Computermesse

Die Cebit ist auch ein Blick in die Vergangenheit

Wer auf die Cebit geht, hofft eigentlich auf einen Blick in die Zukunft. Manchmal trifft der User dabei aber auch auf die eigene Vergangenheit, etwa beim Gang durch die Mobilfunkabteilung. In einer Halle findet der Besucher sogar Gott – und erfährt, was dieser für irdische Probleme haben kann.

Ja. Ich bin ein User. Wollte eigentlich keiner sein. Damals als der Kollege S. vom Sport mit einem riesigen Funktelefon, einer Art Knochen, am Spielfeldrand entlang huschte und ständig telefonierte. Das war Mitte der 90er-Jahre, und andere Reporter wie ich mussten sich eine Telefonzelle suchen, wenn sie mit der Redaktion sprechen wollten. Hö-rer zwischen Ohr und Schulter, Stift, Block, 30 Pfennig, Steinzeit, schrecklich. Einerseits.

Andererseits konnte sich damals kaum jemand an den Gedanken gewöhnen, stets und ständig erreichbar zu sein. Wer auf offener Straße telefonierte, wurde noch angeguckt, als käme er vom Mond. 1995. So schnell geht das. Und jetzt? Spazieren wir über die Cebit. Und schauen uns die Zukunft an.

Ich gehöre zur Smartphone-Klasse. Immer dabei, immer auf Sendung. Geht da noch mehr? Na klar, hier! Deklamiert eifrig und beflissen Pierre Rutsch und dreht das Samsung S8500 Wave so rum und so rum dann noch mal so rum. "Beste Videoauflösung" ... "hat kein anderes Phone". "Lädt Spielfilme in 20 Sekunden runter" ... nein, einen Preis gibt es noch nicht, aber im April kommt es auf den Markt."

Früher auf der Hausfrauenausstellung in der hannoverschen Stadthalle wurden einem so die neuesten Sparschäler angepriesen. Jetzt sind es die iPhone-Imitate. Zukunft, Cebit-Lektion eins, lebt immer auch aus der Vergangenheit.

Gleich nebenan bei Sony Ericsson macht Benedikt Jütte folgerichtig gleich einen großen Bogen um sein Nachahmer-Phone. Stattdessen geht's zur "Greenheart"-Serie, einer Art Bio-Handy, das seinen Nutzer nach dem Aufladen freundlich, aber bestimmt darauf aufmerksam macht, doch bitte den Stecker des Ladegeräts zu ziehen, um keinen unnötigen Strom zu verbrauchen. Wird gemacht. Greenhearts Gehäuse besteht aus recyceltem Plastik, es ist minimal verpackt, spart so Ladefläche auf den LKWs und verfügt natürlich auch über ein paar nette Apps, Stromspar-Apps. "Das wird ankommen", sagt Jütte und guckt zuversichtlich.

User sind im Prinzip politisch korrekte Menschen, auch nett, und widersprechen solch euphorischem Vortrag nicht. Ich verstehe allmählich, warum sich die großen Handy-Hersteller relativ leicht tun, auf der Cebit nur mit einem winzigen All-in-one-Stand aufzutreten. Sie haben einfach nicht allzu viel Neues zu bieten. Im Prinzip, dieser Eindruck verfestigt sich, laufen alle Apple hinterher, dementieren aber, daraufhin angesprochen, ganz energisch, Apple jemals hinterherlaufen zu wollen.

Apple wie auch der Rivale RIM mit seinen Blackberrys sind nicht in den Messehallen zu finden, die finden Cebit nämlich eher uninteressant und ignorieren sie deshalb. Was Hannovers Messe AG zwar wurmt, aber nicht daran hindert, ihr Mantra weiterhin vor sich herzutragen. "Die Cebit ist die größte Computermesse der Welt." So. Nur dass man leider schon wesentlich bessere Zeiten gesehen hat. Die Zahl der Aussteller bleibt rückläufig. Die der Besucher auch. Eine dreiviertel Million waren es im Jahr 2000. Diesmal wäre man mit 400.000 schon ganz gut bedient.

Dipl.-Ing. Sascha Färber, seines Zeichen Manager Notebook Marketing bei MSI ist allerdings mal wieder hochzufrieden mit seiner Cebit. Die Halle 14, in der sein Stand einer der größten ist, brummt wie ein Computer-Gebläse der ersten Generation. "Man komme hier wirklich sehr gut ins Gespräch mit seinen Kunden." Färber verkauft die Zukunft nicht in Dosen, sondern in immer schmaler werdenden Tafeln unterschiedlichen Formats. All-in-one-PCs, Tablets, iBooks, von denen ein hier ausgestelltes, aber noch nicht ganz serienreifes tatsächlich auch aussieht wie ein Buch mit einem Bildschirm auf der rechten und einem zweiten auf der linken Seite. Hält man es senkrecht, glaubt man wirklich ein Buch vor Augen zu haben. Stellt man es quer auf den Tisch, wird der untere Bildschirm zur Tastatur. "Das ist die Zukunft". Es mag am User liegen, aber für einen kleinen Moment fühlt man sich der Gegenwart tatsächlich einen Schritt voraus. Danke, Herr Färber.

Ja. Ich bin ein User. Zuhause. Im Büro. Unterwegs. Immer funktionstüchtig, es sei denn, dem iPhone geht mal wieder der Saft aus, und das Ladegerät ist auch nicht zur Hand. Ich predige inzwischen schon. Schwärme den verblieben Fortschrittsskeptiker vor vom demokratischen Quantensprung, den das Internet möglich gemacht hat. Den wunderbaren Möglichkeiten, die Welt fast ganzheitlich zu entdecken, die das Internet möglich macht. Womit wir angekommen wären in Halle sechs, Stand K 34, bei Google, dem Giganten, dem Alleskönner. Google, so kommt es uns Usern gelegentlich vor, ist eine etwas merkwürdige Schreibweise für Gott. Gott hat gerade ein Problem. Sonst wäre er auch gar nicht hier auf der Cebit. Gott, äh, Google macht sich eigentlich lieber unsichtbar außerhalb der Bildschirme. So ist man allgegenwärtig und unnahbar zugleich, wird groß und größer. Und erkennt schließlich viel zu spät, dass manche Leute sich abwenden von einem, weil sie Angst haben vor dieser schieren Größe.

Und natürlich sind die Deutschen die ersten. "Streetview", Googles gigantisches Fotoarchiv ist Datenschützern, Politikern, konkurrierenden Medien und auch ziemlich vielen Eigenheim-Besitzern überhaupt nicht geheuer. Man guckt sich das zwar sehr gerne an im Netz, aber selbst angeguckt wird man dann lieber doch nicht.

Google heißt auf dem in letzter Sekunde eingebuchten Cebit-Stand Lena Wagner. Sie soll verhindern, dass in Deutschland neben einer ziemlich guten Geschäftsidee auch das ganze Unternehmen Schaden nehmen könnte. "Transparenz", sagt Lena Wagner, "sei jetzt das A und O". Was Google vielleicht lange Zeit nicht habe wahrhaben wolle. Und deshalb, bitte sehr, erlebt User auf dieser Messe doch noch eine Premiere, vielleicht sogar eine Sensation: Google, das Internet-Unternehmen schlechthin, die digitalisierte Globalisierung mit sechs Buchstaben, verteilt eine Broschüre. Gedruckt! Schwarz auf Weiß! Echtes Papier! "Google Street View" steht auf dem schlichten Heftchen, mit dem Lena Wagner für "Transparenz" sorgen soll. Außerdem hat sie noch einen Trupp Kunststudenten mitgebracht, die auf dem Messestand drei Streetview-Autos bunt anmalen dürfen. Die Botschaft ist klar: Google ist gar nicht böse, sondern fröhlich, ein im Grunde gemeinnütziger Verein, der an das Gute im Menschen glaubt, nicht an Datenmissbrauch. Städte, Gemeinden, User, Touristen, Restaurantbesitzer und neugierige Mitmenschen, alle könnten doch profitieren von Streetview, sagt Lena Wagner mit jenem Blick, den alle Verkäufer benötigen, um ihre Produkte doch noch loszuwerden. Google, auch das lernen wir auf dieser Cebit, ist ein sehr irdisches Unternehmen.

In der "Intel Gaming Hall" spielt die Zukunft reihenweise "Counterstrike". Die Turtle Entertainment GmbH gewährt hier, unterstützt von Dell und Intel einen Einblick in eine Welt, die aus Sicht vieler Aussteller mehr Zukunft, mehr Perspektive, mehr Erlöspotenzial hat, als vieles andere, das auf dieser Cebit präsentiert wird. "Gaming", die intensive Nutzung von Computerspielen, sei das Mega-Thema von morgen.

Dafür möchte zum Beispiel Tobias Merklinghaus sorgen, der die "ESL" promotet, die Electronic Sports League. 2,3 Millionen angemeldete User weltweit, ein Umsatz im zweistelligen Millionenbereich, ein eigener Internet-TV-Sender, eine eigene Halle auf der Cebit, die sich sonst höchstens SAP noch leistet. Keine schlechten Zahlen für ein Unternehmen, dessen Vorläufer Ende der 90er-Jahre als kleine Kölner Garagenfirma angefangen hat.

Letztes Geständnis: Ich hab' mir eine Wii gewünscht zum Geburtstag, ein Computerspiel also. Ich nehme auch tadelnde Blicke in Kauf, wenn ich vor dem Bildschirm meinen Aufschlag verbessere. Aber heute Abend, wieder zu Hause, macht sich doch eine gewisse Erleichterung bemerkbar, dass mein Sohn dem HSV-Spiel gegen Hertha entgegenfiebert und nicht dem Launch von Starcraft II, dem nächsten Megaseller auf Deutschlands Computermessen. Ja, ich bin ein User. Wollte eigentlich keiner sein.