Alkoholmissbrauch

"Suchtprävention auf Entwicklungsland-Niveau"

Das Einstiegsalter in die Droge Alkohol wird immer geringer in Deutschland: Experten sprechen von einem eklatanten Mangel an Präventionsmaßnahmen gegen den Alkoholmissbrauch und fordern gleichzeitig die Abschaffung der "Happy Hour". Ihr Vorschlag: Jugendliche sollten kontrolliertes Trinken erlernen.

Foto: dpa

Suchtexperten fordern schon seit langem vorbeugende Maßnahmen gegen den Alkoholmissbrauch. „Es gibt einfach keine systematische Prävention in Deutschland, deshalb befinden wir uns hier auf dem Niveau eines Entwicklungslandes“, kritisierte der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Suchtpsychologie, Michael Klein. Es fehlten landesweite Programme, weil die Prävention bislang Sache der Kommunen sei.


Klein spricht sich dafür aus, die Präventionsarbeit für Jugendliche nicht nur in Schulen zu betreiben, sondern auch auf den Freizeit- und Familienbereich auszuweiten. Das Einstiegsalter in die Droge Alkohol läge heutzutage schon bei 14 Jahren. „Von den 14- bis 16-Jährigen in Köln etwa konsumieren bereits zwei Drittel regelmäßig Alkohol“, sagte Klein. Ein Drittel betreibe sogar „binge drinking“, das Trinken von fünf oder mehr alkoholischen Getränken hintereinander.


Als aussichtsreiche Präventivmaßnahme schlug Klein so genannte „learning-to-drink“-Methoden vor, wie sie beispielsweise schon in Berlin praktiziert würden. Hier gehe es nicht darum, Jugendlichen den völligen Verzicht auf Alkohol nahe zu legen, da dies aussichtslos sei. Vielmehr sollten junge Leute kontrolliertes Trinken erlernen, um dann rechtzeitig aufzuhören.


Das Verfahren wird erfolgreich von der Drogenhilfe Freiburg angewandt. „Wir zeigen den Jugendlichen, dass Wein ein Genussmittel ist, sehen uns zusammen Anbaugebiete an und lassen den Jugendlichen von einem Winzer erklären, was etwa der Unterschied zwischen einer Spätlese und einer Auslese ist“, sagte die Leiterin der Drogenhilfe Freiburg, Jeannette Piram. Es gehe darum, die Grundhaltung der Jugendlichen zu verändern. „Wir müssen sie heranführen an veränderte Trinksitten."


Des Weiteren fordert die Psychologin die Abschaffung der „Happy Hour“: Sie diene nur dazu ganz schnell ganz viel zu trinken. Piram verweist in diesem Zusammenhang auf die höhere Gewaltbereitschaft alkoholisierter Jugendlicher. Alkoholische Getränke zeitweise viel günstiger anzubieten, sei aus diesem Grund „ethisch nicht vertretbar“.


Besonders gefährlich sei es, wenn Jugendliche schon vor dem Ausgehen zu Hause mit dem Trinken beginnen – was oft als „Vorglühen“ bezeichnet wird. „Vorglüher haben ein ganz anderes, deutlich problematischeres Konsummuster als Personen, die sich nüchtern auf den Weg in die Stadt machen."

.