Tiere

Das Darwin’sche Dilemma der Straußenvögel

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Matthias Glaubrecht

Foto: ps_gr / dpa

Die weißen Straußeneier sind in der afrikanischen Graslandschaft alles andere als perfekt getarnt. Forscher fanden nun die Erklärung dafür: Die riesigen Eier sind weiß, damit sie in der Sonne nicht überhitzen. Dunkle Eier wären besser vor Fressfeinden geschützt aber die Embryonen würden noch im Ei sterben.

Bis zu 17 Zentimeter groß, einem „american football“ ähnlicher als einem Hühnerei, ist das Ei des Afrikanischen Straußes, das größte Ei in der Vogelwelt. Zudem ist es strahlend weiß - und damit in der afrikanischen Graslandschaft alles andere als perfekt getarnt. Alle anderen Bodenbrüter haben die Darwin’sche Lektion vom Überleben der Besserangepassten beherzigt; sie tarnen ihre Eier vor gefräßigen Feinden durch eine schmutzig braune oder grüne Farbe, die meist dem Untergrund um das Nest herum entspricht.

Eine solche Pigmentierung lässt die Eier von Bodenbrütern erfolgreicher zu Küken heranreifen; denn im Vergleich zu Vögeln, die ihre Nester in Bäumen oder Büschen bauen, sind ihre Gelege besonders anfällig für Räuber. Nur Vögel, die ihre Eier in Bäumen oder Felshöhlen legen, können sich unpigmentierte, weiße Eier leisten - dort kommt es nicht darauf an, ob sie auffallen.

Nur Struthio camelus, der größte lebende Vogel, spielt hier nicht mit. Gilt gar Darwins Grundregel der natürlichen Auslese nicht für den Strauß? So einfach ist Biologie dann doch wieder nicht. Darwins Mitentdecker der Evolutionstheorie, der britische Naturforscher Alfred Russel Wallace hatte bereits in seinem 1889 erschienenen Buch „Darwinism“ eine Erklärung versucht und vorgeschlagen, dass sich der Strauß die weißen Eier nur deshalb leisten kann, weil er groß und kräftig genug ist, um selbst ein auffälliges Gelege gegen Räuber zu verteidigen.

Aber nicht nur mit der Verhaltensbiologie, sondern vielmehr durch simple Physik lässt sich das strahlende Weiß erklären. Die Straußenhennen legen ihre Eier im Abstand von bis zu zwei Tagen, und es kann bis zu zwei Wochen dauern, bis ein Straußenhahn von seinem Hennen-Harem genügend Eier geliefert bekommen hat, damit sein Gelege komplett ist. Erst dann kümmern sich die Eltern um die Eier. Hahn und Hennen brüten etwa sechs Wochen lang. Mithin hängt das Überleben der Embryonen im Eicontainer gerade beim Afrikanischen Strauß erheblich vom Wärmehaushalt des Eis ab. In heißer Sonnenstrahlung verdirbt ein Vogelei viel schneller, als es etwa bei Kälte Schaden nimmt. Beim Strauß sollte die Temperatur in der biologischen Überlebenskapsel nicht höher als etwa 36 Grad Celsius liegen. Studien haben gezeigt, dass die Sterblichkeit des Straußenembryos bereits oberhalb von 37,5 Grad Celsius erheblich zunimmt.

Norwegische Vogelforscher um Flora John Magige von der Universität in Trondheim fanden jetzt in Feldversuchen in Tansania heraus, dass die Eier des Straußes weiß sind, um sie vor Überhitzung zu schützen. Im „Journal of Ornithology“ beschreiben sie, dass weiße Eier die Sonnenstrahlen deutlich besser reflektieren als solche Straußeneier, die die Forscher mit brauner Farbe angemalt haben.

Aus Naturschutzgründen hat Flora Magige für ihre Versuche nur solche Gelege verwendet, die von den Alttieren zuvor aufgegeben worden waren. Um die Eitemperatur während des Tagesverlaufs zu messen, wurden kleine Sonden an der Oberfläche und durch ein winziges Loch im Ei-Inneren platziert. Dabei zeigte sich, dass weiße Straußeneier deutlich kühler blieben, während sich die braun angemalten überhitzten. Bereits nach anderthalb Stunden in der Nachmittagssonne überstieg bei ihnen die Kerntemperatur jene kritischen 37,5 Grad Celsius. Die Embryonen wären gestorben. Allerdings zeigten weitere Versuche auch, dass sich weiße Eier aus deutlich größerer Entfernung in der afrikanischen Savanne ausmachen lassen als die farblich getarnten braunen Eier; erstere dürften damit auch Hyänen, Löwen oder Geiern häufiger zum Opfer fallen.

Der Afrikanische Strauß steckt also offenbar tatsächlich tief im Darwin’schen Dilemma widerstreitender Selektionsdrücke. Zwar würden braune, pigmentierte Eier eine bessere Tarnung bedeuten, doch überhitzen sich solche Eier unter der afrikanischen Sonne zu schnell. Strauße können ihr Nest anfangs nur deshalb längere Zeit unbewacht lassen, weil ihre Eier dank weißer Färbung über einen natürlichen Sonnenschutz verfügen; nur gegen Eiräuber schützt sie das nicht. Ob aber Straußenvögel allein deshalb so groß geworden sind, weil sie sich so ihrer Feinde besser erwehren können, müssen die Erben von Darwin und Wallace jetzt erst noch herausfinden.