Gesundheit

Knallgeräusche viel schädlicher als Diskomusik

Studien zufolge hat bereits jeder vierte Jugendliche einen Hörschaden. Ein Experte für Hörakustik klärt jetzt einen wissenschaftlichen Mythos auf: Musik sei nicht das schlimmste, was sich Jugendliche antun können – bereits ein Böller reiche dagegen aus, um das Ohr 50 Jahre altern zu lassen.

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Ein explodierender Silvesterböller sei schädlicher für das Ohr als laute Musik in einer Diskothek, sagte der Professor für Hörakustik an der Hochschule Aalen, Eckhard Hoffmann. Das liege aber weniger an den Diskobesuchen, sondern eher an den Knallkörpern. „Ein Böller reicht aus, um das Ohr 50 Jahre altern zu lasen, wenn man Pech hat“, sagte Hoffmann.

Natürlich sei es wichtig, beim Musikhören - in der Disco oder mit tragbaren Musikspielern - das Ohr zu schützen, „aber so wie oft getan wird: Musik ist das Schlimmste, was sich die Jugend antun kann, das ist einfach Quatsch“, meinte Hoffmann. Vor allem Knallgeräusche seien es, die die empfindlichen Hörzellen schädigten. „Es soll ja immer noch Tanten geben, die Kinder aufs Ohr küssen“, nannte Hoffmann ein Beispiel. Dabei entstünde allerdings ein sehr lautes Geräusch. „Ein Kuss aufs Ohr ist wie eine Ohrfeige.“ Auch die Spielzeugpistole, die ein Kind abfeuere, um etwa seine Geschwister zu erschrecken, sei alles andere als harmlos: „Das sind Pegel, die man sonst mit fast kaum etwas anderem schaffen kann.“

Das Problem sei, dass der Mensch nur rund 18.000 Hörzellen pro Ohr und die müssten ein Leben lang halten. Zum Vergleich: Jedes Auge besitzt laut Hoffman rund 25 Millionen Sehzellen. „Was ich im Sandkasten an Hörschäden bekomme, schleppe ich mein Leben lang mit“, betonte der Professor. Daher müsste schon in jungen Jahren darauf geachtet werden, die empfindlichen Hörorgane vor zu viel Lärm zu schützen.

Doch wie gut es mit der Hörfähigkeit der Bevölkerung in der Bundesrepublik allgemein bestellt ist, lässt sich laut Hoffmann nicht so einfach sagen. „Es gibt in Deutschland keine Studie, wie sich die Hörfähigkeit über alle Altersgruppen entwickelt“, sagte er. Zudem seien die Messtechniken bei den Untersuchungen in den einzelnen Zielgruppen häufig nicht vergleichbar. Aus diesem Grund will Hoffmann auf Initiative und mit Unterstützung der Bundeswehr mit seinen Hörtests in den kommenden zweieinhalb Jahren aus jeder Altersgruppe von 5 bis etwa 85 Jahren je 100 männliche und 100 weibliche Probanden untersuchen. Sie kommen aus Aalen sowie aus allen Waffengattungen der Bundeswehr.

„Bei den Soldaten wird überprüft, wie sie im Vergleich zum Rest der Bevölkerung hören“, sagte Hoffmann. Die Stadt Aalen sei gewählt worden, weil sie einen „sehr schönen Industrie-Mix“ habe, der einen Querschnitt aus den Lebensverhältnissen in Deutschland bilde. Neben Schwerindustrie bestünden Dienstleistungsunternehmen und Landwirtschaft, sagte der Hörforscher. Auch städtisches und ländliches Wohnen gebe es hier auf engem Raum. Die ersten Daten der Messungen sollen im Frühjahr vorliegen.