Jeff Jarvis auf der re:publica

"Deutsche sorgen sich zu viel um Privatsphäre"

| Lesedauer: 6 Minuten
Claudia Schumacher und Björn Stephan
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Jeff Jarvis über die Zukunft des Internet

Jeff Jarvis, Journalist und Unternehmer aus den USA, ist bei der re:publica 2010 in Berlin zu Gast - mit mehreren Auftritten. Vor seinem ersten Vortrag auf dem Internetkongress sprach Jarvis mit Morgenpost Online über Blogs, Journalismus, das Ende der Privatsphäre, die Gründe, weshalb er das iPad zurück geschickt hat und die Gründe, weshalb er das WePad mag, aber dennoch glaubt, dass es das Apple-Konkurrenzprodukt aus Berlin schwer haben wird.

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Jeff Jarvis, der Autor des Buches „Was würde Google tun", findet, dass die Deutschen viel zu vorsichtig mit ihrer Privatsphäre umgehen. Die Sorge, im Internet zu viel preis zu geben, sei typisch deutsch. Der Amerikaner selbst machte sogar seinen Prostatakrebs öffentlich. Morgenpost Online sprach mit dem Autoren auf der Bloggerkonferenz „re:publica" in Berlin.

Morgenpost Online: Mister Jarvis, bei Amazon und in der Internet Movie Database IMDB werden Nutzer zu Kritikern. Kann das die Film- und Literaturkritiker ersetzen?

Jeff Jarvis: Ich habe das Magazin „Entertainment Weekly“ gestartet. Wenn ich es heute starten würde, wäre es kein Magazin mehr und ich würde keine Kritiker anstellen.

Morgenpost Online: Manchmal ist das, was User schreiben, sehr seltsam. Welchen Wert mag das für den Journalismus haben?

Jarvis: Das Internet macht es möglich, Informationen kostenlos zu teilen. Die Frage an uns als Journalisten ist: Welchen Wert fügen wir hinzu? Wir glauben bisher, das Internet sei ein Medium. Aber es ist ein Ort, wo Leute sich austauschen, wo sie machen, was auch immer sie wollen. Weil die Welt voller dummer Leute ist, ist auch das Internet voll mit dummen Leuten und Meinungen.

Morgenpost Online: Sie betonen aber, dass die Zukunft der Zeitung in diesen Nutzerinhalten liegt. Wie könnte das aussehen?

Jarvis: Sie liegt nicht ausschließlich darin. Sonst würde ich nicht Journalismus unterrichten. Aber es gibt unglaubliche neue Möglichkeiten der Zusammenarbeit mit Lesern. Manche Zeitungen stellen Artikel online und die Leser kommentieren. Das ist gemein, wir beleidigen die Öffentlichkeit. Wir sagen: Wir haben die Geschichte abgeschlossen, jetzt erlauben wir euch zu kommentieren. Natürlich werden sie wütend. Natürlich schreien sie. Deswegen sind diese Kommentare zurzeit so aggressiv.

Morgenpost Online: Welche Rolle spielen Blogger für den Journalismus?

Jarvis: Blogging ist nur ein Werkzeug, aber ein sehr machtvolles, das es jedem ermöglicht, etwas zu veröffentlichen. Es gibt zwei Studien zu Bloggern in den USA. 40 Prozent finden, dass das, was sie tun, nichts mit Journalismus zu tun hat. In der anderen Studie war sogar von 50 Prozent die Rede. Aber denen, die Journalismus machen wollen, kommt eine kritische Rolle im Ökosystem der Nachrichten zu. Blogs können einige Segmente abdecken. Sie sind effizienter, spezialisierter, schneller.

Morgenpost Online: Sind Blogger eine Konkurrenz für Journalisten?

Jarvis: Journalisten sollten selbst bloggen. Ich berate einen Zeitungsverlag in den USA, mit dem wir ein Experiment machen wollen, in dem die News zuerst im Blog veröffentlicht werden und im Print erst ganz zum Schluss. Das verändert die Kultur eines Nachrichtenunternehmens, weil die Leser viel früher in den Prozess involviert werden.

Morgenpost Online: Die deutsche Verbraucherministerin Ilse Aigner schrieb einen Brief an Facebook wegen mangelnden Datenschutzes. Der Facebook-Chef Mark Zuckerberg sagte, Privatsphäre sei keine soziale Norm mehr. Einverstanden?

Jarvis: Ich finde, die Diskussion dreht sich zu sehr um Privatheit und zu wenig um den Wert der Öffentlichkeit. In der Öffentlichkeit zu leben, ist sehr wertvoll. Ich habe Prostatakrebs. Ich rede darüber öffentlich und habe mich mit anderen Leuten vernetzt, die ebenfalls Krebs haben, und dadurch viel gelernt. Wenn wir alles teilen, was wir über eine Krankheit wissen, können wir mehr lernen, als wenn wir alles privat halten. Auch in Unternehmen und in der Regierung sollte Transparenz eine Selbstverständlichkeit werden.

Morgenpost Online: Aber zu viel Transparenz macht uns als Bürger angreifbar und leicht manipulierbar. Als Deutsche haben wir damit Erfahrung.

Jarvis: Die Stasi und die Nazis haben bewirkt, dass die Deutschen ein großes Bedürfnis nach Privatsphäre haben und Angst vor Öffentlichkeit. Vermutlich reicht die deutsche Kultur der Privatsphäre sogar noch weiter zurück.

Morgenpost Online: Sie meinen, es ist eine Frage der grunddeutschen Mentalität?

Jarvis: Ja. Ich habe in eine deutsche Familie geheiratet und mein Schwiegeropa sagte immer: Das solltest du nicht sagen, das gehört nicht in die Öffentlichkeit. Ihr Deutschen denkt, dass die Öffentlichkeit besitzt, was öffentlich ist. Aber es geht doch eigentlich nicht um Privatheit, sondern um Kontrolle. Du hast das Recht, deine Informationen, deine Identität und deine Kreationen zu kontrollieren.

Morgenpost Online: Es gibt auch ein Problem damit, dass Leute auf Facebook Opfer von Mobbing und Diskriminierung werden.

Jarvis: Der Technik-Blogger Michael Arrington hat neulich gesagt, wir sollten den Versuch aufgeben, unseren Ruf zu bewahren. Du hast peinliche Bilder von dir, ich hab meine, belassen wir es einfach dabei. Das kann uns zu einer toleranteren Gesellschaft machen.

Morgenpost Online: Facebook gibt aber Daten an Dritte weiter und der Nutzer muss ausdrücklich widersprechen. Sonst nutzen Unternehmen die Daten für ihre Interessen.

Jarvis: Aber man kann widersprechen. Die Frage ist: Darf jemand mit den Daten, die ich liefere, Geld verdienen. Man schaue sich die Rolle an, die Google spielt. Als das Internet aufkam, schaute sich Yahoo das Internet wie ein Bibliothekar an. Das war nicht angemessen und hat nicht funktioniert. Dann kam Google und fragte sich: Wie zum Teufel können wir Ordnung in das Chaos bringen? Wie können wir dich zu den guten Sachen führen? Der Weg war, den Leuten zu vertrauen, ihre Links zu verfolgen, denn die führen schon zu den guten Sachen. Google hat unser Wissen genommen, es mit einem Mehrwert versehen und uns wieder zurückgegeben.

Morgenpost Online: Sie haben ihr iPad medienwirksam wieder eingepackt und zurückgesendet – warum?

Jarvis: Ich liebe Apple. Die Produkte sind wundervoll, glatt und glänzend, kunstvoll und schön. Ich sehe nur keinen Nutzen für das iPad. Es kann zu wenig, kein Multitasking, kein USB, keine Kamera. Das Internet hat uns alle in Medienerschaffer verwandelt, das iPad will uns wieder zu bloßen Konsumenten machen. Das stört mich.