Evolutionsbiologie

Warum der Sohn "ganz der Papa" ist

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Jörg Zittlau

Foto: ha / dpa

Mütter behaupten häufig, dass ihr Baby dem Vater ähnlich sieht. Denn der lässt, vor allem im Hinblick auf männliche Nachkommen, in seiner Fürsorge deutlich nach, sofern ihn Zweifel an seiner Vaterschaft plagen.

Kinder tragen das Erbgut beider Eltern in sich. Da die Gene natürlich nicht allein einen Menschen ausmachen, sieht man dem Kind die Herkunft seiner genetischen Mischung nicht immer gleich an. Manche sehen keinem Verwandten ähnlich. Bei vielen ist aber klar: ganz die Mama oder ganz der Papa! Dies ist jedoch nicht verwunderlich, weil ja viele Erbanlagen dominant sein und dadurch andere überdecken können: Bekommt etwa ein Kind von der Mutter die Erbinformation für braune und väterlicherseits die für blaue Augen, bekommt es mit großer Wahrscheinlichkeit die Augenfarbe des Vaters.

Wissenschaftler haben ermittelt, dass Töchter im Laufe ihres Heranwachsens immer mehr ihrer Mutter und Söhne immer mehr ihrem Vater ähneln. Ein Phänomen, das sich durch die Sexualhormone erklären lässt. Bei der Geburt und selbst ein Jahr später ist von den optischen Gemeinsamkeiten allerdings noch nicht viel zu sehen. Das niedliche "Kindchen-Schema" mit dem fliehenden Kinn, der kleinen Stupsnase und den großen Kulleraugen lassen die Ähnlichkeiten zu den Eltern noch im Hintergrund stehen. Doch junge Mütter sehen das offenbar, wie jetzt Wissenschaftler in einer Studie an der französischen Universität Montpellier herausgefunden haben, entschieden anders.

Das Forscherteam unter Leitung der Evolutionsbiologin Alexandra Alvergne fotografierte 69 Familien mit insgesamt 83 Kleinkindern und Babys, um dann die Bilder nicht nur den betreffenden Eltern, sondern auch 209 unabhängigen Gutachtern zum Einschätzen der Ähnlichkeiten vorzulegen. Das Ergebnis: Sämtliche befragten Mütter behaupteten, dass ihr neugeborener Sohn dem Vater wie aus dem Gesicht geschnitten sei. Die Väter selbst waren sich da nicht immer so sicher, und die unabhängigen Gutachter konnten sogar nur bei einem Drittel der männlichen Babys eine Ähnlichkeit mit dem Erzeuger feststellen. Offenbar lagen also die Mütter in ihrer Einschätzung weit daneben. Es bleibt die Frage, warum sie dennoch daran festhielten.

Alvergne vermutet, dass Frauen ihre "Ganz der Papa"-Strategie schon früh in der menschlichen Evolution entwickelten, "um sich die familiären Investitionen des Mannes zu sichern". Denn der lässt, vor allem im Hinblick auf männliche Nachkommen, in seiner Fürsorge deutlich nach, sofern ihn Zweifel an seiner Vaterschaft plagen. Dann sieht er ja keine Chance mehr auf die Weitergabe seiner Gene. Mitunter lässt er sich sogar zum Äußersten hinreißen: Kriminalisten berichten, dass mangelnde Ähnlichkeit für Männer noch heute ein Hauptmotiv ist, ihr Kind zu misshandeln oder sogar zu töten.

Unberechtigt sind die "Vaterschaftssorgen" der Männer freilich nicht. Laut aktuellen Schätzungen ist etwa jedes zehnte Kind ein "Kuckucksei", in sozial schwachen Gebieten soll es sogar fast jedes dritte sein. Auch Alexandra Alvergne gibt zu bedenken, dass nicht nur treue, sondern auch untreue Frauen für sich eine gewisse Versorgungssicherheit schaffen könnten, indem sie dem Mann eine Ähnlichkeit zum Kind vorgaukeln. Nichtsdestoweniger sollte man ihnen dabei kein bewusstes Täuschungsmanöver unterstellen, denn gerade evolutionär alte Verhaltensweisen laufen oft im Unbewussten ab.

Für den unbewussten Ablauf spricht auch, dass der weibliche Körper während Geburt und Stillzeit große Mengen an Oxytocin ausschüttet. Ein Hormon, das auch beim weiblichen Orgasmus zum Einsatz kommt und von Psychologen gerne als "Knuddel-Hormon" bezeichnet wird. Bei Frauen löst es ein tiefes Gefühl von Verbundenheit und Nähe aus. Mit anderen Worten: Im Anschluss an die Geburt befindet sich die Mutter in einem hormonellen Ausnahmezustand, der mit aller Kraft nach einer harmonischen Familie verlangt und ihre Sinne vernebelt. Hierfür spricht auch, dass sie zwei Jahre später kaum noch optische Gemeinsamkeiten zwischen Vater und Kind sieht - denn in diesem Zeitraum hat sich ihr Oxytocinpegel wieder normalisiert.

Es bleibt allerdings festzuhalten, dass die Oxytocin-Begründung nicht greifen kann, wenn die Frau per Kaiserschnitt entbunden hat und aufs Stillen verzichtet. Denn in diesen Fällen bleibt der hormonelle Knuddel-Ausnahmezustand erst einmal aus.