Vermessung

Kamikaze-Mission zum Mond

Zwei Nasa-Sonden vermessen den Erdtrabanten und suchen Wasser - Eine soll kontrolliert auf dem Boden zerschellen

Der nächste Nachbar im All ist uns fremd geblieben. Zwölf Menschen haben ab 1969 den Mond besucht, trotzdem wissen die Astronomen über manche Regionen des Erdtrabanten weniger als über den viel weiter entfernten Mars. Deshalb will die US-Raumfahrtbehörde Nasa jetzt eine Renaissance der Mondforschung starten: An Bord einer Atlas-Trägerrakete hat sie gestern Abend kurz vor 22 Uhr die beiden unbemannten Sonden "LRO" und "LCROSS" zum Mond geschickt. Sie sollen eine der Kernfragen für eine Besiedlung des Erdtrabanten beantworten: Gibt es dort Wasser, das Menschen ein Überleben sichern könnte?

Die bislang erforschten Regionen des Mondes sind trockener als jede Wüste auf der Erde. Sonnenstrahlen würden Wasser dort sofort verdampfen lassen. Die Experten richten ihren Blick deshalb auf Extremregionen: Die Sonden sollen die Tiefen gigantischer Krater erforschen, in die seit Jahrmilliarden kein Sonnenstrahl mehr drang. In der dortigen Eiseskälte könnte sich gefrorenes Wasser erhalten haben, das etwa durch Kometen auf den Mond gelangt sein könnte.

Gipfeln wird die Mondreise in einer spektakulären Kamikaze-Mission. Eine der Mondsonden - LRO (Lunar Reconnaissance Orbiter) - wird sich von der Rakete trennen und Richtung Mond weiterfliegen, den sie ein Jahr lang umkreisen und kartografieren soll. Die zweite Sonde - LCROSS (Lunar Crater Observation and Sensing Spacecraft ) - bleibt zunächst mit der letzten Stufe der Atlas-Trägerrakete verbunden. Das Raketenteil dient später als Geschoss. Vier Monate lang bringt sich LCROSS für einen Einschlag in einem Mondkrater in Stellung, ehe im Oktober das Spektakel beginnt. Dann wird sich LCROSS von der Pkw-großen Raketenstufe trennen. Mit einer Geschwindigkeit von 9000 Kilometern pro Stunde wird diese Stufe in einem Krater einschlagen und eine Staubwolke von zehn Kilometern Höhe aufwirbeln. LCROSS durchfliegt die Wolke, sendet Messdaten über mögliche Wasserteilchen und andere Bestandteile zur Erde - und stürzt danach selbst in den Krater. Eine zweite Staubfontäne türmt sich auf, sie soll über Teleskope von der Erde aus untersucht werden.


Für die Nasa-Forscher ist die Mondmission wie eine Schatzsuche. Bislang schlägt ein Liter Wasser auf dem Mond mit etwa 100 000 Dollar zu Buche. So viel kostet es, ein Kilogramm Fracht dorthin zu transportieren. Projektmanager Dan Andrews erhofft sich von LCROSS eine "definitive Antwort" auf die Frage, ob es auf dem Mond Wasser gibt oder nicht. Sein Nasa-Kollege Todd May erwartet, dass die Mission "uns die nötigen Informationen liefert, um die beste Entscheidung über die künftige Präsenz des Menschen auf dem Mond zu treffen".


Bis 2020 wollen die USA wieder Menschen auf dem Mond bringen, dieses Ziel hat der frühere US-Präsident George W. Bush vorgegeben. Das Wasser brauchen die künftigen Mondfahrer dabei nicht nur zum Trinken. Mondwasser könnte in seine chemischen Bestandteile Wasserstoff und Sauerstoff zerlegt und zu Luft oder Raketentreibstoff umgewandelt werden. Selbst wenn es nur nutzbaren Wasserstoff gäbe, wäre den Mondfahrern geholfen.

Egal, ob die Sonden fündig werden oder nicht: Die Nasa verspricht, dass die LCROSS-Schwestersonde LRO die Mondoberfläche mit beispielloser Präzision fotografieren soll. Ziel ist es, einen idealen Landeplatz für eine bemannte Mission zu finden. So will die Nasa die Beinahe-Katastrophe des ersten Mondflugs 1969 vermeiden: Um ein Haar wäre die Apollo-11-Mission damals in einem Krater mit gefährlichen Felsbrocken niedergegangen. Neil Armstrong und Edwin Aldrin konnten gerade noch umsteuern, bei der knappen Landung neben dem Krater reichten die Treibstoffvorräte nur noch für 30 Sekunden Flug.