doch es herrschte Krieg, und den Nationalsozialisten galten Zuses Arbeiten als sehr wichtig. Das hatte für den Erfinder einerseits den Vorteil, dass er nur zwei Mal kurz zum Militär einberufen wurde, aber nie an Kriegshandlungen teilnehmen musste. Andererseits isolierte ihn das und verurteilte ihn zum Einzelkämpfer. Kontakte zu Entwicklern in anderen Teilen der Welt konnte er nicht aufnehmen – und die waren nicht müßig. Das britische Militär entwickelte den Computer Colossus, der 1800 Röhren als Schalter benutzte und ebenfalls mit dem Binärsystem rechnete. 1943 knackte diese Maschine die Nachrichtenverschlüsselung der Deutschen.

England und Amerika ziehen nach

In den USA bauten Forscher der University of Pennsylvania den elektronischen und programmierbaren Eniac (Electric Numerical Integrator and Computer), der allerdings nicht das Binärsystem anwandte. Im US-Bundesstaat Iowa entwickelten Tüftler den Atanasoff-Berry-Computer, ebenfalls ein binärer Elektronikrechner, jedoch nicht programmierbar. Auch ohne Konrad Zuse gäbe es heute auf der Welt Computer. Doch ihm gebührt das Verdienst, der Erste gewesen zu sein. Reichtum wie seinen Nachfolgern Bill Gates und Steve Jobs hat es ihm nicht eingebracht. Es ist Zuse nicht gelungen, Patente auf seine Erfindungen durchzusetzen.

Als im Frühjahr 1945 die Sowjetarmee vor Berlin steht, verlässt Zuse mit einem Lastwagen und 20 Kisten voller Computerteile der Weiterentwicklung Z4 die Stadt und siedelt sich im Allgäu an. 1946 gründet er sein neues Unternehmen, die Zuse KG. Doch die Konkurrenz in den USA wird zu mächtig, 1967 übernimmt Siemens die verschuldete Firma.

Die allerersten Zuse-Rechner fallen im Krieg Bombenangriffen zum Opfer. Horst Zuse, Jahrgang 1945, ältester Sohn und Informatik-Professor, baut den legendären Z3 nach, der heute mit einem Z4 im Deutschen Museum in München zu sehen ist. Ein Nachbau des Z1 steht mit anderen Rechnern im Berliner Technikmuseum, das ab 2. September seine Dauerausstellung über Zuse und sein Werk eröffnet.