Biologie

Aberglaube und echtes Wissen um die Erdbeere

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Foto: nid / DDP

Rot wie die Liebe, süß wie die Sünde - um die Erdbeere ranken sich viele Mythen. In der Antike waren sie wegen ihrer heilenden Wirkung bei Leber- und Gallenleiden geschätzt. Bei Dichtern gilt sie Sinnbild der erotischen Liebe und bei Moralisten als Symbol unzüchtiger Gedanken.

Ob als Kuchen, im Eis oder einfach nur so – heimische Erdbeeren sind im Juni die beliebtesten Früchte der Deutschen. 2,4 Kilogramm frische Früchte verspeist jeder Deutsche im Durchschnitt pro Jahr. Obwohl sie zur Familie der Rosengewächse zählt, ist die Erdbeere eine „Sammelnussfrucht“. Ihre eigentlichen „Früchte“, die kleinen gelben Nüsschen, trägt sie außen.

Als gesund gilt die Erdbeere nicht nur wegen ihrer Vitamine. In der Antike war die Walderdbeere beliebtes Heilmittel, schreibt der Kulturwissenschaftler Torkild Hinrichsen, Leiter des Altonaer Museums in Hamburg. Ihre wertvollen Mineralstoffe sollten vor Leber- und Gallenleiden schützen. Im 18. Jahrhundert schworen die Menschen auf die Kraft des sirupartigen Beerensaftes: Das „Erdbeer-Wasser“ kräftige das Herz und lösche den Durst, hieß es. Zudem stillte man damit Nasenbluten und rückte auch Pocken, Masern und der Gelbsucht zu Leibe.

Noch heute verkaufen Apotheken getrocknete Erdbeerblätter, die als ungesüßter Tee aufbereitet gegen Blasenentzündung, schlechten Atem und Akne helfen sollen. Kosmetikerinnen empfehlen für frischen Teint und schöne Haut eine Gesichtsmaske aus Erdbeersaft und Milch.

Schon in der Antike hat die Schönheit der Erdbeere auch die Dichter angeregt. Ovid und Vergil besangen sie in ihren Versen. Im 19. Jahrhundert beschreibt Hoffmann von Fallersleben, Verfasser des „Deutschlandsliedes“, die Erdbeersuche als beglückendes Ereignis: „Welch Entzücken! Erdbeer’n suchen/ Und im Schatten bei den Buchen/ Auf den Matten Erdbeer’n pflücken!/ Wollt’s uns glücken! welch Entzücken!“

Meist steht die süße Frucht jedoch als Symbol zarter erotischer Liebe und Sinnesfreude. Da gerät sogar der Kulturwissenschaftler Hinrichsen ins Schwärmen: „Wer könnte sich dem Zauber ihres süßen Geschmacks, ihres himmlischen Duftes, ihrer festlichen rote Farbe entziehen?“ Dazu passt der alte deutsche Begriff „Bresling“ oder „Prestling“, der auf die Ähnlichkeiten der Erdbeere mit einer weiblichen Brustwarze verweist. Erotische Fantasien haben im 15. Jahrhundert auch den Poeten Francois Villon erregt, als er seufzte: „Ich bin so wild nach Deinem Erdbeermund, ich schrie mir schon die Lungen wund, nach deinem weißen Leib, du Weib.“ Dagegen besangen die Beatles mit ihren „Strawberry Fields“ keine Früchte, sondern einen melancholischen Drogentraum.

Der Film kennt die Erdbeere als Symbol der erotischen Verlockung. Mickey Rourke fütterte Kim Basinger in „9 1/2 Wochen“ so lange damit, bis sie sich ihm in der Küche lustvoll hingibt. Richard Gere betörte Julia Roberts in „Pretty Woman“ mit süßen Erdbeeren in Champagner. In „Wilde Erdbeeren“ von Ingmar Bergmann erinnert sich der alternde Prof. Isak Borg an seine verpasste Jugend.

Früher rankte sich viel Aberglaube um die Erdbeere. So galt das Ernten „wilder Beeren“ bei den Germanen als gefährlich, hat Hinrichsen recherchiert. Man dürfe dem Wald nicht einfach etwas stehlen, ohne sich mit den Geistern gut zu stellen. Fiel eine Erdbeere beim Pflücken zu Boden, war sie Nahrung der armen Seelen und durfte nicht aufgehoben werden. Auch für Tiere gab es Regeln: Zum Schutz vor bösen Mächten verfütterten Bauern in der Walpurgisnacht zum 1. Mai Erdbeerstängel an das Vieh.

Wohlformulierte Ratschläge für den unbeschwerten Genuss erteilt die „Encyklopädie“ von 1785. Von Erdbeeren in Milch wird abgeraten, weil die Fruchtsäure „in einem schwachen oder schon überladenen Magen eine Gährung macht, und Kolikschmerzen, ja wohl gar eine Gallenkrankheit verursachet.“ Auch in Wein sollten sie nicht gelegt werden: „Da er ihr schleimichtes schwammichtes Fleisch nicht auflösen kann, so verzögert er ihre Verdauung im Magen, worin sie denn desto leichter versäuern und verderben.“ Stattdessen sollte man sie in Wasser legen, „da sie denn desto geschwinder in die Gedärme übergehen.“ Und wenn man sie zudem mit Zucker bestreut, „wird man sie gewiss, ohne alle Angelegenheiten verdauen.“