Tierschutz

Der Fischerei droht das totale Fangverbot für Aale

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Ob geräuchert, auf Schwarzbrot oder in der Suppe: Der Aal ist einer der beliebtesten Speisefische weltweit. Er könnte jedoch bald vom Speiseplan verschwinden, denn die maßlose Fischerei hat die Bestände weltweit um drei Viertel reduziert. Von vielen Seiten wird darum ein totales Fangverbot gefordert.

Demnächst ist Schluss mit „Aal grün“, Hamburger Aalsuppe und Räucheraal auf Schwarzbrot. Einer der beliebtesten Speisefische Deutschlands ist so selten geworden, dass ein totales Fangverbot droht. Die EU-Kommission findet, der deutsche Managementplan zur Rettung der Aale reicht nicht aus, und verlangt härtere Schutzmaßnahmen. Der WWF (World Wide Fund for Nature) fordert einen sofortigen Stopp jeder Form von Aalfischerei. Und Ulrich Paetsch, Präsident des Binnenfischerverbandes Mecklenburg-Vorpommern, sieht die Existenz der Fischereibetriebe seines Landes gefährdet, die ohne Aale ein Fünftel ihres Einkommens verlieren würden.

Binnen weniger Jahre ist der Aal zur bedrohten Art geworden. Die Bestände schrumpften seit 1990 um über drei Viertel. Schuld an dem Desaster sind Franzosen, Spanier und Wasserkraftwerke. Französische und spanische Fischer fangen im Atlantik die Jungtiere, die von ihren Laichgründen in die europäischen Flüsse zurückkehren wollen. Sie werden Glasaale genannt und sind in China eine überaus beliebte Delikatesse. Bis zu 1100 Euro pro Kilogramm kann man auf dem asiatischen Markt erzielen.

Deshalb setzte Frankreich durch, dass seine Fischer auch 2010 wieder 14 Tonnen dieser Jungfische fangen dürfen. Das entspricht 50 Millionen Aalen. Wenn es den Tieren gelingt, den Netzen zu entwischen, droht auf ihrem Weg flussaufwärts neue Gefahr. Sie werden in Wasserkraftwerken zerhackt. Zwar gelten die Kraftwerke in den Flüssen als mustergültig klimaneutrale Energieerzeuger, doch für die Wasserfauna sind sie tödliche Fallen.

Aalfarmen können keinen Beitrag zum Überleben leisten, denn, so Catherine Zucco vom WWF: „Aalzucht ist lediglich Aalmast, jedes entnommene Jungtier fehlt dem Arterhalt.“

Tatsächlich pflanzen sich Aale – anders als Karpfen oder Forellen – in Fischfarmen nicht fort. Also müssen die Teichwirte ebenfalls Glasaale einkaufen, die sie dann bis zur Schlachtreife füttern. Übrigens nicht mit Aas, wie viele Menschen denken, die die „Blechtrommel“ gelesen haben. Darin werden Aale mithilfe eines verwesenden Pferdekopfes geangelt. Reale Aale mögen jedoch frische Nahrung, am liebsten Würmer, Krebse, Insektenlarven, Fischlaich und kleine Fische.

Sie besitzen eines der sensibelsten Riechorgane im ganzen Tierreich. Ihre unglaubliche Begabung, sich per Geruch zu orientieren, übertrifft bei Weitem jeden Hund. Durch diese Fähigkeit und ein auf wunderbare Weise vererbtes Ortsgedächtnis, gelingt es ihnen, aus der Sargassosee in die europäischen Flüsse zu finden, aus denen ihre Eltern stammten.

Der Europäische Flussaal unternimmt eine 7000 Kilometer lange Hochzeitsreise aus den Binnengewässern der alten Welt vor die Küste Nordamerikas. Hat ein Aal 32 Prozent Fett im Leib, hört er mit dem Fressen auf. Sein Darm schrumpft, und seine Augen wachsen, damit er in der Tiefsee besser sehen kann. Dann versucht er mit allen Mitteln, in den Atlantik zu gelangen. Kleinere Strecken schlängelt er sich notfalls über Land. Im Atlantik angekommen, steuern die Fische auf die Sargassosee südlich der Bermuda-Inseln zu. Dort haben Aale den ersten und letzten Sex ihres Lebens. Denn nach der Fortpflanzung sterben sie.

Aus den im Dunkeln der Sargassosee gelegten Eiern schlüpfen durchsichtige Larven, die wie ein Weidenblatt geformt sind. Drei Jahre tummeln sich diese Weidenblattlarven im Atlantik, dann verwandeln sie sich in Glasaale und schwimmen nach Europa. Vor 35 Jahren seien noch 28 Millionen Jungaale aus dem Atlantik die Elbe hoch gewandert, gab der Fischereiverband Brandenburg bekannt, heute sind es nur noch eine Million.

Während die Verminderung der Aale viel zu gut gelingt, bleibt ihre Vermehrung eines der großen Rätsel der Menschheit. Schon antike Naturforscher stellten verwegene Theorien darüber auf. Aristoteles glaubte, die Erde selbst spucke Jungaale aus. Es gab sogar die Hypothese, Jungaale würden sich aus Pferdeschweifhaaren oder kleinen Käfern entwickeln.

Nicht nur die ungeklärte Herkunft beflügelte Mythen und Legenden, sondern auch ihre schier unglaubliche Lebenskraft. Aale schlängeln sich noch Stunden, nachdem man ihnen den Kopf abhackte, und bewegen sich manchmal noch in der Bratpfanne. In früheren Jahrhunderten gehörten Aale zur Volksapotheke, unter anderem als sexuelle Stimulanz für Nutztiere. Bauern verfütterten lebendige Aale, um die Fruchtbarkeit ihres Viehs zu steigern.

Etwas Licht in das Dunkel der Aalreproduktion brachte der Däne Johannes Schmidt, der zwischen 1904 und 1922 Aallarven im Atlantik verfolgte. Er steuerte sein Schiff immer in die Richtung, wo er die kleinsten Larven entdeckt hatte, so lange, bis er noch kleinere fand. Endlich stieß er in der Sargassosee auf winzige Aale, die aussahen wie frisch geschlüpft. Doch dort endete die Spur.

Wo genau die große Aal-Orgie stattfindet, blieb im Dunkeln der Tiefsee. Deutsche Wissenschaftler versuchten einen Trick. Durch Hormonbehandlung brachten sie weibliche Aale zur Eierproduktion, statteten sie mit Drucksensoren und einem Sender aus und entließen sie an der Oberfläche des vermuteten Laichgebiets in der Sargassosee. Doch in 700 Meter Tiefe verstummten die Funksignale.