Globale Studie

Früherer Sex bei Jugendlichen ist ein Mythos

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Eine globale Studie zum Sexualverhalten liefert überraschende Ergebnisse: So wechseln etwa die Menschen in Afrika ihre Partner weniger häufig als die Menschen in den Industrieländern. Ebenfalls korrigiert werden muss das Vorurteil, dass Jungen und Mädchen immer früher Sex haben.

Eine britische Studie zum Sexualverhalten der Menschen weltweit hat mit einigen Legenden aufgeräumt. So verlieren die Jugendlichen keinesfalls in immer jüngerem Alter ihre Unschuld, wie die Untersuchung ergab. Eine weitere überraschende Erkenntnis: Es besteht kein Zusammenhang zwischen häufigem Partnerwechsel und dem Ausmaß sexuell übertragbarer Krankheiten. Und verheiratete Menschen haben den meisten Sex.

Für die Studie, deren Ergebnisse die im britischen Medizin-Journal „The Lancet“ vorgestellt werden, analysierten Professorin Kaye Wellings und ihre Kollegen Daten aus 59 Ländern. Sie erklärten, die Ergebnisse korrigierten nicht nur moderne Mythen zum Sexualverhalten, sondern könnten auch bei der Verbesserung der Gesundheitsfürsorge helfen. Wellings sagte, sie sei von einigen Zahlen überrascht gewesen.

Promiskuität bei der Ausbreitung sexuell übertragbarer Krankheiten überbewertet

„Einige unserer Vorurteile wurden zerschmettert“, erklärte sie. So hätten die Forscher erwartet, in Ländern wie Afrika mit einer hohen Rate sexuell übertragbarer Krankheiten auch am häufigsten ein promiskuitives Verhalten festzustellen. Dies sei jedoch nicht der Fall gewesen. Häufige Partnerwechsel seien häufiger aus den Industriestaaten gemeldet worden. Wellings und ihre Kollegen schließen daraus, dass ein promiskuitives Verhalten bei der Ausbreitung sexuell übertragbarer Krankheiten eine deutlich geringere Rolle spielt als Armut und mangelnde Bildung.

Im Gegensatz zur landläufigen Meinung kam die Studie außerdem zu dem Schluss, dass Jugendliche ihre ersten Sexualkontakte nicht in deutlichem jüngerem Alter haben als früher. In fast allen untersuchten Ländern erlebten die Jugendlichen zwischen 15 und 19 Jahren ihr „erstes Mal“, die Mädchen dabei ein wenig früher als die Jungen.

Britische Männer haben am frühesten Sex

Im Vergleich von sieben Industrieländern starten britische Männer am frühesten in ihr Sexualleben - sie sind dann im Durchschnitt 16,5 Jahre alt. Ihre Geschlechtsgenossen aus der Schweiz und Norwegen hingegen warten im Schnitt bis zum Alter von 18,5 Jahren. Mädchen warteten ähnlich lange, schreiben Kaye Wellings und ihre Kollegen von der Londoner Hochschule für Hygiene und Tropenmedizin. Insgesamt erlebten junge Frauen und Männer in Industrieländern das „erste Mal“ in vergleichbarem Alter. Auffällig alt beim ersten Sex seien die jungen Menschen in Schwellenländern. So lag das Durchschnittsalter beim „ersten Mal“ in Armenien und Kasachstan bei Frauen und Männern bei 20,5 Jahren.

Verheiratete Frauen durch untreue Ehemänner gefährdet

In allen Ländern, auch in den Entwicklungsländern, stellten die Wissenschaftler hingegen die Tendenz zu immer späterer Eheschließung fest. Dann haben die Verheirateten aber meist mehr Sex als die Alleinstehenden. Mit dem wachsenden Durchschnittsalter der Brautleute geht eine Zunahme des vorehelichen Sexualverkehrs einher. Die Experten stellten dabei aber kein höheres Risikoverhalten fest - wie etwa den Verzicht auf Kondome. In einigen Fällen sind die verheirateten Frauen sogar stärker gefährdet als die Alleinstehenden. Eine allein stehende Frau könne unter bestimmten Umständen eher sicheren Geschlechtsverkehr verlangen als eine verheiratete Frau, erklärte der Direktor für Reproduktive Medizin bei der Weltgesundheitsorganisation (WHO), Paul van Look. So würden verheiratete Frauen in Afrika und Asien oft von ihren untreuen Ehemännern bedroht, die Prostituierte aufsuchten.

Verwendung von Kondomen wird oft nicht durchgesetzt

In den reichen Ländern ist die Zahl der Sexualpartner, die Frauen und Männer in ihrem Leben haben, fast ausgeglichen. Dagegen haben viele Männer etwa in Kamerun, Haiti und Kenia mehrere Sexualpartner, Frauen dagegen nur einen. „In Ländern, in denen Frauen ihren männlichen Partnern verpflichtet sind, haben sie wahrscheinlich nicht die Macht, die Verwendung von Kondomen durchzusetzen, und sie werden wahrscheinlich nichts von den Verfehlungen ihrer Männer erfahren“, erklärte Wellings.

Angesichts der ganz unterschiedlichen Sexualverhalten in der Welt ist Wellings sich in einem sicher: Eine einzige Gesundheitsfürsorge für alle kann es nicht geben. „Es sind ganz unterschiedliche wirtschaftliche, religiöse und soziale Regeln, die das Sexualverhalten in der Welt steuern.“