Psychologie

Schocktherapie mit Baby-Puppen

Schrilles Geschrei und schlaflose Nächte: Jugendliche können mit Computerpuppen die extremen Belastungen des Elterndaseins testen. Doch das Urteil von Experten ist zwiespältig: Das Instrument sei darauf ausgerichtet, dass die Mädchen scheitern – eine Elternschaft sei dadurch generell nicht mehr erstrebenswert.

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Frisch gebackene Mütter sind oft überwältigt von der Wucht, mit der das Muttersein über sie hereinbricht, selbst Frauen, die sich gut und freudig auf die neue Situation vorbereitet haben. Wie erst muss es sehr jungen Müttern gehen, die selbst noch dabei sind, den Schritt vom Kindsein zum Erwachsenendasein zu vollziehen?

Dies ist ein Grund dafür, dass sich in Schulen und Beratungseinrichtungen der Einsatz von „Babysimulatoren“ verbreitet hat. Mit Hilfe von lebensechten, aber computergesteuerten Babypuppen sollen die Heranwachsenden auf die Prüfungen vorbereitet werden. Die Jugendlichen bekommen die Säuglingssimulatoren dazu in „Babybedenkzeitkursen“ für einige Tage mit nach Hause. Gesteuert von einem Chip, fordern die Puppen durch kräftiges Schreien dann eine Rundumversorgung: Tags wie nachts müssen sie gefüttert und gewickelt, in den Schlaf gewiegt und gekleidet werden wie ein richtiges Baby. Ein Ziel dieses „Elternpraktikums“ besteht darin, dass die Jugendlichen einen eventuell frühzeitigen Kinderwunsch noch mal überdenken.


Kritik kommt allerdings von Professor Anke Spies vom Institut für Pädagogik der Universität Oldenburg. Sie hat in einer Studie untersucht, wie die Simulatoren bundesweit eingesetzt werden, welche Einstellung die Jugendlichen zunächst gegenüber den Computerbabys haben und wie sie das Elterpraktikum rückblickend beurteilen. Gemeinsam mit der Psychologin Lalitha Chamakalayil hat sie dazu Teilnehmer vor Beginn und nach Ende der Kurse befragt. Auch Projektbetreuer wurden interviewt. Ihr Urteil: Projekte mit den Säuglingssimulatoren schrecken die Jugendlichen auf eine problematische Weise von der Elternschaft ab.


Das Instrument sei darauf ausgerichtet, „dass die Mädchen an den Anforderungen scheitern“, sagt Spies. „Sie sollen für sich die sozial erwünschte Einsicht formulieren, dass es besser ist, Kinder erst zu einem späteren Zeitpunkt zu bekommen.“ Die Überforderung werde bewusst eingesetzt und die Teilnehmer gezielt verunsichert.


Wie gut oder wie schlecht sich die „Testeltern“ bei der Betreuung machen, wird von dem Computerchip im Inneren des Babys gnadenlos aufgezeichnet. Er hält fest, wenn das Schreien zu lange ignoriert, das Kind nicht gewickelt oder gar geschüttelt wird. Am Ende des Projekts wird die gespeicherte „Versorgungsleistung“ ausgelesen und mit den Betreuern bewertet. „Da hören Sie dann Kommentare wie: ,Ich hatte 75 Prozent Genickbrüche' – eine Demonstration des persönlichen Versagens in Prozentzahlen“, sagt die Pädagogin Spies.

Vertreiber der Babysimulatoren teilen die Bedenken nicht


Spies` Bedenken teilen die Vertreiber der Computerbabys nicht. Die Simulatoren seien ein gutes Instrument, um Jugendlichen klar zu machen, was es bedeutet, ein Kind zu haben. Durch das Verschwinden der Großfamilien hätten viele Jugendliche heute kaum noch Kontakt zu Babys, viele Kenntnisse über deren Versorgung seien ihnen unbekannt, sagt etwa die Diplompädagogin Uta Schultz-Brunn. In der Schulausbildung seien Praktika selbstverständlich, eine gelingende Elternschaft werde vorausgesetzt. Zu Unrecht, wie sie findet. Gemeinsam mit der Sozialpädagogin Edith Stemmler-Schaich organisiert sie den Vertrieb der Babysimulatoren in Deutschland.

Die Idee zu dem Projekt stammt aus den USA, wo die Simulatoren nicht nur eingesetzt werden, um die Zahl der Teenagerschwangerschaften zu senken, sondern vor allem auch, um die sexuelle Abstinenz der Jugendlichen zu fördern. Im Jahr 2000 haben die beiden Pädagoginnen das Konzept unter dem Namen „Babybedenkzeit“ an die hiesige Verhältnisse angepasst. Anders als in den USA werden häufig auch Sexualaufklärung und Verhütung zum Schwerpunkt eines Kurses gemacht, ebenso die Vorbeugung von Kindesvernachlässigung. Infomaterialien werden beim Kauf der gut 1000 Euro teuren Puppen mitgeliefert.


Aber inwieweit macht eine Puppe überhaupt das Leben mit einem Baby vorstellbar? Die Puppen machen Geräusche beim Atmen und Trinken, sie gurren bei guter Pflege wohlig und machen sogar ein Bäuerchen nach der Flasche. Dennoch bleiben die Puppen eben Puppen: Sie riechen nicht, lächeln nicht und fühlen sich nicht menschlich an. „Der Simulator ist nicht mehr als ein Instrument“, sagt auch Schultz-Brunn. Aber eines, mit dessen Hilfe viel gelehrt werden könne.


Fest steht, dass zumindest in Deutschland der Einsatz der Puppen bisher wissenschaftlich nur schlecht begleitet ist. In den USA gibt es einige Studien. Einige kommen zu dem Schluss, die Simulatoren seien sehr wohl geeignet, die Einstellung von Schülern zu Sexualität und Elternschaft zu beeinflussen. Andere finden keine Überlegenheit gegenüber herkömmlichem Aufklärungsunterricht und sehen auch bei den Schülern keine Verhaltensänderung im Sexualverhalten. Anke Spies aus Oldenburg bezweifelt nach Auswertung ihrer Studie, dass es überhaupt einen Bedarf für die Puppen gibt.

Tausende Babysimulatoren gibt es bereits

Derzeit verfügen etwa 500 Einrichtungen in Deutschland – Schulen, Jugendtreffs, Beratungsstellen – über Babysimulatoren, einige Tausend insgesamt. In vielen Einrichtungen werden sie eingesetzt, um der steigenden Zahl an Teenagerschwangerschaften zu begegnen. Die aber steigt gar nicht. Anders als oft angenommen, ist der Anteil Minderjähriger an der Gesamtgeburtenrate seit Jahren mit etwa einem Prozent gleichbleibend gering. Dass der Eindruck bestehe, Teenagerschwangerschaften nähmen zu, liege wohl daran, dass das Statistische Bundesamt im Jahr 2000 seine Erfassungsmethode geändert hat. Die Zahlen davor und danach würden öfters zu unrecht miteinander verglichen, sagt Spies. Außerdem sei die Medienaufmerksamkeit für das Thema hoch, Einzelfälle würden dramatisiert.

„Jugendliche wurden und werden zu allen Zeiten schwanger. Das ist einfach so und zwar obwohl auch diese Jugendlichen wissen, dass es grundsätzlich sozial erwartet und biografisch sinnvoller ist, erst eine Ausbildung zu machen.“

Für die wenigen Betroffenen wäre es nun hilfreicher zu thematisieren, wie sich eine frühe Elternschaft mit dem Berufsleben vereinbaren lässt und wie Hilfsangebote zugänglich gemacht werden können, sagt Spies. Bekämen Jugendliche hingegen vermittelt, dass sie sich schämen müssen und ihr Kind unerwünscht ist, erschwere dies den Zugang zu Hilfssystemen.

Zusätzlich problematisch sei in dieser Situation, dass die Simulatoren vor allem bei Mädchen aus niedrig qualifizierten Bildungsgängen eingesetzt würden, sagt Anke Spies. Diese Mädchen hätten ohnehin Schwierigkeiten beim Einstieg in Ausbildung und Arbeitsmarkt. Die Babysimulatoren provozierten ein Gefühl der Überforderung und zerstöre einen alternativen und durchaus zu akzeptierenden Lebensentwurf, nämlich den der frühen Mutterschaft.

Die Jugendlichen selbst, darüber sind sich die Experten einig, haben grundsätzlich ein großes Interesse an Fragen zur Elternschaft. Mal zu sehen, „wie es ist, ein Kind zu haben“, finden die meisten spannend. Inwieweit die Simulatoren dabei helfen, darüber herrscht geteilte Meinung. Im Internet gestehen einige, dass sie die Computerbabys zu Hause liegen lassen, um auf eine Party zu gehen. Andere fühlen sich durch das Projekt erst recht ermutigt, ein Kind zu bekommen. Die meisten jedoch sind froh, die Puppen wieder abgeben zu können. Sie freuen sich vor allem auf eins: endlich mal wieder durchzuschlafen.

Weitere Informationen im Web:

www.staff.uni-oldenburg.de/ anke.spies/25625.html

www.babybedenkzeit.de