Geschichte

Ein Huhn entdeckte Amerika

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Foto: Joachim Moog / info@helga-lade.depa/Lade

Wer war zuerst da: das Huhn - oder Kolumbus? Für die herrschende Geschichtswissenschaft ist die Antwort klar: Die Neue Welt sei vom Genuesen noch in hühnerfreiem Zustand entdeckt worden, im Jahr 1492. Jetzt sagen Forscher: Hühner wurden schon deutlich vor Kolumbus gesichtet.

Erst in seinem Kielwasser, mit den Flotten der Spanier, habe das Federvieh seinen Weg nach Amerika gefunden. Dieser Lesart setzen jetzt elf Wissenschaftler von Universitäten aus Neuseeland, den USA und einigen Pazifikstaaten das Ergebnis ihrer Studie entgegen: Hühner seien bereits zwischen 100 und knapp 800 Jahren vor der großen Überfahrt des Kolumbus in Amerika angekommen - eine Erkenntnis, bei der es nicht nur um Geflügel geht, die vielmehr die gesamte Besiedlungsgeschichte Amerikas infrage stellt.

Die Forscher um Alice A. Storey vom Allan Wilson Centre for Molecular Ecology and Evolution an der Universität Auckland in Neuseeland kamen jetzt bei El Arenal an der mittleren Pazifikküste Chiles Hühnerknochen auf die Spur, die sie mit der Radiokarbonmethode auf ein Alter von mindestens 600 Jahren datieren konnten. Ein DNA-Vergleich mit Hühnern von den polynesischen Pazifikinseln Samoa und Tonga ergab einen so hohen Verwandtschaftsgrad, wie ihn keine der beiden Gruppe zu anderen Hühnerpopulationen auf der Welt aufweist.

Dabei gibt es keinerlei Hinweise von Archäologen, Paläozoologen oder auch Chronisten aus der Entdeckerzeit darauf, dass bei Naturvölkern oder Hochkulturen Altamerikas Hühner als Haustiere gehalten worden seien. Bis auf eine Ausnahme: Die Teilnehmer am Beutezug von Francisco Pizarro, der in den Dreißigerjahren des 16. Jahrhunderts das Inka-Reich unterwarf, berichteten von Hühnern. Wobei das Gebiet um die heutige Ausgrabungsstätte von El Arenal damals zum Bereich des Inka-Staates gehörte.

Die neuerlichen Erkenntnisse deuten also darauf hin, dass die Seefahrer Polynesiens auf ihren Entdeckungsreisen durch die Inselwelt - viele Tausend Kilometer ins Ungewisse hinein - auch an der südamerikanischen Küste anlandeten. Wahrscheinlich etwa zu der Zeit, als sie die Osterinsel fanden, etwa um 1200 n. Chr. Die Forschungsergebnisse sind ein weiterer Baustein für die immer festere Hypothese, dass die altamerikanischen Kulturen vor Kolumbus so isoliert nicht waren wie gemeinhin angenommen. Und sie deuten an, was mikrobiologische Methoden, zum Beispiel DNA-Vergleiche, für Gewissheiten schaffen können, wenn es um die Besiedlungsgeschichte der Erde geht - und was an herkömmlichen Lehrmeinungen umgeworfen werden muss.

So galt in der etablierten Anthropologie lange Jahrzehnte jeder als Exot, der der These Thor Heyerdahls anhing, es habe auch vor unserer Neuzeit einen Kulturaustausch zwischen Polynesien und Amerika gegeben. Die Fahrt des Norwegers im Jahr 1947 mit dem traditionellen Balsafloß "Kon Tiki" von Peru zu den Tuamotu-Inseln wurde als privates Abenteuer ohne wissenschaftlichen Wert abgetan. In der Tat ist Heyerdahls Theorie, der Pazifik sei von Amerika aus besiedelt worden, inzwischen widerlegt. Wer jedoch seiner Hypothese vom Kulturaustausch anhängt, macht sich nicht mehr lächerlich. Sind doch die Hinweise seit einigen Jahren unübersehbar.

Wie sonst könnte man es erklären, dass die europäischen Entdecker die Süßkartoffel, die sonst nirgendwo wächst, im gesamten pazifischen Raum von Neuseeland bis Südamerika vorfanden. Ähnliches lässt sich vom Flaschenkürbis sagen. Linguisten finden Parallelen zwischen altamerikanischen und pazifischen Sprachen, beim Schiffsbau, bei charakteristischen Formen von Angelhaken - und immer wieder bei der genetischen Ausstattung auch der Menschen.

Rebecca Cann, die seit Jahrzehnten bemüht ist, die Verbreitung der Menschheit über den Globus durch Erbgutanalysen nachzuvollziehen, sagt: "Ein Genfluss strömte über den Pazifik in das präkolumbische Amerika." René Oth hat in seinem Buch "Bevor Kolumbus kam. Die frühen Entdecker Amerikas" (Theiss-Verlag) die Fülle der Anhaltspunkte für einen Schiffsverkehr über den Pazifik und den Atlantik lange vor der Zeit Kolumbus’ zusammengetragen.

Genetiker finden nicht nur Verwandtschaften, sie können sie auch ausschließen. So sind sich die Wissenschaftler immer sicherer, dass manche Ureinwohner Südamerikas keine genetischen Ähnlichkeiten zu den Indianern im Norden aufweisen - ein Punkt mit politischer Brisanz, wie lateinamerikanische Forscher argwöhnen. Sie unterstellen ihren Kollegen aus den USA, solche Erkenntnisse zu ignorieren, um die These vom Ursprung aller amerikanischen Kultur im Norden des Kontinents nicht zu gefährden. Deshalb, so der Verdacht, hänge man unumstößlich an der Theorie: "Clovis first" - daran, dass die Clovis-Kultur, auf die Archäologen im US-Staat New Mexico gestoßen waren, das erste kulturelle Zentrum in Amerika gewesen sei, von dem aus sich alles Weitere ergeben habe, von den Azteken bis zu den Zapoteken. Dieser Lesart liegt die Hypothese zugrunde, die einzige vorneuzeitliche Einwanderung nach Amerika habe vor 12 000 bis 15 000 Jahren über die trocken gefallene Beringstraße von Sibirien aus stattgefunden, und anschließend sei der Kontinent komplett isoliert gewesen. Eine Theorie, die nicht mehr haltbar ist, der gleichwohl noch Lehrbücher und Nachschlagewerke anhängen.

Sein Ei des Kolumbus hätte der Entdecker jedenfalls auch in Amerika aufschlagen können.