Raumfahrt

Houston, wo sind die Apollo-Filme?

Die Originale der Mondlandungen sind verschwunden. Antiquierte Nasa-Technik sorgte seinerzeit für eine schlechte TV-Qualität.

„Ein kleiner Schritt für einen Menschen, aber ein großer Sprung für die Menschheit“, sagte am 20..Juli 1969 der Apollo-Astronaut Neil Armstrong bei seinen ersten Schritten auf dem Mond mit schauspielerischer Leichtigkeit ins Helmmikrofon. Was seinerzeit spontan wirkte, war eine im Vorfeld abgesprochene Äußerung: ein präparierter Spruch für die Geschichtsbücher.

Doch trotz der epochalen Dimension der Apollo-11-Mission nimmt es die US-Raumfahrtbehörde Nasa mit ihren historischen Quellen offenbar nicht genau. Spätestens seit dem Verschwinden der Blaupausenoriginale der Saturn-V-Mondrakete ist klar, dass in den Nasa-Archiven der Wurm steckt. Auch nagt der Zahn der Zeit an Dokumenten: Sie vergilben und schimmeln vor sich hin oder verschwinden gänzlich – wie jüngst eben auch die Originalbänder der sechs bemannten Mondlandungen.

„Wir haben die Bänder seit einer ganzen Weile nicht gesehen, wir haben über ein Jahr nach ihnen gesucht – und sie sind nicht aufgetaucht“, musste letzte Woche der Nasa-Sprecher Grey Hautaloma eingestehen. Genau genommen vermisst die Nasa mehr als 13.000 Originalbänder, auf denen einzigartige Live-Szenen der Mondmissionen verewigt sind.

Keine digitalen Kopien

Und von den unauffindbaren Filmspulen mit einer durchschnittlichen Bandlänge von 15 Minuten, die auf 698 Kisten verteilt sind, gibt es noch nicht einmal ein einziges digitalisiertes Duplikat. „Alleine von der Apollo-11-Mission gibt es drei Boxen, in denen 15 Filmrollen gelagert sind. Sie erzählen die ganze Geschichte der Mission“, sagt Stan Lebar aus Westinghouse. Der 81-jährige Rentner weiß, wovon er redet. Zu Apollo-Zeiten fungierte er als Programmmanager für die TV-Mondkamera der sechs bemannten Missionen. Heute zählt er zu einem mehrköpfigen unabhängigen Team aus amerikanischen und australischen Weltraumveteranen, das seit knapp vier Jahren nach dem heiligen Gral des Apollo-Programms fahndet.

Ursprünglich wollten die Rentner die antiquarisch hochsensiblen Magnetbänder auf den alten Nasa-Geräten abspielen und mit einer modernen Kamera digitalisieren. Doch stattdessen mussten die Nasa-Veteranen im Archiv des Goddard Space Flight Center (GSFC) in Greenbelt (US-Bundesstaat Maryland) den Staub von den Regalen kratzen. Von historischen Filmrollen war aber keine Spur.

Dass die Nasa in der Vergangenheit das bedeutendste Filmdokument der Geschichte nicht digitalisierte, hat nach Ansicht des Kölner Astrophysikers und Raumfahrtexperten Professor Hans-Joachim Blome von der Fachhochschule Aachen nachvollziehbare Ursachen: „Nach dem abrupten Ende des Apollo-Programms landeten die ganzen Bänder in den Nasa-Archiven, ohne dass sich hierfür jemand großartig interessierte. Auch viele Rohdaten von interplanetaren Missionen sind bis heute nicht komplett analysiert, meist aus Kostengründen oder wegen eingesparten Personals.“

Originale sahen nur wenige

Jetzt jedenfalls rätseln die Astrofreizeitforscher über den Verbleib der Spulen – und die Nasa mit ihnen. Immerhin ist aktenkundig, dass das Material im Jahr 1970 zum GSFC in Maryland und anschließend zum US-Nationalarchiv Nara gebracht und von dort erneut zurückgesandt wurde. Wohin es dann wanderte, ist unklar.

Aber die Suche würde offensichtlich lohnen: „Die Qualität ist drei- bis viermal besser, als wir sie jemals auf den TV-Schirmen gesehen haben“, schwärmt Stan Lebar. Tatsächlich klaffen zwischen den Originalfilmen und den laufenden Bildern, die im Juli 1969 über die Fernseher flackerten, in puncto Tiefenschärfe Welten. „Auf einem sieht man sogar, wie sich die Gestalt von Armstrong auf dem Helmvisier von Buzz Aldrin spiegelt“, so Lebar. Doch die hochaufgelösten Bilder, die 1969 vom Erdtrabanten zu den drei Empfängerstationen des Deep Space Network (DSN) in Kalifornien und Australien gefunkt wurden, sahen bis heute nur wenige Eingeweihte. Was seinerzeit über die DSN-Monitore flimmerte, ging nicht über den Äther.

Die geister- und schemenhaften Bilder dagegen, die weltweit in die Fernsehkanäle gespeist wurden, waren dem antiquierten technischen Equipment der Nasa zu verdanken: Es war nicht kompatibel mit der damaligen Fernsehtechnik. Um dem Geschehen auf dem Mond Konturen zu geben, musste die Nasa daher vor einem der DSN-Monitore eine Fernsehkamera platzieren, welche die Originalbilder abfilmte. Auf den Mattscheiben daheim flimmerte somit nur eine Kopie des Originalbildes – und eine schlechte obendrein. „Die Bänder spielten in Australien zehn Bilder pro Sekunde“, sagt Lebar. „Aber das Fernsehen brauchte dafür 60 Bilder pro Sekunde, so dass jedes Bild sechsmal wiederholt wurde. Die Zuschauer sahen Geisterbilder.“

Angesichts dieser filmreifen Vorkommnisse sieht sich die Nasa erneut dem bösen Geist der „Mondlandungslüge“ gegenüber, deren Anhänger nach wie vor behaupten, die Apollo-Mondlandungen seien allesamt auf hollywoodmäßige Art und Weise in finsteren Militärhangars gefilmt worden.

Skeptiker sehen sich bestätigt

Derlei Spekulationen erteilt Thomas Eversberg vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) jedoch eine klare Absage. „Wie auch immer die Nasa vorgeht, ob sie eines Tages das endgültige Verschwinden der Bänder eingesteht oder dieselben irgendwann wieder vorlegt – die Mondlandungsgegner verändern ihre Position nicht.“ Für den DLR-Physiker, der die Argumente der Verschwörungstheoretiker allesamt kennt, ist die Nasa nicht in der Bringschuld, sondern die Skeptiker: „Sie müssen stichhaltige Beweise vorlegen. Dies ist aber nicht der Fall. Jedes ihrer Argumente kann Punkt für Punkt widerlegt werden.“

Auch wenn nach Nasa-Angaben alle anderen Daten in der einen oder anderen Form in Rundfunkarchiven vorliegen, befinden sich die qualitativ hochwertigen Primärfilme nunmehr auf einer Odyssee mit unbekanntem Ausgang. Stan Lebar gibt sich hoffnungsvoll: „Die Apollo-Filme sind nicht verloren. Wir haben sie nur noch nicht gefunden.“