Wissenschaft

Dieser Kuschel-Roboter ist ein Berliner

Der Roboter „Myon" ist an der Humboldt-Universität entwickelt worden. Nun kann ihn jeder auf dem Designfestival bestaunen.

Foto: Amin Akhtar

In den Hangars auf dem Tempelhofer Feld geht es hektisch zu. Der Aufbau zum Internationalen Designfestival muss fertig werden und es wimmelt von Menschen und Möbeln. Nur einer sitzt in der Mitte der Halle und ist ganz still. „Das ist Myon“, stellt Informatiker Manfred Hild den 1,25Meter großen Roboter vor. Zum Designfestival, das bis Sonntag in Tempelhof stattfindet, hat Myon das erste Mal das Labor für Neurorobotik der Humboldt-Universität in Mitte verlassen. Was den menschlichen Nachbau nicht sehr zu beeindrucken scheint. Reglos lässt er sich von seinen Entwicklern zur Ausstellungsfläche 128 tragen. Dann fahren Hild, Myons Konstrukteur Torsten Siedel und einige HU-Studenten die Computer hoch und plötzlich kommt Leben in das künstliche Wesen.

Es sieht etwas ungelenk aus, wenn der weiße Roboter mit dem schwarzen Gesichtsfeld aufsteht. Noch ist Myon in der Lernphase. Er kann nur gestützt von einer Stange laufen. Seine Schöpfer werden ihm bald weitere Bewegungsabläufe und Reflexe einprogrammieren, so dass sich Myon irgendwann wie ein Mensch bewegen kann. Manfred Hild, Leiter des Neurorobotik-Labors, hofft, dass Myon schon Ende des Jahres autonom laufen kann. Und nicht nur das. „Er lernt auch sehen, sprechen, wahrnehmen und sich verhalten“, sagt der 42 Jahre alte Entwickler.

Begegnet Myon anderen Robotern seiner Art, dann kann er mit ihnen kommunizieren. Sie tauschen Begriffe oder Eigenschaften eines Gegenstands aus. Und beginnen so, eine Sprache zu entwickeln, die immer auf dem aufbaut, was der andere weiß. Myon kann noch nicht sprechen, aber er erkennt unterschiedliche Objekte, wie zum Beispiel einen Ball. Gäbe es schon mehr Roboter wie ihn, dann würde sein Gegenüber vielleicht sagen: „Rund“ und Myon würde wissen, dass „Ball“ und „Rund“ sich ergänzen.

Fast wie ein Kind

Viele Roboter sehen aus, als hätten ein paar Wissenschaftler einen Technikbaukasten ausgeschlachtet. Nicht so Myon. Der kleine Roboter trägt ein exklusives Designergewand. Das war beim Start der Entwicklung im Herbst 2008 nicht geplant. „Pro Roboter hatten wir ein Budget von 20000 Euro“, erzählt Hild. Da müsse jedes Kabel ganz pingelig berechnet werden, anderen Wissenschaftlern stünden bis zu 100000 Euro pro Roboter zur Verfügung. Doch dann sprach Hild mit Thorsten Frackenpohl und André Poulheim. Das Designerduo aus Köln reizte das Roboter-Design. „Das ist mal was anderes, als die Aufträge aus der Wirtschaft.“ Also stiegen Frackenpohl und Poulheim ein, ohne Geld zu verlangen. Mittlerweile haben die beiden Mittdreißiger geschätzte 60000 Euro in das Projekt investiert.

Zu Beginn trafen sich Forscher und Designer zum allgemeinen Wissensaustausch und sprachen zunächst – für die Informatiker ganz unerwartet – über Psychologie. „Roboter werden hierzulande als feindlich wahrgenommen“, sagt Frackenpohl. Anders als in Asien verstünden wir einen Roboter nicht als Helfer sondern als Sicherheitsbedrohung. Eine kindliche Gestaltung würde den Menschen jedoch die innere Angst vor dem technischen Nachbau nehmen. „Deshalb ist Myon etwa so groß wie ein achtjähriges Kind“, erklärt Frackenpohl. Die Haut des Roboters, also die Verschalung sei zwar hart, habe aber weiche Formen. „Sie erfüllt wie beim Menschen auch praktische Funktionen, sie schützt und fasst sich gut an“, sagt Frackenpohl. So wecke Myon Gefühle.

Wie ein Kind lernt Myon, seine Reflexe einzusetzen. „Wir bringen ihm zum Beispiel bei, zuzugreifen, wenn etwas seine Hand berührt“, sagt Hild. Oder die Fußsohlen aufzudrücken, sobald er Boden spürt. Myon funktioniert nicht wie andere Roboter. „Die berechnen jede Bewegung voraus“, sagt Hild. Myon hingegen habe ein neuronales Netz, ähnlich dem Nervennetz von Menschen. Mit Hilfe dessen und den von Hild entwickelten Programmen wird Myon immer selbstständiger.

Die Vorführungen auf dem Designfestival in Tempelhof sind für Myon eine große Herausforderung. Stündlich wollen seine Schöpfer ihn vorführen, das ist mehr Bewegung denn je. „Falls er schlapp macht, können wir ihm aber einfach ein neues Bein ansetzen“, sagt Hild. Er kümmert sich fürsorglich um Myon, die Erforschung künstlicher Intelligenz ist für den Friedrichshainer nicht nur ein Job. Eher eine Lebensaufgabe, das Privatleben steht hinten an. „Ich habe einen inneren Drang, so oft es geht mit den Robotern zu arbeiten“, sagt der Forscher. Und nur so sei es möglich gewesen, Myon innerhalb eines Jahres das Laufen beizubringen.