Duft

Identifikation nach Geruch ist Zukunftsmusik

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Rolf H. Latusseck

Foto: pp / DPA

Bluthunde hetzen entlaufene Sklaven durch die Sümpfe in einem Baumwollstaat in Nordamerika. Solche Filmszenen kennt jeder. Steht uns Ähnliches jetzt in Deutschland bevor? "So etwas wird es in absehbarer Zeit nicht geben, und es wäre auch eine fragwürdige Methode", meint eine Biologin, die sich auskennt.

In Hamburg hat die Polizei in den vergangenen Tagen Globalisierungsgegnern Geruchsproben abgenommen. Speziell trainierte Hunde sollen eventuelle Tatverdächtige wiedererkennen, falls es im Zusammenhang mit dem G-8-Gipfel in Heiligendamm zu Ausschreitungen kommt.

Trainierte Hunde mit einer entsprechenden Veranlagung finden einen Fremden nur aufgrund des Geruchs mit 90-prozentiger Wahrscheinlichkeit. „Aber bei eineiigen Zwillingen wird es schon sehr schwierig“, sagt Elisabeth Oberzaucher vom Ludwig-Boltzmann-Institut in Wien. „Hunde sind nicht in der Lage, eineiige Zwillinge am Geruch zu unterscheiden.“ Selbst mit einer ausgefeilten Nachweismethode, der sogenannten Gaschromatografie sei das schwierig: „Bei Zwillingen finden wir nur sehr geringe Unterschiede.“

Elisabeth Oberzaucher ist Biologin an der Universität Wien und Spezialistin für menschlichen Körpergeruch. Was umgangssprachlich und im Wortsinn eher anrüchig wahrgenommen wird, bezeichnen Experten als „chemische Signatur“, „chemischen Fingerabdruck“ oder „Geruchsabdruck“. In aufwendigen Untersuchungen konnte die Wiener Arbeitsgruppe nachweisen, dass jeder Mensch sein ganz individuelles, unverwechselbares Duftbukett mit sich herumträgt.

Damit könnte der chemische Fingerabdruck für die Kriminalistik ebenso bedeutsam werden wie der klassische Abdruck des Rillenmusters auf den Fingerkuppen und der seit einigen Jahren gebräuchliche genetische Fingerabdruck. Und anstelle von Hunden könnte man vielleicht chemische Duftdetektoren einsetzen. Schon heute gibt es als chemische Nasen bezeichnete Analysegeräte, die spezielle chemische Substanzen erschnüffeln können.

„Aber eine chemische Nase zur Identifikation von Menschen ist absolute Zukunftsmusik. So etwas wird es in absehbarer Zeit nicht geben, und es wäre auch eine fragwürdige Methode – zumindest im Moment noch“, sagt Oberzaucher. „Gerüche wären allenfalls dazu geeignet, Suchräume einzugrenzen. Das heißt, man könnte einzelne Individuen verwandten Personenkreisen zuordnen oder eine Zuordnung ausschließen, also Familienverhältnisse klären.“

Die Schwierigkeit dabei ist, dass zwar jeder Mensch sein individuelles Grundmuster an Geruchsstoffen besitzt, dass aber das Gesamtbukett extrem variabel ist. „Bei der Identifikation einer einzelnen Person geht es deshalb darum, ihr charakteristisches Duftmuster zu erkennen. Dabei spielt es keine Rolle, ob einzelne Duftstoffe vorhanden oder nicht vorhanden sind“, sagt Oberzaucher. Das Problem gleicht dem der Gesichtserkennung durch Computer. Nicht ein einzelnes Gesichtsmerkmal bestimmt die Wiedererkennung, sondern eine Vielzahl von Merkmalen bei zudem noch unterschiedlichen Mimiken.

Im Körperschweiß von 200 Personen fanden die Wiener Forscher knapp 400 Duftstoffe, die häufig im geruchlichen Grundmuster einer Person zu finden sind. Das bedeutet im Einzelfall, dass jemand ein ganzes Dutzend Düfte von den 400 im eigenen Bukett verwendet oder aber nur einen einzigen. Der Variabilität sind keine Grenzen gesetzt. Hinzu kommen 5000 Geruchstoffe, die zwar regelmäßig, aber nicht zu jeder Zeit und bei jedem Einzelnen auftreten. „Und das alles bei nur 200 Versuchspersonen“, sagt Elisabeth Oberzaucher. „Wenn Sie wirklich umfangreiche Personengruppen untersuchen wollen, geraten Sie in ungeheuer große Zahlen.“

Zu der extremen Variabilität des individuellen Duftbuketts tragen die Ernährung, die psychische Stimmung, der Gesundheitszustand, vermutlich das Lebensalter und noch andere Faktoren bei. Auch relativ unempfindliche Nasen merken, wenn ein Mitmensch am Tag zuvor Knoblauch zu sich genommen hat, die meisten anderen Aromastoffe in der Nahrung sind weit weniger auffällig.

Eine besonders wichtige Rolle spielt eine Region im Erbgut, die als Haupt-Histokompatibilitätskomplex (MHC) bezeichnet wird. Proteine (Eiweiße) des MHC erscheinen auf der Haut und tragen zum Duftbukett bei. Außerdem ist dieser Erbgutabschnitt wichtig für das Funktionieren des Immunsystems, er ermöglicht dem Körper die Unterscheidung zwischen eigenem und fremdem Gewebe.

Damit kontrolliert der MHC, welche Bakterien unsere Haut besiedeln. Diese Mikroflora zersetzt Bestandteile des Schweißes und bestimmt so unseren Körpergeruch mit. Zwischen MHC und Hautbakterien besteht je nach Gesundheitszustand eine mehr oder weniger starke Rückkoppelung, die das individuelle Duftbukett mitbestimmt und in gewissen Grenzen variiert. „All das macht deutlich, dass es bei einer Identifikation nach dem Geruch nicht darum geht, einige Hundert Substanzen zu suchen, sondern deutlich mehr“, sagt Elisabeth Oberzaucher. Das ist mit chemischen Nasen nicht machbar.

So bleiben nur die Hundenasen für die Geruchsidentifikation, mit der sich schon die Nationalsozialisten und die Staatssicherheit der DDR im Zusammenhang mit Dissidenten beschäftigten. Eine Tradition, die der deutschen Polizei nicht gut ansteht.