Medizin

Wenn schöne Töne krank machen

Die positive Wirkung von Musik auf den Körper und die Seele des Menschen ist allgemein bekannt. Doch vor allem Profimusiker leiden unter Krankheiten, die ihre Ursache im Musizieren haben. Betroffen sind fast 70 Prozent der Orchestermusiker.

Foto: rh/tm / dpa

Sänger zum Beispiel verlieren ihre Stimme, Instrumentalisten dagegen klagen häufig über Haltungsschäden. Fast 70 Prozent der Orchestermusiker haben laut Untersuchungen Beschwerden im Zusammenhang mit ihrem Beruf, 13 Prozent müssen ihre Karriere deshalb sogar vorzeitig beenden.

Mittlerweile kümmert sich ein spezieller Zweig der Medizin um Musiker und ihre Berufskrankheiten, so wie es auch für Sportler seit Jahrzehnten Fachmediziner gibt. In den USA ist die Performing Arts Medicine bereits seit Anfang der 80er-Jahre etabliert. In Deutschland dagegen ist die Musikermedizin noch im Aufbau. Sie könnte sich in den nächsten Jahren aber zu einer interessanten Berufsalternative für junge Ärzte mit einer Affinität zur Musik entwickeln.

Ein Zentrum der deutschen Musikermedizin ist Freiburg im Breisgau, wo im Herbst 2005 mit Unterstützung des baden-württembergischen Ministeriums für Wissenschaft und Kunst ein Institut für Musikermedizin (FIM) gegründet wurde. Das Institut wird gleich von zwei Hochschulen getragen: der Freiburger Hochschule für Musik sowie der Albert-Ludwigs-Universität, vertreten durch deren Medizinische Fakultät. An der Musikhochschule wird zum Beispiel Prävention von musikerspezifischen Gesundheitsproblemen gelehrt. An der Medizinischen Fakultät der Universität ist das Fach Musikermedizin im vorklinischen und klinischen Studienabschnitt vertreten. Im Rahmen der ärztlichen Qualifikation besteht dort die Möglichkeit der Promotion sowie der Habilitation. Das FIM bietet zudem Fortbildungen für Musiker, Ärzte und Angehörige anderer Gesundheitsberufe durch Symposien, Tagungen und Kurse an.

Die Forschung des FIM erstreckt sich auf physiologische und psychologische Grundlagen des Singens, Sprechens und Musizierens sowie auf die Anwendung präventiver und gesundheitsfördernder Maßnahmen bei Musikern. In der Patientenversorgung schließlich versteht sich das FIM mit seinem Zentrum für Musikermedizin am Freiburger Universitätsklinikum als Anlaufstelle nicht nur für professionelle Sänger und Instrumentalisten, sondern auch für Laienmusiker, Chorsänger und nicht zuletzt für Angehörige anderer stimmintensiver Berufe wie Lehrer, Schauspieler oder TV-Moderatoren.

„Gerade Lehrer leiden sehr häufig unter Stimmversagen und Heiserkeit“, sagt Bernhard Richter, Professor für Medizin an der Universität Freiburg und Leiter des Zentrums für Musikermedizin am FIM. Die menschlichen Stimmbänder, die beim Sprechen wie eine Saloontür ständig auf und zu schwingen, legen bei einem Lehrer im Laufe eines durchschnittlichen Arbeitstages im übertragenen Sinn eine Strecke von mehreren Kilometern zurück. Wegen dieser starken Belastung sollten Sprecherziehung und die Prävention von Stimmproblemen in die Ausbildung von Lehrern verstärkt einfließen, meint Richter, der einerseits HNO-Arzt und Phoniater (Stimmarzt) ist, darüber hinaus aber auch ein Gesangsstudium absolviert hat.

Bei den Instrumentalisten sind vor allem die hohen Streicher, die Geiger und Bratschisten gesundheitlich gefährdet. „Das liegt zum einen an der den Körper ungewöhnlich stark belastenden Haltung, zum anderen aber auch daran, dass der Übe-Aufwand bei diesen Instrumenten besonders hoch ist“, sagt Claudia Spahn, Professorin für Musikermedizin und Leiterin des FIM. Geiger hätten deshalb oft Beschwerden an den Handgelenken, aber auch an den Oberarmen oder den Schultern.

Neben den Streichern seien Pianisten besonderen körperlichen Anstrengungen ausgesetzt, sagt Spahn, die zusätzlich zu ihrer Facharztausbildung ein Musikstudium abgeschlossen hat. Bläser dagegen hätten häufig Probleme mit der psychischen Belastung, nach 30 Takten Pause den richtigen Ton treffen zu müssen. Deshalb versuche das FIM auch, den Musikern bei dem Bewältigen besonderer Stresssituation wie Lampenfieber zu helfen.

Geigerinnen im Orchester. Die hohen Streicher wie Bratschisten und Violinisten müssen öfter zum Arzt als andere Instrumentalisten. Zum einen liegt das an der den Körper ungewöhnlich stark belastenden Haltung. Außerdem müssen sie in der Regel mehr üben als zum Beispiel Bläser.