Medikamente

Beipackzettel verunsichern viele Patienten

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Eva Neumann

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"Zu Risiken und Nebenwirkungen lesen Sie die Packungsbeilage...". Dieser Satz ist wohl jedem Patienten bekannt. Doch die Packungsbeilage bleibt für viele Patienten ein Rätsel – in den Texten wimmelt es von unverständlichen Begriffen. Folge: Medikamente werden aus Verunsicherung nicht eingenommen.

Die Packungsbeilage ist für viele Patienten nicht oder nur begrenzt brauchbar, ergab eine Studie des Wissenschaftlichen Institutes der AOK (WIdO) in Bonn. Wenn der kleine Zettel aber falsch oder gar nicht genutzt wird, kann das die Gesundheit gefährden.

„42 Prozent der Befragten gaben an, der Text sei zu lang. 20 Prozent bezeichneten ihn als unverständlich. Für 17 Prozent war er zu klein gedruckt“, zählt WIdO-Experte Helmut Schröder auf. Einen Unterschied nach Medikamentengruppen haben die Forscher nicht beobachtet, wohl aber nach dem Alter der Patienten: „Mit zunehmendem Alter nehmen die Probleme in der Handhabung zu. Das ist ein doppeltes Dilemma, weil gleichzeitig die Zahl der eingenommenen Medikamente steigt."


Wer jedoch mit einem Beipackzettel nur mühsam oder gar nicht klar kommt, nutzt ihn nicht richtig. Bei einer unbekannten Zahl von Patienten beeinträchtigen nicht beachtete Wechselwirkungen, falsche Dosierungen und unsachgemäße Lagerung die Wirkung des Präparates. „Wirkungen können verstärkt oder abgeschwächt oder auch unerwünschte Nebenwirkungen ausgelöst werden“, sagt Wolf-Dieter Ludwig, Pharmakologe und Vorsitzender der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft in Berlin. In jedem Fall wird die Therapie beeinflusst. Bei einer Selbstmedikation werden die Wirkungen gar nicht erst fachgerecht beobachtet.


Häufig interpretieren Patienten die Angaben in den Packungsbeilagen falsch – zum Beispiel wenn bei möglichen Nebenwirkungen nicht die Häufigkeit ihres Auftretens beziffert wird. „Jeder dritte Patient nimmt ein Medikament, das ihm verordnet wurde, nicht ein, weil er durch die Packungsbeilage massiv verunsichert wurde“, erläutert WIdO-Experte Schröder. Damit ist die Behandlung fehlgeschlagen, Millionen werden vergeudet. Zudem werden Medikamente weggeworfen und verursachen Umweltprobleme.

Auch wenn sie für den Verbraucher schwer nutzbar ist – die Packungsbeilage ist letztlich für ihn ein Schutz, indem sie ihn etwa auf alle möglichen Nebenwirkungen hinweist. Was in welcher Reihenfolge in einer Packungsbeilage stehen muss, schreibt die Zulassungsbehörde vor.

Diese Vorgaben müssen die Hersteller erfüllen. „Dennoch gibt es gute und schlechte Packungsbeilagen“, urteilt Pharmakologe Ludwig. So bemühten sich einzelne Hersteller gezielt um differenzierte, tabellarische Darstellung von Nebenwirkungen mit Häufigkeitsangaben, Hervorhebung von Warnhinweisen und verständliche Formulierungen.

„Das häufige Argument, Packungsbeilagen dienten der Information – sowohl der Ärzte als auch der Patienten und müssten deshalb viel Fachvokabular enthalten, ist schlichtweg falsch. Für Mediziner gibt es die sogenannten Fachinformationen“, so Ludwig.

Zwar gibt es diverse Vorschläge von Verbraucherschutzorganisationen zur Gestaltung eines patientenfreundlichen Beipackzettels, doch bis dahin ist es noch ein weiter Weg. Für die Patienten heißt das: Sie müssen sich die vorhandenen Dokumente nutzbar machen.

„Zunächst sind der Arzt und der Apotheker die wichtigsten Ansprechpartner. Ihre Aufgabe ist es, über die Wirkung eines Medikamentes, über die Einnahme und auch über Nebenwirkungen aufzuklären“, sagt Barbara Keck von der Bundesarbeitsgemeinschaft der Senioren-Organisationen (BAGSO) in Bonn. Gerade wenn es um die Einnahme mehrerer Arzneien, die richtige Reihenfolge und mögliche Wechselwirkungen geht, liefert die Packungsbeilage ohnehin nur Anhaltspunkte.

„Darüber hinaus hat jedoch jeder Patient eine Mitverantwortung für seine Gesundheit“, sagt Keck. Wenn es nicht gerade um akute Notfälle geht, kann man die Packungsbeilage für sich lesbarer machen: Ist die Schrift zu klein, so lässt sie sich vergrößert kopieren. Auch Markierungen mit einem Textmarker helfen. Sind Informationen wie „mit ausreichend Flüssigkeit einnehmen“ zu vage, so können konkretere Angaben des Arztes oder Apothekers handschriftlich ergänzt werden.