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Wikileaks - Geheimnisverrat aus Prinzip

Seit der Veröffentlichung eines Videos der US-Armee, in dem zu sehen ist, wie Soldaten im Irak aus einem Helikopter Zivilisten erschießen, ist die Internetplattform Wikileaks in alle Munde. Auf der Berliner Internet- und Blogger-Konferenz re:publica sprach Daniel Schmitt, Mitarbeiter des Portals, über Verantwortung, Transparenz und das Verhältnis zum Journalismus.

Spätestens das auf ihrer Website veröffentlichte Video der US-Armee im Irak machte die Internet-Plattform Wikileaks (leak, engl. = "Leck", "undichte Stelle") jüngst auch einer breiten Öffentlichkeit bekannt. In dem Film ist zu sehen, wie US-Soldaten aus einem Helikopter heraus zwei Reporter der Nachrichtenagentur Reuters erschießen und zahlreiche weitere Zivilisten schwer verletzen. Das Video wurde in dem Hubschrauber gedreht. Man hört, was die beteiligten Soldaten untereinander über den Angriff sagen.

Der Vorfall ereignete sich bereits im Juli 2007, doch das Video wurde mehr als zwei Jahre unter Verschluss gehalten. So genannte "Whistleblower" (wörtlich "Nestbeschmutzer", hier im Sinn von "jemand, der einen Skandal aufdeckt") hatten das Video Wikileaks zur Veröffentlichung übergeben. Hartnäckig hatte die US-Armee versucht, den Fall tot zu schweigen, jetzt steht das Videomaterial für jedermann zugänglich im Internet. Die Veröffentlichung des Videos sorgte innerhalb von 72 Stunden für 4,5 Millionen Aufrufe auf der Video-Plattform YouTube und für mehr als 3500 Berichte in Printmedien, sagt Daniel Schmitt (der nicht wirklich Daniel Schmitt heißt) , deutscher Wikileaks-Mitarbeiter und Gast auf der Berliner Internet- und Blogger-Konferenz re:publica.

Wikileaks publiziert geheime oder zensierte Regierungsdokumente oder Unternehmensberichte von öffentlichem Interesse, um Missstände aufzudecken und das Material frei verfügbar zu machen. Dabei nutzen die Betreiber das Wikipedia-Prinzip: Jeder kann sich bei dem Web-Portal anmelden und Dokumente einstellen. Verschlüsselungstechniken sichern dabei die Anonymität des Absenders, die Ermittlung der Quelle wird erschwert.

Die Dokumente durchlaufen dann einen eingehenden Prüfungsprozess, so Schmitt. "Spam", also unerwünschte Einsendungen, auf dem Niveau von "Mein Chef ist so gemein" werde schon fast vollständig ausgefiltert, bevor er überhaupt hochgeladen wird. Daniel Schmitt betont: "Wir arbeiten nicht mit Gerüchten!" Denn schon beim Anmeldeprozess müssen diverse Fragen zur Authentizität des Dokumentes beantwortet werden. Danach prüfen Experten – nicht nur Journalisten - aus verschiedenen Bereichen und unabhängig von einander, ob die Quelle authentisch ist. Erst dann werde sie auf der Plattform publiziert.

Inzwischen soll Wikileaks mehr als 1,2 Millionen Dokumente archivieren und seit 2006 mehr "scoops" (Exklusivmeldungen) veröffentlicht haben, als die Washington Post in 30 Jahren, wie die kanadische Nachrichtensendung "The National" verkündete. Das ehrenamtlich arbeitende Team, zu dem inzwischen mehr als 1000 Mitarbeiter gehören, besteht nach Aussage von Daniel Schmitt nicht nur aus professionellen Journalisten, sondern auch aus Computerspezialisten, Menschenrechtsaktivisten und – natürlich – Anwälten. Letzteren gehört dann auch Schmitts besonderer Dank, sie halten den Wikileak-Mitarbeitern juristisch den Rücken frei.

Schmitt betont, dass Wikileaks ausschließlich in einem legalen Rahmen arbeite. Er ist sichtlich stolz darauf, dass die Plattform bisher keine ihrer Publikation aus dem Netz nehmen musste. Dennoch soll Wikileaks bis zu 100 Mal angeklagt worden sein. Immer wieder wurde versucht, die Seite auf juristischem Wege zu schließen. Einer der führenden Köpfe hinter Wikileaks, der Australier Julian Assange sagte in einem Interview mit dem Blogger Stefan Mey: "Strafzahlungen oder Schadenersatz (gibt es ) noch nicht, wir haben bis jetzt alle Verfahren gewonnen." Das Portal finanziert sich über Spenden von Privatpersonen und Stiftungen. Zu den Grundsätzen von Wikileaks gehört, dass keine Zuwendungen von Unternehmen oder Regierungsinstitutionen angenommen werden. Knappe Finanzen führten sogar dazu, dass das Portal im Dezember 2009 zwischenzeitlich offline gehen musste. Seit März 2010 ist die Seite – mit eingeschränkten Funktionen – wieder zugänglich.

Finanzierung für das nächste Jahr gesichert

"Wir hatten keine Wahl, wir mussten der Öffentlichkeit zeigen, wie prekär unsere finanzielle Lage ist. Alle Informationen auf unserer Seite sind frei zugänglich. Doch Spendenaufrufe werden gerne übersehen…", sagt Schmitt. Wikileaks braucht pro Jahr rund 600.000 Euro – das benötigte Budget hat sich durch den Erfolg erhöht. Weil immer öfter immer mehr Webseiten aus dem Wikileaks-Angebot abgerufen wurden, stiegen die Kosten für das sogenannten Hosting, also für die Nutzung Computer, auf denen die Wikileak-Seiten gespeichert sind. Was zur Folge hatte, dass Wikileaks einen Teil seiner Inhalte nicht mehr über in aller Welt verteilte Server anbieten konnte. Nun ist wieder Geld da, "so bald wie möglich" soll Wikileaks wieder in vollem Umfang zur Verfügung stehen, sagt Schmitt.

Gegründet wurde das Portal 2006 nach eigenen Angaben von chinesischen Dissidenten, Journalisten, Menschenrechtsaktivisten und IT-Experten aus den USA, Taiwan, Europa, Australien und Südafrika. Die Gründer bleiben jedoch anonym. Von den Betreibern ist nur der australische Programmierer und Autor Julian Assange namentlich bekannt.

Viele sehen in Wikileaks die Zukunft des investigativen Journalismus. 2009 gewann die Seite den "Amnesty International Media Award" in der Kategorie Neue Medien. Kritiker befürchten jedoch, dass das Verbreiten anonymen Materials unverantwortlich sei und anfällig für Propaganda sei. Assange hielt in einem Interview mit dem britischen Sender BBC dagegen: "Wir wollen Informanten und Journalisten, die in ihrer Arbeit eingeschränkt werden, in der ganzen Welt eine Möglichkeit geben, ihr Material publik zu machen", sagte er. "Wir agieren als neutrale Vermittler, wir ermöglichen die Veröffentlichung der Materialien."

Daniel Schmitt setzt sich für ein unzensiertes Internet ein. Und er sieht Wikileaks nicht in Konkurrenz zu "klassischen" Medien, sondern als Partner. "Wir stellen die Dokumente als erste frei zugänglich im Netz zur Verfügung, den Journalisten überlassen wir die Schlagzeilen."

Für "scoops" sorgte Wikileaks bereits mehrfach, wahrgenommen wurde das Portal jedoch meist über den Umweg "etablierter" Medien. Der Fall der britischen Zeitung "The Guardian" zeigt, wie bizarr dies manchmal sein kann. Die Zeitung hatte Dokumente der britischen Barclay Bank und mit ihr vernetzter Unternehmen aufgedeckt. Dem Guardian wurde daraufhin juristisch untersagt, weiter darüber zu berichten, die betreffenden Artikel mussten gelöscht werden. Die Dokumente wurden danach bei Wikileaks veröffentlicht. Als der Guardian daraufhin auf Wikileaks verwies, wurde ihm auch das verboten, alle Links mussten entfernt werden. Der Vorgang wurde daraufhin ebenfalls bei Wikileaks dokumentiert, die Barclay-Affäre gelangte doch in die Öffentlichkeit und dokumentierte darüber hinaus die Versuche der Bank, den Fall aus den Medien heraus zu halten.

Eine Wikileaks-Knpf für jede Seite

Dieser Fall zeigt für Schmitt, dass eine der zentralen Aufgaben von Wikileaks darin bestehe, für Transparenz zu sorgen, wenn Journalisten mundtot gemacht werden würden. Zensur reiße Löcher in die Geschichtsbücher, Dokumente würden so aus den – öffentlich zugänglichen - Archiven für immer verschwinden.

Um dem vorzubeugen, berichtet Schmitt über die Idee, dass jede Nachrichtenseite einen Wikileaks-Knopf einbauen könnte. Über diesen meldeten Leser Dokumente, diese würden geprüft, das kooperierende Nachrichtenportal könne dann exklusiv einen Artikel vorbereiten, zeitgleich werde dann die Quelle auf Wikileaks publiziert. Also eine Win-Win-Situation: Wikileaks sorgt für frei zugängliche Quellen, das berichtende Medium für die eigene Schlagzeile.

Zum Ende seines Vortrages auf der re:publica appelliert Schmitt noch einmal eindringlich an die Verantwortlichkeit aller Journalisten, sich für Informationsfreiheit, Transparenz und Glaubwürdigkeit einzusetzen - und wird mit lautstarkem Applaus und Standing Ovations dafür belohnt.

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