China

Katastrophenalarm am Jangtse-Stausee

Eigentlich hätte der Drei-Schluchten-Staudamm in diesem Monat seine volle Kapazität ausschöpfen sollen. Doch jetzt haben Experten bei der Inspektion fast 700 kritische Stellen entdeckt. Das chinesische Mammutprojekt bedroht umliegende Städte – Erosion und Instabilität erhöhen das Risiko von Erdrutschen.

Nach jahrzehntelangen Planungen und Arbeiten hätte der gigantische Drei-Schluchten-Stausee in China in diesem Monat den vorgesehenen Wasserstand und das Wasserkraftwerk damit die volle Kapazität erreichen sollen. Doch stillschweigend wurde die Vollendung des Mammutprojekts aufgeschoben. Offiziell wird die Verzögerung mit zunehmender Trockenheit begründet. Zugleich warnen Fachleute aber vor einer wachsenden Gefahr von Erdrutschen.

Der Staudamm sollte den Überschwemmungen am Jangtse ein Ende machen und als weltgrößtes Wasserkraftwerk den Energiehunger der boomenden Wirtschaft stillen helfen. Die gefürchteten Flutkatastrophen an Chinas größtem Fluss kosteten noch 1954 mindestens 33.000 Menschen das Leben. Dafür setzte sich China über umweltpolitische Einwände gegen das offiziell 15 Milliarden Euro teure Projekt hinweg; über 1,4 Millionen Menschen mussten dem 330 Kilometer langen Stausee weichen, insgesamt 20 Kreisstädte versanken in den Fluten. Die Fläche des Stausees soll letztendlich doppelt so groß wie die des Bodensees sein.

Seit Mitte September nun wurde die Wassermenge im See gezielt gesteigert; Anfang November hätte der Höchststand von 175 Metern und damit die maximale Leistung erreicht sein sollen. Doch am 2.November blieb der Pegel bei 171 Metern abrupt stehen. Zur Erklärung hieß es, der Zufluss vom Oberlauf des Jangtse betrage 34 Prozent weniger als voriges Jahr.

Zudem verschlimmere sich die Trockenheit in den stromabwärts gelegenen Provinzen Hunan und Jiangxi. „Unter den gegebenen Umständen kommt weniger Wasser vom Oberlauf, und mehr Wasser muss an den Unterlauf abgegeben werden, um der Trockenheit abzuhelfen“, sagte ein Sprecher des für den Stausee zuständigen Komitees. Daher sei es „schwierig“, den maximalen Wasserstand zu erreichen, räumte er ein.

Allerdings berichtete das Magazin „Caijing“ vergangene Woche über den Bericht eines Expertengremiums aus Chongqing, der Megastadt nahe dem Staudamm: Die Fachleute warnten, dass das Risiko geologischer Katastrophen wie Erdrutschen zunehme, wenn der Wasserspiegel dem Höchststand entgegenwachse. Alte Risse täten sich wieder auf, wenn das Erdreich um den Damm durchnässt und instabil werde.

Das Magazin berichtete zudem vom Ergebnis einer offiziellen Inspektion im Wanzhou-Bezirk von Chongqing, der Megastadt nahe dem Staudamm, vor der Flutung: Darin wurden annähernd 700 gefährdete Stellen ausgemacht, davon 587 mögliche Erdrutschzonen. Der Geologe Yang Yong aus Sichuan glaubt, dass die Warnungen ernst genug gewesen sein könnten, um die Endphase zu verzögern. „Die Trockenheit ist ein offensichtlicher Grund, aber ich habe den Verdacht, dass auch die mögliche geologische Gefahr ein Grund dafür war, das Wasser nicht weiter steigen zu lassen“, sagte er. „Ich glaube, dass mit dem Anstieg des Wasserspiegels das Erdreich in der Umgebung mehr und mehr in Bewegung gerät. Die Regierung war sich dieses Problems wohl bewusst.“

Schon früher hatte es Warnungen gegeben, dass das Risiko von Erosion und Instabilität zunimmt, wenn das vormals trockene Erdreich an den Hängen durch einsickerndes Wasser durchfeuchtet und gelockert wird. Der Sprecher des Stausee-Komitees verneinte, dass solche Gefahren bei der Verzögerung eine Rolle gespielt hätten. Erdrutsche seien „kein großes Problem“, hieß es.

Erst am 16.Oktober hatten die Behörden im Ort Quchi bei Chongqing Alarm geschlagen, weil in einer alten Erdrutschzone oberhalb des Orts ein neuer Riss entdeckt wurde. Der Haarriss soll 400 Meter lang gewesen sein. Auch in Hauswänden wurden Risse gefunden und Dutzende Einwohner noch am selben Tag evakuiert.


Professor Zhang Hua, der sich an der Drei-Schluchten-Universität mit geologischen Risiken befasst, hält die getroffenen Sicherheitsvorkehrungen für die Dorfbewohner in der Nähe des Damms eigentlich für ausreichend. Doch „mit dem Ansteigen des Wassers kann ich potenzielle Risiken nicht ausschließen, räumte der Experte jetzt ein.